Sie hatte sich dagegen gesträubt mit aller Kraft ihres Willens. Mit all ihrem Stolz. Es war stärker als sie.

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Alfred Schwarz war wirklich in Berlin geblieben. War wenigstens meist in Berlin. Ende Oktober gastierte er in der Friedrich-Wilhelmstadt; unmittelbar nach Theodor Wachtel und mit gleich großem Erfolge.

Sie hatte ihn bis dahin nur wenige Male gesehen. Einmal traf sie ihn zufällig — war es zufällig? — im Vorzimmer von Frau Harriers-Wippern. Einmal begegnete sie ihm auf dem Wege zu ihrer Lehrerin. Sie sprachen nur knappe Worte miteinander. Er erkundigte sich nach ihren Fortschritten, wie sie sich eingelebt hätte. Sie gab so kurz als möglich Auskunft, nur so viel, als die kargste Höflichkeit forderte. Kaum so viel: denn die Abwehr lohte in ihrer Seele.

Aber sie mußte an ihn denken, Tag und Nacht. Im Zorn auf ihn und auf sich selber. In schmerzvoller Sehnsucht dann. Immer sah sie ihn vor sich, immer hörte sie seine Stimme. Mitten im Traum schrak sie auf: sie waren wieder in Rackow gewesen, er hatte wieder die „Letzte Rose“ gesungen, er hatte wieder gesagt: nur für Sie — nur für dich! Sie schrak auf und biß vor Scham in ihr Kissen und weinte —

Und nun gastierte er — Frau Harriers-Wippern hatte es beiläufig erzählt — in der Friedrich-Wilhelmstadt.

Ein paar Male war sie in der Königlichen Oper gewesen. Auf Billetts ihrer Lehrerin. Das gehörte ja zu ihrer Ausbildung. Ein paar Male auch in Konzerten. Einmal hatte sie Tante Oschitz in eine Beethovensche Symphonie begleitet, ein andermal durfte Harro mit ihr in ein Stockhausensches Konzert. Der gute Junge! Fast hätte er laut aufgejubelt, und wie er den ritterlichen Kavalier spielte!

Aber die Friedrich-Wilhelmstadt: Tante Marianne hätte nur die Achseln gezuckt. Und sie durfte doch auch nicht fragen, nicht bitten. Sie wollte ja auch gar nicht ... Nein! Nein! Nein!

Da kam Wilhelm: „Lene, hier! Herr Schwarz hat mir zwei Billetts geschickt ...“

Nein! Nein! — Ja! Ja!