„Ja, ja, sehen Sie nur nicht so erstaunt aus! Ich muß Ihnen beichten; denken Sie wirklich, daß ich nicht wußte, was ich that, als ich, ohne zu fragen, in Ihren Kreis hineinplumpte, wie der Zucker in den Kaffee? War ich nicht schon eine halbe Stunde vorher hinter zwei Damen hergegangen, vom Markte auf die Kronenstraße, von der Kronenstraße über den Wall, vom Wall nach dem Omnibus, und wußte ich nicht, daß eine dieser Damen wiederzusehen oder gar mit ihr bekannt zu werden für mich das größte Glück“ — hier fiel ihm sein Brief an den Amtsrath ein — er stockte und fuhr verwirrt fort: „Mit einem Wort, mein Fräulein, ich habe Ihretwegen gelogen, schmählich gelogen, ich wußte ganz genau, daß ich bei Ihnen und den Ihrigen gar nichts zu suchen hatte und daß um diese Zeit des Morgens noch gar kein öffentlicher Omnibus fährt — und nun sagen Sie, daß Sie sehr böse sind!“

„Sehr!“ erwiderte sie, ohne aufzublicken.

„Soll ich herausspringen und zu Fuß nach Hause gehen? Oder noch besser, soll ich so lange neben dem Wagen herlaufen, bis Sie mir verziehen haben und mich wieder hereinrufen? Sie haben nur zu befehlen!“

„Und wenn ich den Befehl gäbe,“ sagte Lottchen verwirrt und lachend, „würden Sie ihn ja doch nicht ausführen!“

„Denken Sie, daß ich um Ihretwillen nicht noch ganz andere Dinge thäte?“

Fritz war auf gutem Wege, das muß man sagen! Aber das ungestörte Lachen und Plaudern der beiden sollte ein Ende finden. An der anderen Ecke des Wagens, der Tante gegenüber, saß jener Blonde, den Fritz so rücksichtslos verdrängt hatte. Er schien ein Protegé von Lottens mütterlicher Freundin zu sein, und beide beobachteten unser Paar unaufhörlich, wobei die Augen des Blonden mit den Wagenrädern förmlich um die Wette rollten.

Plötzlich erhob sich die Tante, wankte wie eine stattliche Fregatte zwischen den Sitzenden hindurch, wobei verschiedene Stöße des Wagens sie als solides Schoßkind bald dem einen, bald dem anderen auf die Knie setzten, und langte mit den Worten bei Lotte an: „Liebes Kind, wechsele doch den Platz mit mir, der Wind bläst mir ins Gesicht.“

Mit einem fast unmerklichen Zögern erhob sich die kleine Schönheit und begab sich an die Stelle der intriguanten Tante, welche mit durchbohrenden Blicken neben dem verblüfften Fritz sich niederließ.

„Nun, wie gefällt Ihnen unsere Landpartie, Herr Schröter?“ fragte sie sofort.

„Bis jetzt ausgezeichnet,“ sagte der doppelzüngige Fritz und blickte forschend nach der anderen Ecke, wo der Blonde eine eifrige Konversation ins Werk zu setzen begann.