Ein paar Male mußte Alfred verreisen. Auf vier, fünf Tage, einmal auf eine ganze Woche. Nach Dresden, nach Köln, nach Hannover zu Gastspielen. Das waren trostlose Tage. Dann legte sich jedesmal die Stille der einsamen Insel mit Zentnerschwere auf Helene. Nicht als Frieden empfand sie die Ruhe, nur als Öde. Ihrem ganzen Leben fehlte der Inhalt; selbst die Kunst war keine Trösterin. Tante Mariannes leise, dünne Stimme tat ihr fast körperlich weh. Nichts interessierte sie. Was kümmerte es sie, wenn Tante Oschitz aus der „Kreuzzeitung“ vorlas, daß Preußen an der Halsstarrigkeit der liberalen Abgeordneten zugrunde gehen würde, daß der König, Bismarck und Roon auch gegen diese verstockten Demokraten die Heeresreorganisation durchsetzen müßten; daß die Russen sich mit den Polen in den Haaren lägen? Was kümmerte es sie, wenn der Tränen-Müller im dämmrigen Salon schöne Worte über die Weihe der kommenden Weihnacht sprach, während ein halbes Dutzend alter Damen, um ihn gruppiert, Missionsstrümpfe strickte.
Ja, wenn Harro noch der alte gewesen wäre, der junge, liebe, frische Kamerad. Aber um Harros Unbefangenheit war es geschehen. Anfangs hatte sie sich amüsiert, wie er ihr Ritterdienste leistete, daß er ein wenig verliebt in sie war, wie er das äußerte, mit verstohlenen Blicken, mit halben Worten. Nun war das anders. Er konnte sie schweigend eine Viertelstunde lang anstarren, fest zusammengepreßt die Lippen und düster die Augen. Manchmal war es zum Fürchten. Manchmal dachte sie: Er ahnt etwas von deinem heimlichen Glück, er ist eifersüchtig, er quält sich und will dich quälen. Dann war’s wieder, als wollte er gutmachen. Sie fand plötzlich auf ihrem Zimmer ein paar Rosen. Rosen zur Winterszeit! Daß der Junge nur nicht sein ganzes Taschengeld für sie verpulverte. Oder er faßte plötzlich nach ihrer Hand und bat: „Du übst wohl viel, aber uns singst du gar nichts mehr vor. Tu’s wieder, liebe Helene.“ Sie mußte den Kopf schütteln. Was sie jetzt hätte singen können, wie sie’s hätte singen mögen, das paßte nicht für die einsame Insel, auch nicht für Harro —
Schreckliche Tage, diese Tage, an denen Alfred fern war. Aber auch die Sehnsucht hatte ihre Süßigkeit. Und dann flogen ja die heimlichen Briefe herüber und hinüber, Poste restante-Briefe, die sie von der Hauptpost in der Spandauer Straße abholen mußte, jedesmal mit erneutem Herzklopfen. Ein kümmerlicher Ersatz freilich, solch ein Brief. Auch faßte Alfred sich immer so kurz. Kein Wunder zwar bei dieser aufreibenden Tätigkeit auf den Gastspielreisen, bei den langen Fahrten, den Proben, den vielen Verpflichtungen. Aber das Schreiben lag ihm wohl überhaupt nicht. Er berichtete nur, und Herz und Augen suchten in seinen Zeilen oft vergeblich nach den heißen Liebesworten.
Was tat’s! Was verschlug’s?! Ein paar Tage, und er war wieder da! Sie sah ihn wieder, sie flüsterten und raunten, sie lachten und jubelten und waren glücklich.
Dann setzte der Winter, der so lange gezögert hatte, mit voller Macht ein und erwies sich als ein arger Störenfried.
Den richtigen deutschen Winter, wie er nun mit einem Male da war, fürchtete Alfred. Über das bißchen Schnee und ein, zwei Grad Kälte war er fortgekommen; als aber die Eisblumen an den Fenstern blühten, fühlte er im Geist schon den Katarrh, begann zu schelten, daß man an der Spree gegen Witterungsungunst schlechter geschützt sei als an der Newa, und ging trotz Pelzkragen und Schal nur ungern über die Straße. Mit den heimlichen Wanderungen durch den Tiergarten oder durch das Gassengewirr vom Molkenmarkt zum Alexanderplatz war es vorbei. Das Landkind, das mit Vater bei achtzehn Grad Kälte im offenen Schlitten zu fahren gewohnt war, wollte das nicht recht begreifen. Aber da der geliebte Mann so empfindlich war, half’s ja nichts: sie mußte sich fügen.
Sie ratschlagten.
„Ich mache einfach bei deiner Tante Besuch“, meinte er. „Ich habe schon manchen Drachen gezähmt, um mit dem Rackower zu sprechen.“
„Tante Marianne ist kein Drachen. Aber —“
„Aber —“, fragte er heftig zurück. „Sollte ich ihr etwa deiner Meinung nach nicht vornehm genug sein?“