Und nun wird wohl wieder alles anders; nun ist wohl auch sie den letzten Sommer hier oben. Und was soll dann mit ihr werden? Kjersti Hoël hat bisher nichts hierüber geäußert, vielleicht will sie sie nicht einmal länger im Dienst behalten. Aber sie jagt diese Gedanken von sich; sie will jetzt nicht daran denken, jetzt, wo alles um sie herum so herrlich, friedlich und schön ist; wie sich auch alles gestalten, wohin sie auch kommen mag, so viel ist sicher, diese Plätze wird sie nie vergessen können und vor allem niemals diesen Stein, der immer ihr Lieblingsplatz gewesen ist, und vollends nun, nachdem es hier oben in den Bergen so einsam um sie geworden ist. Und von neuem schaut sie umher.

Da erblickt sie weit draußen im Moor die Gestalt eines Mannes, der auf sie zu gewandert kommt; ab und zu beugt er sich nieder, offenbar, um eine Multbeere zu pflücken, die nun bereits zu reifen anfangen. Da nehmen ihre Gedanken eine andre Richtung.

Wer das wohl sein mag? Es kann wohl kaum einer sein, der nach seinen Pferden ausschaut; denn die pflegen nie an Sonntagen zu gehen. Ein Beerensammler kanns aber auch nicht gut sein; denn die Multbeeren sind noch nicht so reif, daß das Sammeln sich lohnte. Es muß einer sein, der zu seinem Vergnügen im Gebirge wandert. Wenn es Jakob wäre! Den hat sie seit letztem Herbst nicht wiedergesehen, und damals sagte er ja, er wolle sie im Sommer aufsuchen; die Gestalt glich aber auch Jakob nicht, außerdem kannte der sich wohl kaum hier im Westgebirge genügend aus, um sich allein zum Klininggrautstein hinauf zu finden, und es sah so aus, als ob der dort gerade hierher wollte, und offenbar kannte er auch das Moor und wußte, wo Multbeeren wuchsen, und wo es gangbar war. Es war doch nicht etwa gar …? Sie wurde rot beim bloßen Gedanken, aber gerade da war er unten am Abhange verschwunden, und sie konnte ihn nicht mehr sehen.

Unwillkürlich band sie ihr Kopftuch fester, strich ihr lichtes Haar unter das Tuch zurück und glättete die Falten ihres Rockes. Darauf setzte sie sich, mit dem Rücken halb nach der Richtung gewandt, von wo er kommen mußte, nahm ihr Buch, beugte den Kopf darüber und tat, als ob sie läse.

Bald darauf kam hinter ihr ein junger Mann die Anhöhe herauf. Er hatte funkelnagelneue Frieskleider an, einen neuen Schal um den Hals gebunden und trug hohe Schaftstiefeln; er war nicht gerade groß, eher untersetzt, und in dem jugendlichen Gesicht mit dem kaum bemerkbaren Schatten eines Flaums unter der Nase saßen ein Paar braune, gutherzige und treue Augen. Er blieb eine Weile stehen und sah auf die Ebene herab, wo Sidsel auf dem Steine saß und die Herde um sie rastete; es war deutlich zu sehen, daß dies Bild in ihm eine Erinnerung wachrief, daß er das Bild schon früher gesehen hatte. Sidsel sah nicht auf, aber sie fühlte, daß der andre dort war, fühlte es förmlich im Rücken, daß er dastand und sie betrachtete. Er lächelte; dann machte er einen Umweg, um von der Seite her zu ihr hinunter zu kommen, damit das Vieh Zeit hätte, seiner rechtzeitig gewahr zu werden, und nicht erschreckt aufführe. Er ging ruhig gerade auf sie zu, so daß sein Schatten über das Buch hinglitt; da blickte sie auf, und ihre Augen begegneten sich; beide erröteten leicht, aber da sagte er rasch:

Guten Tag, Sidsel!

Guten Tag! Nein, du bist’s Peter? Was bringt denn dich hierher?

Sie gaben sich die Hand.

Ja, ich dachte, es müßte nett sein, die alten Plätze wieder zu sehen, und da Jakob dich hier oben besuchen wollte, schloß ich mich ihm an.

Ist Jakob auch mit?