Es kränkte sie ein wenig. Ihr ‚Aber‘ konnte sie doch nicht recht begründen. „Ich hab’s nur so in den Fingerspitzen, Fred ... es tut nicht gut.“

„In den Fingerspitzen? Zeig’ doch mal her.“ Er lachte und küßte jeden einzelnen Finger einzeln auf die rosige Spitze. „In diesen allerliebsten Dingerchen hier können ja nur die allerschönsten Ideen hausen. Wenn in den Fingerspitzen überhaupt Ideen wohnen können.“

Er machte seinen Besuch, wurde sogar angenommen; brachte zur Einführung eine Empfehlung der Rackowschen Herrschaften, sprach sehr zierlich über die reizende Lage der einsamen Insel, bewunderte das alte Berliner Porzellan in der Mahagoniservante, spielte, ganz beiläufig, darauf an, daß er eigentlich die wundervolle Stimme von Fräulein von Hackentin entdeckt hätte — und wurde, ehe er es sich noch versah, in Gnaden entlassen. Oder richtiger: nur entlassen.

Helene war nicht anwesend gewesen. Als ihr aber Tante Oschitz von dem Besuch erzählte, setzte sie hinzu: „Dieser Herr Schwarz oder wie er heißt, paßt zu den Rackowschen. Er ist auch ein Fant!“

Das Blut jagte über Helenens Wangen. Gut, daß es zwischen den tiefen Mauern immer so dämmerig war. „Ein Fant! Tante Marianne, wie kann man so hart urteilen nach einmaligem Sehen!“ stieß sie heiß hervor. Empört war sie. Das war noch das mindeste, was sie der Tante sagen mußte.

Die alte Dame schwieg eine Weile. „Vielleicht hast du recht, Kind,“ meinte sie dann. „Wir sollen nicht allzu schnell urteilen. Ich erkenne auch an, daß dieser Herr dein Bestes gewollt hat. So magst du ihm wohl dankbar sein dürfen. Aber ungerecht war ich, glaube ich mindestens, doch nicht. Ich habe in den Gesichtern der Menschen lesen gelernt: in diesem hübschen glatten Gesicht sehe ich nichts als Oberflächlichkeit.“

„Daß du ihn einmal singen hörtest, Tante!“

„Ich bin wohl nicht musikalisch genug, um das würdigen zu können, Helene. Aber gesetzt, er sänge wie Orpheus, so würde mich das nicht beeinflussen. Kunst ist ein Kräutlein nicht für alle Leutlein, sagt ein altes Sprichwort. Bei seiner Kunst müßte ich immer an das Theater denken, und ich liebe diese Welt des Scheins und des Trugs nicht. Du weißt es.“

Sie sprach das alles mit ihrer ruhigen, leisen, sanften Stimme. Daß diese Stimme doch so wehe tun konnte!

„Herr Pastor Müller geht aber auch ins Theater.“