Aber sehen Sie, es kann manchmal schnell gehen mit dem Kennenlernen und Verloben und es hält doch.“

Der Zug begann langsamer zu fahren.

„Leben Sie wohl, meine jungen Damen,“ sagte der liebe, alte Herr mit seinem freundlichsten Lächeln, „vergeben Sie, wenn Ihnen meine Geschichte zu lang war, und nehmen Sie ja kein Beispiel daran! Immer geht’s nicht so gut ab mit dem Lügen und dann ist es doch sehr unangenehm, wenn es an’s Licht kommt!“

Der Zug hielt an, der alte Herr verließ uns und ich habe ihn seitdem nicht wieder gesehen. — Aber noch heute besteige ich keinen Dampfwagen ohne die leise Hoffnung, den silbernen Kopf meines alten Herrn mir entgegenglänzen zu sehen und ihn noch einmal lachen zu hören!

[Glück muß man haben!]

„Und wenn Sie, verehrtester Herr Amtsrath, meiner Werbung nicht durchaus abgeneigt sein sollten, so darf ich wohl die ergebene Bitte aussprechen, die Inlage Ihrer Fräulein Tochter zu übergeben und mir, in freundlicher Rücksichtnahme auf die Verhältnisse, Ihre Antwort womöglich noch im Laufe des heutigen Tages zugehen zu lassen, was sich ja bei der fast stündlichen Eisenbahnverbindung zwischen hier und Frankenberg sehr wohl ermöglichen läßt.“

Mit diesen Worten schloß der Lieutenant Fritz Sterneck seinen Brief, steckte ihn ins Couvert, schrieb die Adresse: „An Herrn Amtsrath Solgers in Neu-Tessin bei Frankenberg“ und legte das bedeutungsvolle Schriftstück mit einem erleichterten „So“ vor sich auf den Tisch.

Die Lampe, welche diesen Tisch beleuchtete, kämpfte schon in unschöner Mattigkeit gegen den jungen Sommermorgen — noch dazu einen Sonntagsmorgen — der frisch, duftig und noch in leichten Frühnebel verhüllt über der schlafenden Stadt emporstieg.

Fritz löschte das Licht, welches ihm zu seiner nächtlichen Schreiberei gedient hatte, und nahm mit dem seltsamen Gemisch von nüchterner Müdigkeit und nervöser Erregung, welches wir in dieser allerfrühesten Morgenstunde so leicht empfinden, am geöffneten Fenster Platz. Es schien ihm kaum mehr der Mühe zu lohnen, den Schlaf noch einmal aufzusuchen; er blickte, den Kopf in die Hand gestützt, gedankenvoll auf den leeren Marktplatz zu seinen Füßen und unwillkürlich drängte sich ihm die Frage auf, ob wohl jedem Bräutigam nach der Abfassung des Werbebriefes so — ja so richtig nüchtern zu Muthe sei? Oder lag es bei ihm in den besonderen Verhältnissen?

Er stand gewissermaßen in doppelter Hinsicht auf dem Sprunge. Sein Abschied vom Militair war eingereicht und er trat bis zur Bewilligung desselben am nächsten Tage einen Urlaub an, um sein väterliches Gut selbst zu übernehmen, auf welchem er aufgewachsen, und an dem ihm jeder Zoll Boden bekannt war.