Helene lauschte und lauschte. Manchmal senkte es sich wieder über sie gleich einem dichten Schleier, so daß sie nicht mehr die Worte, nur noch den Klang seiner Stimme wie im wohligen Traume hörte; dann kamen Momente, in denen sie mit einem heimlichen Jubel dachte: eigentlich spricht er nur zu dir, nur für dich allein. Und ein — zwei Male fühlte sie, wie, während er sprach, seine Hand unter der Tafel die ihre suchte. Dann schrak sie zusammen, rückte ab von ihm und konnte doch nicht wehren, daß er ihren Arm streifte, ganz leise, zärtlich, verstohlen.
Tante Marie hob die Tafel auf.
Im Salon nebenan wurde der Kaffee genommen. Und hier gewann Helene endlich die Selbstbeherrschung zurück. Sie stand, getrennt von ihm, in einem Kreise der jüngeren Herren, fand sich in dem leichten Plauderton zurecht. Es gab einige Anknüpfungspunkte. Der eine der Herren hatte in Sodelzig bei Onkel Grucker in Quartier gelegen, der andere kannte Fritz — „den sonderbaren Schwärmer, der ja unter die Demokraten gegangen sein soll“ — von der Universität her. Wilhelm kannten fast alle. „Warum ist Ihr Herr Bruder heut nicht hier?“ Graf Werther lachte: „Wilhelm Hackentin sitzt bei Ewest mit ein paar englischen Herren zusammen, die nach ungezählten Pfunden aussehen. Ich war vorhin auf einen Stipps drin und sah ihn zwischen wallenden grauen Bärten, ganz ehrwürdig vor lauter Wohlhabenheit.“
Plötzlich war Schwarz wieder neben ihr, und wie er vorhin das Gespräch der ganzen Tafel beherrscht hatte, so wußte er sie jetzt aus der Unterhaltung der anderen herauszureißen, sie für sich selber zu isolieren. Was er zuerst sagte, das durften, konnten sie alle noch hören. Nach ihren Studien fragte er. Ob sie sich zufrieden fühle bei der Kollegin Wippern? Wartete die Antwort nicht ab, sondern ergänzte selber: „Unsere treffliche Harriers-Wippern ist ja Ihres Lobes voll. Meine Lieblingsschülerin, sagt sie immer wieder. Aber eigentlich müßten Sie zur Viardot nach Baden-Baden. Das wäre die rechte Lehrerin für Sie.“
Dann, als sie für ein paar Augenblicke allein standen, flüsterte er hastig: „Entsetzlich — diese Geselligkeit. Dieser Zwang! Nicht zwei Worte kann man unbeobachtet mit jemand sprechen, dem man so viel zu sagen hätte, so unendlich viel ...“
Sie sah scheu, erschrocken, fast verständnislos zu ihm auf, senkte gleich wieder den Blick. Ihr war’s ja, als hätten sie den ganzen Abend über miteinander gesprochen, zueinander, nur zueinander und füreinander.
„... so unendlich viel zu sagen!“ wiederholte er heiß. „Es muß anders werden. Ah, jetzt nur einmal einen Spaziergang durch den Rackower Park, allein, ohne diese zudringlichen, neugierigen, fremden Gesichter. Allein ... wir beide ... wie schön müßte das sein!
... So sprechen Sie doch! Nur ein paar Worte, ich beschwöre Sie. Morgen — nicht wahr? — Morgen gegen ein Uhr gehen Sie zur Wippern ...“
Sie konnte ja nicht sprechen. Ihre Stimme war erstickt. Vor Angst, vor Scham, vor fassungsloser Scheu. Aber der Stolz war von ihr abgefallen, verweht, dahin. Sie neigte willenlos den Kopf.
„Ein Uhr ... Dank ...“ hörte sie noch. Und da kam Onkel Ernst angekugelt, quer durch den Salon: „Leneken, jetzt mußt du aber leider fort. Sonst kriegen wir’s mit Tante Oschitz zu tun, und ich bin kein Ritter Georg — das Drachentöten war nie meine Force.“