Er nahm sie an der Hand, schielte unter seinem Einglas um die Ecke auf Graf Werther hin und auf Schwarz, die plötzlich in ein angeregtes Gespräch verwickelt schienen, führte Helene zur Tante. Sie knixte, küßte die Hand, bekam einen kleinen zärtlichen Klaps mit dem Fächer, grüßte noch flüchtig nach rechts und links, mußte von Onkel Ernst einen dicken Schmatz auf die Stirn in den Kauf nehmen: „Fameus hast du ausgesehen, Lene. Trotz deines simplen Fähnchens. Tante Marie müßte eigentlich mal mit dir zu Bonwitt fahren .... Nacht, Kind. Grüße den Drachen.“
Draußen stand Höhne mit dem diskret vertraulichen Domestikengesicht, das er armen Verwandten gegenüber immer hatte, geleitete sie, mit zwei Schritt Distanz, die Treppe hinunter zum Hotelwagen: „Untertänigst gute Nacht, gnädiges Fräulein.“
Und dann huschte sie durch den Vorgarten, der im ersten Schnee lag, unter den bereiften Bäumen hin, in fliegender Eile. Schon von weitem sah sie, daß die Lampe im Zimmer von Tante Marianne noch leuchtete. Ein schmaler Lichtkegel fiel aus dem Fenster im Erdgeschoß quer über den weißen Rasen.
Gleich, auf das erste leise Pochen, war Tante Marianne an der Tür. In ihr dickes Umschlagetuch ganz eingehüllt; das kleine, schmale Gesicht hob sich aus dem Schwarz wie ein Nonnenantlitz.
Es sah so ernst und so streng aus, daß Helene zusammenbebte, als ob sie sich einer Schuld bewußt wäre. Aber Tante Marianne hatte kein tadelndes Wort. Sie nickte nur, und es klang höchstens ein wenig spöttisch: „War es sehr schön, Helene? Nun ja, natürlich. Die Rackowschen sind ja die berühmten Amüseurs. Da steht das Licht. Gute Nacht, mein Kind.“
Nun war sie oben in ihrem Zimmerchen.
Als sie den Leuchter auf den Nachttisch stellte, fiel ihr erster Blick auf ein kleines, altes Buch, das bisher nie dort gelegen hatte. Ein Lesezeichen lag darin, in Kreuzesform geschnitten. Und als sie das Buch aufschlug, las sie:
„Wer die Welt erkieset,
daß er Gott verlieset,
Wenn es geht ans Scheyden,