Tante Oschitz machte eine bedenkliche Miene, aber Wilhelm streichelte sie mit klugen Worten.

Er sang den Postillion.

Und es war fast eine Enttäuschung. Er sang wundervoll, er spielte hinreißend. Das Haus jubelte ihm zu, wie es kaum Wachtel zugejubelt hatte. Und dennoch war es eine Enttäuschung: sie mochte ihn nicht als Postillion. Es tat ihr weh, ihn mit der Peitsche knallen zu hören. Es war ihr wie eine Erniedrigung. Sie schalt mit sich selber — und sie war doch auch froh darüber; erleichtert fast.

Zwei Tage darauf fuhren am Nachmittag die Rackower vor.

Frau Marie und Frau Marianne liebten sich nicht und waren daher doppelt artig gegeneinander. Immer erkundigten sie sich nach ihren beiderseitigen Interessen, für die sie doch kein Interesse hatten. Tante Marie nach der Mission in Indien, Tante Oschitz nach den Winterplänen der Rackower. Immer mit kleinen Malicen zwischen allen Artigkeiten. Onkel Ernst gab Harro einen derben Klaps: „Nun, mein Junge, wann hast du denn endlich die gräßlichen Schulbänke hinter dir?“ und tätschelte Helene beide Wangen: „Viele Grüße aus Rohlbeck. Sind alle gut zu Wege, bißchen fatigue siehst du aus, Leneken ...“ Dabei sah er schmunzelnd unter seinem Monokel um die Ecke auf die beiden Damen, die sich drüben am Kaffeetisch so eifrig und stimmungsvoll unterhielten.

Und dann hieß es: „Heut abend entführen wir dir natürlich die Lene. Aber, liebste Kusine, das ist doch selbstverständlich. Mach’ bloß kein so böses Gesicht. Wir liefern dir unsere Lene auch pflichtschuldigst persönlich ab. Um den Hausschlüssel müssen wir freilich bitten.“

Den Hausschlüssel bekam Helene nicht. Aber Urlaub bekam sie — „es wird auf dich gewartet werden.“

Vom Theater kein Wort. Und doch wußte Helene: heut abend singt er in Flotows „Martha“. Heut abend höre ich wieder die „Letzte Rose“ ...

Ganz still saß sie nachher im Wagen. Wußte nicht, ob sie sich freuen oder fürchten sollte. Würde es wieder eine Enttäuschung sein? Vielleicht konnte sie es überhaupt nicht vertragen, ihn auf der Bühne zu sehen, im Komödiantengewand, geschminkt und aufgeputzt. Vielleicht konnte sie den lärmenden Beifall nicht ertragen, der ihm zujauchzte. So schön wie in Rackow sang er auch gewiß nicht ... damals, als er nur für sie gesungen hatte ...

Dabei mußte sie Rede und Antwort stehen. Über ihren Unterricht, über Tante Marianne. Ja, und dann sprach Tante Marie wieder von Rohlbeck. Rohlbeck ... Rohlbeck ... was war das eigentlich? Wo lag das? Es war ja fast wie ausgelöscht in ihrer Erinnerung. Selten nur hatte sie in all der letzten Zeit an die Eltern gedacht, an Martha ... gerade nur die Pflichtbriefe hatte sie geschrieben. Sie verlangten ja auch nicht viel Nachricht daheim, das Porto war teuer. Ja ... und nun pochte das auch wieder an ...