Ich muß gestehen, auf die Gefahr hin, meinen Helden sehr wenig heldenmüthig erscheinen zu lassen, daß Fritz diesem Anblick nicht ganz weit davon entfernt war, dem Mädchen herzhaft Gesellschaft zu leisten! Eine solche Hochfluth widerstrebender Empfindungen schlug über seinem Haupte zusammen, daß er sich von den wilden Wogen seiner Gefühle rücksichtslos dahintragen ließ, er gestand Lottchen in fliegenden Worten seine Liebe, und bekannte ihr, daß er gestern zwar anfänglich in übermüthiger Laune seinen wahren Stand und Namen verleugnet habe, daß er aber bald, sehr bald große Beschämung über diesen tollen Einfall empfunden, und sich schon vor Ende des Tages bewußt gewesen sei, daß aus seinem Scherz tiefster Ernst für ihn geworden, und daß er — nun kurz, was man in solchen Fällen sagt.
„Und Lottchen,“ fügte er dringend hinzu, indem er ihre Hand nahm, „wenn ich Ihren Thränen eine Deutung geben darf, wenn auch Sie jener alten Geschichte von der „Liebe auf den ersten Blick“ seit gestern glauben gelernt haben, dann lassen Sie mir als ersten Beweis davon Verzeihung zutheil werden, oder lieber,“ fügte er lächelnd hinzu, da sie ihn, wenn auch noch durch Thränen, doch schon wieder freundlicher ansah, „seien Sie so böse auf den „Kaufmann Schröter,“ wie Sie nur irgend wollen, aber haben Sie den Lieutenant Sterneck dafür umso lieber — was meinen Sie? Darf ich mich Ihren Eltern vorstellen, und ihnen sagen, daß Sie mir diesen Besuch gestattet haben?“
Nun, Lottchen war nicht von Stein, sie sagte zwar nicht ja, aber sie nickte mit dem Kopfe, und das that dieselben Dienste!
Näher kommende Schritte ließen unser Paar etwas bestürzt auffahren, und Fritzens Schreck steigerte sich zu plötzlichem Entsetzen, als der Störenfried sich in der sonst harmlosen Gestalt eines Briefträgers präsentirte, der in geschäftsmäßigem Tritt, ohne rechts oder links zu blicken, an ihnen vorüber nach der Stadt ging. „Glaubst du, dieser Adler sei dir geschenkt?“ schien mit feurigen Buchstaben um die Mütze des ehrlichen Postbeamten geschrieben — was für eine Pandorabüchse konnte jene Ledertasche sein!
Fritz verbarg mit Mühe seine Verwirrung, und trennte sich von seiner reizenden Braut, wo die Anlagen in die Stadt münden, mit dem nochmaligen Versprechen, sobald es seine Zeit gestatte, sich bei ihren Eltern einfinden zu wollen. Noch ein herzlicher Händedruck, und ihre Wege führten auseinander. Lottchen trippelte mit der ihr eigenen, anmuthigen Schnelligkeit von dannen, und Fritz wandte wohl noch zehnmal den Kopf, um mit Freude und Gewissensangst der Verschwindenden nachzusehen.
Als er einige Stunden später in stiller Beklommenheit auf seinem Sopha saß, klopfte es, der Bursche brachte ihm einen Brief, Poststempel Neu-Tessin! Nun also! Fritz hatte noch nie vor der Mündung einer geladenen Pistole gestanden, er wußte demnach nicht aus Erfahrung, wie einem dabei zu Muthe ist, ungefähr konnte er sich’s aber nach diesem Moment vorstellen. Es hilft doch nichts — auf mit dem Brief! Er lautete:
Mein verehrter, junger Freund!
Ihr Schreiben hat mich und die Meinigen geehrt und erfreut. Wir nehmen Ihre Bewerbung um unsere Tochter gern an, und hoffen, in Ihnen einen lieben Sohn zu finden. Meine Frau wollte schon bei unserem letzten Zusammensein ganz klar die demnächstigen Ereignisse voraussehen, doch hielt ich dies für eine Illusion, zu der das weibliche Geschlecht in Betreff von Heirathsabsichten ja stets neigt. Nun hat sie doch Recht behalten!
Wir erwarten Sie morgen Abend zum frohen Verlobungsmahl, und wollen dann alles andere mündlich erörtern. Ein Gruß von Malchen wird Ihnen wohl nicht unangenehm sein?
Ihr treu ergebner Schwiegervater in spe
Solgers, Amtsrath.