Der Brief trug das Datum des gestrigen Sonntags.
Das lähmende Entsetzen, welches sich unseres Fritz beim Durchlesen dieses an sich ja sehr netten Schreibens bemächtigte, spottet jeder Beschreibung. Er starrte den verhängnißvollen Zettel an, eigentlich ohne Bewußtsein, er las ihn wieder, und noch einmal, aber auch nicht ein Schimmer von Zweifel ließ sich daraus entnehmen!
„Bei unserem letzten Zusammensein will die Amtsräthin etwas gemerkt haben,“ murmelte er dumpf, „ich habe nichts gemerkt! Wann soll denn das gewesen sein? Ich bin ja seit fast vier Wochen nicht in Tessin gewesen — nun, es wird doch am Ende etwas daran sein! Es muß wohl den Tag sehr guten Punsch gegeben haben,“ sagte er gedankenlos vor sich hin.
Fritz sprang auf und schritt in wahrer Verzweiflung im Zimmer auf und ab, sein Herz schlug so laut vor Angst, daß er es zu hören meinte. War wohl je ein Mensch in solcher schrecklichen Lage, und solchen verwickelten Familienverhältnissen! Nun hatte er zwei Bräute, zwei Schwiegermütter und zwei Schwiegerväter, von denen der ihm bekannte ein wahrer Bär von deutscher Grobheit war.
Wessen er sich versah, wenn er mit seiner Beichte in Tessin herausrückte, war gar nicht auszudenken, und er durfte doch nicht wieder grob werden; hatte er nicht frevelhaft den Hausfrieden und Seelenfrieden einer glücklichen Familie gestört? Und Amalie schien ihn nun doch zu lieben, der schalkhafte Schlußsatz des Briefes deutete auf das Aergste!
Armer Fritz, zwei Mädchenherzen liegen zu deinen Füßen, eines mußt du unfehlbar zertreten, magst du einen noch so künstlichen, moralischen Eiertanz ausführen!
Aber alles jammern und sich abmartern nützte nichts, jetzt hieß es handeln, rasch, klug und rechtlich, er hatte nie gedacht, daß dies so schwer wäre!
In einer halben Stunde ging der letzte Zug an diesem Tage nach Tessin ab, und man erwartete ihn „zum fröhlichen Verlobungsmahle!“ Sollte er schreiben? das war ihm unmöglich, er konnte sich nicht entschließen, seine Schandthaten schriftlich in das Familienarchiv des Amtsraths niederzulegen, nein, es mußte ausgebadet werden! Er schickte den Burschen nach einer Droschke, und während dieser unterwegs war, schrieb er eilig und innerlich zerfleischt von Höllenqualen einige Zeilen an Lottchen, worin er ihr mittheilte, daß Familienangelegenheiten unaufschiebbarer Natur ihn zwängen, die Stadt auf einige Stunden zu verlassen. Sie möge ihm nur vertrauen, der nächste Tag finde ihn sicher bei ihr und ihren Eltern.
Schweren Herzens sandte er den Brief an seinen Bestimmungsort ab, und fuhr dann zur Bahn. Seine stille Hoffnung, er werde den Zug versäumen, und sich auf diese Weise eine Galgenfrist schaffen, trog, er kam rechtzeitig an, und die Stunde, welche die Stadt und Neu-Tessin trennt, war bald auf Dampfesflügeln durcheilt.
Das von dem Amtsrath bewohnte Dominium Tessin, lag etwa zehn Minuten von der Bahnstation Frankenberg. Als Fritz den Zug verließ, entdeckte er bald die wohlbekannte, geschlossene Chaise seines Schwiegervaters Nr. 1, wie er ihn in Gedanken nannte, denn nach dem alten Sprichwort: „wer zuerst kommt, mahlt zuerst,“ hatte Amalie entschieden den Vorrang bei diesem seltsamsten aller Wettrennen.