Da öffneten sich auch schon die Flügeltüren. Der Oberkellner kam majestätisch auf Tante Marie zu: „Madame, est servi.“ Ein fremder Herr verbeugte sich: „Gnädiges Fräulein, ich habe die Ehre ...“ Sie legte ihre Hand in seinen Arm. Einmal dachte sie, wie im Fluge: ‚Ein Glück, daß er dich nicht führt.‘ Dann: ‚Wärst du doch weit von hier, bei Tante Oschitz und Harro, oder in Rohlbeck ...‘ Dann wieder: ‚Wirst du ihn nachher noch sprechen?‘ ...
Erst als sie saßen, als Graf Werther ein paar Worte zu ihr gesprochen hatte, bemerkte sie, daß Alfred Schwarz ihr zur Rechten saß. Wieder schrak sie zusammen, wieder wagte sie nicht, aufzusehen, nicht, ihn anzusehen. Und sehnte sich doch mit aller Leidenschaft ihrer Seele nach einem Blick aus seinen Augen, nach einem Wort von seinen Lippen.
Dann fiel ihr mit einem Male ein, daß Vater wohl manchmal gesagt hatte: „Bist doch mein tapferes Mädel!“ Sie klammerte sich an das Wort. ‚Nein: nicht feige sein! Ankämpfen, ankämpfen! Um Gottes willen, was sollen denn diese fremden Menschen denken?‘
Es war ihr immer noch, als säße sie in einem großen Schleier. Nur undeutlich sah sie drüben die weiße Feder auf dem Turban, den Tante Marie trug, und den blitzenden Crachat auf der Brust des Herrn neben ihr. Nur undeutlich hörte sie, was man sprach. Aber nun zwang sie sich. ‚Bist doch mein tapferes Mädel!’ Nun kämpfte sie gegen sich an. Und langsam, ganz langsam sank der Schleier nieder. Der Wille kam ihr zurück. Sie nahm ein paar Bissen, sie trank hastig ein Glas Champagner. Sie konnte jetzt antworten. „Ja, ich bin noch nicht lange in Berlin.“ — „Jawohl, es gefällt mir ausgezeichnet.“ ... „Bei meiner Tante Oschitz.“ — „Ganz richtig, mein verstorbener Onkel war Vortragender Rat im Kultusministerium.“
Und dann hörte sie plötzlich auch seine Stimme neben sich. Leise flüsterte er: „Habe ich gut gesungen heut abend? Ich sang auch heut nur für ... nur für ein wunderschönes junges Mädchen, das rechts in der Fremdenloge saß. Ein wunderschönes Mädchen mit rostbraunem Haar, mit blauen, leuchtenden Augen ...“
Die ganze Tischrunde, meinte sie, müßte es gehört haben. Aber das schwirrte und schwirrte durcheinander.
„Darf ich denn diese wunderschönen blauen Augen jetzt nicht wiedersehen?“
Es zwang sie. Er zwang sie. Sie mußte sich ihm zuwenden. Dabei raffte sie noch einmal all ihren Willen, all ihre Kraft zusammen, rang um ein Lächeln, suchte nach einem abwehrenden leichten Scherz zur Antwort. Aber als sie ihn ansah, brachen Wille und Kraft zusammen.
Vielleicht fühlte er es. Vielleicht stieg das Mitleid in ihm empor. Er sprach lauter, so daß es die Nächsten hören mußten: „Es war ein recht gutes Ensemble. Fanden Sie nicht auch, gnädiges Fräulein? Das Orchester ist sogar vortrefflich. Man darf ja nicht die Ansprüche stellen, die einer großen Oper gegenüber berechtigt sind. Aber immerhin, es ist mehr als Mittelmaß. Dazu dies dankbare Publikum!“
Sie verstand seine Absicht, war ihm dankbar. Aber sie brachte nur mit Mühe ein „Es war sehr schön —“ über die Lippen. Ein Hauch war es nur, wohl ihm allein verständlich, und er mochte es deuten — in seinem Sinne. Er strahlte sie an. Und als ob sie nun seiner Stimmung Flügel verliehen hätte, riß er das Tischgespräch an sich. In sprühender Laune erzählte er vom russischen Hofe, gab kleine Theateranekdoten, Kulissenscherze zum besten; sprach dann wieder ernster: von Richard Wagner, den er in Zürich kennen gelernt hatte, von dem greisen Meyerbeer, dem er in Paris nähergetreten war, von Rubinstein, in dessen Petersburger Heim er Gast gewesen. Er sprach vortrefflich, pointenreich. Daß er — immer er im Mittelpunkt aller Wendungen stand, was verschlug’s? Vielleicht gab gerade das Persönliche seiner Unterhaltungsgabe besonderen Reiz.