Ebenso bekannt war ihm die Familie eines Gutsnachbarn seiner Eltern, des etwas gewaltthätigen Amtsraths Solgers, seiner schüchternen, graublonden Frau, und seiner noch schüchterneren und noch graublonderen Tochter Amalie.

Nach der Meinung und Ansicht der Seinigen konnte Fritz gar nichts vernünftigeres thun, als Amalien zu heirathen — „die Aecker grenzten nachbarlich zusammen, die Herzen stimmten überein“ — oder wenn sie es nicht thaten, so war dies, wie ältere Leute oft zu sagen und an Beispielen zu erläutern lieben, durchaus kein Grund, warum die Besitzer dieser Herzen nicht äußerst glücklich mit einander werden sollten.

Fritz war im Grunde seiner ehrlichen Seele, trotz eines hin und wieder hervorbrechenden knabenhaften Uebermuthes, ein ganz klein wenig Philister — das heißt Familienphilister! — was man daheim für gut und wünschenswerth erklärte, hatte er bis jetzt auf Treu und Glauben ebenfalls dafür hingenommen, und so war ihm auch Amalie Solgers immer als etwas gutes und wünschenswerthes geschildert und erschienen. Immer — bis heute Morgen, wo er sich entschlossen hatte, um sie zu werben!

Als er, den großen Entschluß couvertirt und adressirt vor sich auf dem Tische, in den herrlichen jungen Tag hinausblickte, der in seinen halb durchsichtigen Wolkenschleiern die waldigen Hügel des nahgelegenen Höhenzuges bald zeigte und bald verbarg — da überfiel ihn mit plötzlicher Traurigkeit das Bewußtsein, was ihm eigentlich fehle! So duftig, so unbegrenzt und unbestimmt in Form und Umriß muß nicht nur die Frühstunde eines schönen Tages — nein auch die Morgenstunde des Lebens sein, wenn sie nicht ihren Zauber verlieren soll! Der Reiz der Ungewißheit war es, der seinem Zukunftsbilde mangelte — es lag nicht vor ihm, wie eine blaue Ferne im Frühlicht, die man mit ahnungsvollem Entzücken, unbekannten Abenteuern entgegen, betritt — sein Schicksal glich einem kleinen, prosaischen Pachterhof im Mittagssonnenschein, abgegrenzt, durch und durch alltäglich — und nur dem begehrenswerth, der die ersten Schaumperlen vom Lebensbecher schon getrunken hat!

Er versuchte, sich einzureden, daß nur die schlaflose Nacht es sei, die ihm sein neues Glück in so überwachter, mattfarbiger Beleuchtung zeige, und griff nach der Mütze, entschlossen, den mahnenden und grollenden Stimmen in seinem Innern durch eine vollendete Thatsache, d. h. durch Abschicken des Briefes, Schweigen zu gebieten.

Während er das Couvert noch in der Hand hielt, und zweifelhaft betrachtete, wurde ihm klar, daß vor dem späten Abend auf Antwort nicht zu rechnen sei, selbst angenommen, daß sein zukünftiger Schwiegervater in der Laune sein sollte, ihm sofort ein „Ja“ oder „Nein“ zuzurufen oder besser zuzudonnern; der Amtsrath war, wie gesagt, ein gewaltthätiger Herr und hatte eine seinem Temperament entsprechende Stimme, vermittels derer er die sanften Einwürfe seiner Frau und Tochter einfach todtschrie.

Im günstigsten Falle einen ganzen Tag lang auf solchen Bescheid zu warten hat um so weniger etwas Verlockendes, wenn die Zeit einem Sonntage angehört. Das dunkle Gefühl, daß dies der letzte Sonntag ungebundener Freiheit für ihn sei, daß er vielleicht vor Ablauf der Woche schon als mäßig beglückter Verlobter an der Seite der blassen Amalie mit der stets etwas duldenden und leidenden Miene sitzen werde, bewirkte, daß unser Held aufsprang und schnell, ohne viel zu überlegen, einen grauen Civilanzug statt seiner Uniform anlegte, mit dem Entschlusse, diesen „letzten Sonntag“ noch auf irgend eine Weise auszunützen, und sich als Spielball dem lustigen Dämon Zufall in die Hand zu geben, der es vielleicht gut genug mit einem ehrlichen Gesellen meinte, um ihm vor Thoresschluß noch einen amüsanten Tag zu gönnen.

„Aber der Brief muß fort,“ sagte Fritz vor sich hin, während er sich anschickte, das Haus zu verlassen, „denn sonst bleibt die Geschichte wieder wochenlang liegen, und ich möchte nun endlich einmal damit ins Reine kommen.“

Bei diesen Worten trat er auch schon auf den Marktplatz hinaus, an dessen Eckladen ihm ein Briefkasten einladend entgegenwinkte.

Als Fritzens Werbung in dem breiten Spalt des Kastens verschwunden war, erhob er die Augen und erblickte zwei weibliche Gestalten, welche an ihm vorbei über den Platz gingen.