Es fiel ihm auf, daß die Damen zu so früher Stunde das Haus verließen, und sein Interesse an ihren Beweggründen wuchs mit großer Schnelligkeit, als er bemerkte, daß eine der beiden Spaziergängerinnen ein junges Mädchen von ganz besonderer Anmuth war. Der breitrandige Strohhut warf zwar über den oberen Theil ihres Gesichts einen leichten Schatten, vermochte aber nicht zu verbergen, daß zwei blitzende, dunkelblaue Augen sich als Licht in diesem Schatten befanden. Den Augen entsprechend trug das ganze Gesicht, ja die ganze Erscheinung des Mädchens, welches eben der Schule entwachsen zu sein schien, ein unverkennbares Gepräge furchtlos schelmischen Uebermuthes und Frohsinnes, dabei hatte sie eine gewisse vogelähnliche Beweglichkeit in der Art, wie sie ihren zierlichen, blonden Kopf nach allen Seiten drehte und mit der naiven Neugier eines Kindes überall umhersah. Sie trug einen ziemlich großen Arbeitskorb mit festschließendem Deckel am Arme; dieser und ein kreuzweis über der Brust zusammengestecktes weißes Tuch gaben ihr ein gewisses sehr reizvolles Rokokoansehen, welches unseren Fritz unwillkürlich an Friederike von Sesenheim gemahnen wollte.
Die Begleiterin der jungen Schönheit war eine sehr wohlbeleibte Dame mit einem unendlich gutmüthigen breiten Gesicht, welches in Form und Ausdruck den Abbildungen der Sonne in manchen Bilderbüchern glich. Gleichwohl bekam dieses Gesicht durch einen leisen Bartanflug auf der Oberlippe, sowie durch einen Hut, der sich scheinbar durch Zauberei, jedes Bindemittel verschmähend, auf ihrem Haupte erhielt, einen gewissen Anstrich von energischer Unternehmungslust.
Fritz schloß aus dem Körbchen, welches das junge Mädchen am Arme trug, daß die Damen sich nach einem der Kaffeegärten zu begeben im Begriff standen, welche, in der Vorstadt gelegen, häufig zu solchen Morgenausflügen benutzt wurden, wenn auch selten zu so früher Stunde. Er folgte in gemessener Entfernung und trat mit einem gewissen Vergnügen in die Spuren sehr zierlicher Absatzstiefelchen, welche die junge Dame in dem Sande der Promenadenanlagen hinterließ.
An der nächsten Ecke wandten sich die Spaziergängerinnen nach rechts, Fritz that ein Gleiches und befand sich auf einem freien Platze, einer zahlreichen, munter durcheinander sprechenden Gesellschaft gegenüber, die, um einen Omnibus gruppirt, sich entschieden zu einer Landpartie rüstete. Die energische Dame mit ihrer reizenden Tochter, Nichte, Pflegebefohlenen, was sie auch sein mochte, wurde freudig und zugleich wegen der Verspätung vorwurfsvoll begrüßt, wobei Fritzens scharfes Ohr es auffing, daß die junge Dame Lotte hieß, und man schickte sich an, den Wagen zu besteigen.
Fritz entwarf, als guter Stratege, blitzschnell seinen Plan und ging als schlechter Diplomat an dessen Ausführung, ohne sich Zeit zur Ueberlegung zu lassen. Er mischte sich mit edler Dreistigkeit, ohne ein Wort zu sprechen, unter die Gesellschaft, und als ein sehr geschniegelter, sehr blonder junger Mann eben im Begriff stand, seinen Platz neben Fritzens Schönheit einzunehmen, schob letzterer ihn mit einem höflichen „erlauben Sie“ zurück und nahm, seinen Hut artig lüftend, die Stelle des grenzenlos Verblüfften ein.
Für wenige Sekunden bemächtigte sich eine solche wort- und bewegungslose Ueberraschung der Gesellschaft, daß ein Unparteiischer in Versuchung gekommen wäre, Fritzens hübsches, biederes Gesicht für ein Medusenhaupt zu halten. Aber der unheimliche Zauber löste sich schnell, und ein älterer, jovial aussehender Herr mit einem grauen Vollbart trat mit den Worten auf unseren Helden zu: „Mein Herr, darf ich Sie wenigstens bitten, uns zu sagen, wen wir die Ehre haben, in unserer Mitte zu sehen?“
Fritz, Erstaunen und sogar leichte Entrüstung heuchelnd, erwiderte mit großer Unbefangenheit: „Ich sehe eigentlich keinen Grund dafür, mein Herr, jeder Mensch hat doch das Recht, einen Omnibus zu einer kleinen Spazierfahrt zu benutzen, ohne sofort über sein Curriculum vitae befragt zu werden!“
Der düstere und kampfesmuthige Ausdruck, der sich bei der ersten Hälfte von Fritzens Entgegnung über die männlichen Gesichter in der Gesellschaft verbreitet hatte, wich nach und nach dem ironischen Lächeln der Ueberlegenheit; „der wird einen guten Schreck bekommen,“ stand in leserlicher Schrift auf den Mienen der Anwesenden. Auch der alte Herr, welcher der Festordner bei dieser Vereinigung zu sein schien, lächelte.
„Sie sind im Irrthum, mein Herr, dieser Omnibus ist von uns für den heutigen Tag gemiethet und zu einem gemeinsamen Ausfluge im geschlossenen Kreise bestimmt.“
Der durchaus nicht überraschte Fritz war sofort ganz Beschämung und Schrecken, er entschuldigte sich bei jedermann und der dazu gehörigen Frau, er bedauerte auf’s lebhafteste, ahnungslos einen solchen faux pas gemacht zu haben, und war, wie er versicherte, schon bestraft, indem er eine ziellose Spazierfahrt, zu der ihn der schöne Morgen verlockt, nun aufgeben und bescheiden in seine heiße Stadtwohnung zurückkehren werde.