Die Tante betrachtete indeß aufmerksam unseren Helden, und sanftere Gefühle begannen ihr Herz zu bewegen.

„Er sieht wirklich sehr gut aus,“ dachte sie, „und wer weiß, ob unser Lottchen nicht hier ihr Glück macht! Ich muß ein wenig auf den Busch klopfen, und ist er ein ordentlicher Mensch in angenehmer Lage, so kann man ja weiter sehn!“

Die gute alte Tante stiftete für ihr Leben gern Heirathen, wie alle guten alten Tanten, und indem sie, ihrer Meinung nach sehr vorsichtig und unmerklich, unseren Fritz auszuforschen begann, entspannen sich die weitaussehendsten Pläne in ihrem Kopfe.

Während Fritz, der ihre Absicht mit höchlichem Ergötzen durchschaute, ihr in der vertraulichsten Weise von seinem einträglichen Kolonialwaarengeschäft erzählte und Kaffeeproben zu senden versprach, mit denen sie wohl zufrieden sein sollte, während er in dieses übermüthige Lügengewebe die liebenswürdigsten kleinen Schmeicheleien und Anspielungen auf ihre reizende Nichte einflocht, mit denen je eine arglose Tante gefangen wurde, sah sich die wohlwollende Dame schon im Geiste in einem violetten Seidenkleide an der Hochzeitstafel sitzen, und hörte, wie der gerührte Brautvater ans Glas schlug und sie, die Tante, als Begründerin dieses jungen Glückes hoch leben ließ, denn hätte sie Lotte nicht mit auf die Landpartie genommen, so wäre ihr der hübsche und vermögende Bewerber vielleicht, nein gewiß, nie begegnet.

Um nun das Ihrige bei der Sache zu thun, erzählte sie dem aufhorchenden Fritz mit geheimem Stolze, wie häuslich und fleißig Lottchen erzogen worden, wie sie für jeden Mann ein wahrer Schatz sein würde, „und,“ fügte sie bedeutungsvoll hinzu, „so jung das Kind noch ist, sie hat schon einen recht wohlhabenden Freier, sehen sie wohl, Herr Schröter, den jungen Mann, der ihr gegenüber sitzt? Ich sage Ihnen, sie brauchte nur mit den Augen zu winken und er hielt morgen um sie an! Aber Lottchen hat ihren Kopf für sich, und ...“

Hier hielt der Wagen mit einem gewaltigen Ruck und der Redefluß der Eifrigen gerieth ins Stocken. Das Ziel der Fahrt war erreicht, bald vereinigte ein vergnügtes Mahl die Gesellschaft, bei dem Fritz, Dank sei es dem Glück und der Tante, seinen Platz neben Lottchen fand.

Während unser Held, mit jedem Moment tiefer in die Empfindung hineingerieth, deren erstes Keimen ihn heute zu seiner folgenreichen Lüge verleitet hatte, behielt er gleichwohl den Kopf noch frei genug, um sich beim Beobachten der Versammlung mit einiger Beschämung zu gestehen, daß sein Uebermuth hier gar nicht am Platze gewesen, und daß er ruhig in seiner wahren Gestalt hätte erscheinen können, ohne sich etwas zu vergeben. Eine harmlose, maßvolle Heiterkeit belebte den kleinen Kreis, und jeder genoß auf seine Weise die frohe Stunde bei gutem Wein und in der hübschen Umgebung.

Fritz nicht am wenigsten! Aus dem scherzenden, neckischen Tone von unterwegs war er mit seiner Tischnachbarin allmählich in das Geleise einer ruhigen Unterhaltung gekommen, in der sich das anziehendste aller Bilder, eine kindlich klare und reine Mädchenseele, vor seinen Augen aufrollte. Ihre Lebensanschauungen und Geschmacksrichtung entsprachen so vollkommen dem Ideal, welches er im stillen lange vergeblich gesucht, daß es ganz bestimmte Gedanken waren, mit denen er, sein gefülltes Glas erhebend, halblaut zu ihr sagte: „Die Zukunft!“

„Warum nicht lieber die Gegenwart?“ gab sie unbefangen zurück, „wer weiß was die Zukunft bringt, ich baue nicht gern Luftschlösser!“

„Ich um so lieber“, erwiderte Fritz, „und bauen Sie mir zu Gefallen einmal mit — wie denken Sie sich Ihre Zukunft?“