Fritz konnte wirklich sehr liebenswürdig sein! Auch bei diesen Entschuldigungen entwickelte er so viel Artigkeit und Gewandtheit, daß sich das Vorurtheil der Gesellschaft fast ausnahmslos für ihn entschied, was er schlau genug war, zu bemerken. Nur der blonde junge Mann, den er von der Seite des schönen Mädchens verdrängt hatte, sah düster und drohend aus und schielte zornig auf unseren Helden.
Nach einer leise geführten Berathung mit den einflußreichsten Mitgliedern der Gesellschaft trat der ältere Herr wieder auf Fritz zu und forderte ihn freundlich auf, da er nun einmal in ihren Kreis gekommen sei, den Platz im Wagen zu benutzen und mit ihnen zu fahren. Fritz, dessen Uebermuth durch die ganze Situation sowohl, als durch die etwas kleinbürgerlichen Allüren eines Theils der Gesellschaft gestachelt war, stellte sich, um zu seinen neuen Bekannten zu passen, auf seinen Civilanzug hin keck als Kaufmann Schröter vor, und nahm mit den Gefühlen eines großen Jungen, der hinter die Schule geht, glückselig neben der reizenden Lotte Platz. Er benutzte die wenigen Minuten bis zur Abfahrt dazu, sein Herz gänzlich an das feine Gesichtchen neben sich zu verlieren, noch ehe er eigentlich mehr als zehn Worte mit der Eigenthümerin desselben gewechselt hatte. Das Mädchen antwortete auch vor der Hand nur in schüchterner, kurzer Weise und erröthete jedesmal sehr lieblich, wenn Fritzens Augen mit unverhohlener Bewunderung auf ihr ruhten.
Bald aber verflog ihre Befangenheit, und als der Wagen die Stadt verlassen hatte und zwischen blühenden Saatfeldern hinaus auf das Land zu rollte, plauderten die beiden schon so lustig und harmlos mit einander, als hätten sie sich Jahre lang gekannt. Was zwei junge Leute, die großes Gefallen aneinander finden, sich an einem schönen Morgen auf einer Landpartie erzählen, darauf kommt es gar nicht an, das wie ist die Hauptsache!
Und wie konnte Fritz heute sprechen und parliren! Er entdeckte in der frohen Erregtheit des Augenblickes eine ungeahnte Fundgrube von guten Einfällen in seinem Innern, er hatte nie gewußt, daß es ihm gegeben war, gefühlvolle Andeutungen in so leichter, gefälliger Form anzubringen, es war ihm noch nie gelungen, ein so reizendes Rosenroth auf einem Mädchengesicht durch seine Worte hervorzurufen, mit einem Wort, er war noch nie verliebt gewesen, dafür war er es jetzt intensiver, als er selbst wußte! Und auch seine allerliebste Nachbarin schien dem Reiz des Augenblicks nicht ganz unzugänglich, die Unterhaltung der beiden gerieth nie ins Stocken.
Fritz vermied — er wußte nur zu gut, warum — jedes Eingehen auf seine persönlichen Verhältnisse, obwohl er seine Lüge schon zu bereuen begann. Er hätte am liebsten seine Identität mit dem ernsthaften, überlegten jungen Mann ganz vergessen, der seit heute Morgen im Begriff stand, eine „Vernunftsheirath“ zu schließen. So viel stand bei ihm schon nach der ersten Stunde, der größeren Hälfte der zurückzulegenden Tour, fest, hätte er die Landpartie oder besser die Bekanntschaft seiner anmuthigen Nachbarin vor der Abfassung des heutigen Briefes gemacht, so wäre derselbe nicht geschrieben worden.
Er bedurfte in doppelter Beziehung der Vorsicht, um sich nicht zu verrathen, er mußte, um die Situation nicht zu verwickeln, nicht Lieutenant Sterneck sein, sondern Kaufmann Schröter, und er durfte nicht daran denken, daß sein Werbebrief jetzt, vielleicht in diesem Augenblicke, vom Postboten aus dem Kasten genommen und zur Eisenbahn befördert wurde. Beide Umstände boten einige Schwierigkeit, sowie die Unterhaltung auf ihn selbst kam.
Seine kleine Nachbarin war um so offenherziger, sie hatte nichts zu verbergen. Seit Ostern war sie aus der Schule entlassen und nun bei ihren Eltern zu Haus. Auf die heutige Landpartie hatte die Tante — sie wies auf ihre Nachbarin mit dem Schnurrbärtchen — sie mitgenommen, sonst war sie noch wenig aus dem Hause gekommen.
„Die Tante meint es sehr gut mit mir,“ fügte sie dankbar hinzu, „sie weiß, daß ich zu Hause mit den vielen kleinen Geschwistern tüchtig zu thun habe, und nimmt mich öfters gegen Abend mit spazieren. Sie ist eine Wittwe und gewöhnlich ganz allein. Mich hat sie sehr lieb, und wenn sie nächsten Winter auf einen Ball geht, soll ich mitkommen, und sie will mir ein weißes Kleid und rosa Rosen dazu schenken. Aber was ich Ihnen alles erzähle,“ brach sie erröthend ab, „ich freue mich nur schon so sehr darauf und vergesse ganz, daß Sie mich noch gar nicht kennen.“
„Ich denke, ich kenne Sie sehr gut,“ sagte Fritz lachend, „und wenn Sie mich etwa nicht kennen wollen, so ist das sehr undankbar von Ihnen! Wüßten Sie, was ich alles heut gewagt habe, um diesen Tag in Ihrer Nähe zu verleben!“
Sie sah ihn verwundert und fragend an; ach, wie mit jedem Blick dieser klaren, dunkelblauen Augen Amaliens Aktien sanken!