„Gleich nach der Trauung, und für den ganzen Winter? O, wie schade! Nun, der Frühling kommt ja auch ins Land, Comtesse, und überdies, wer darf so sicher sagen, was er thun wird? Sie können Ihre Entschlüsse auch noch ändern. In jedem Falle, leben Sie wohl!“
Was war das? Dieser kühle, fast vergnügte Ton, in dem er, der sie noch vor wenig Stunden wie außer sich beschworen hatte, mit ihm zu fliehen, jetzt ihre Hochzeitsreise besprach — war dies Comödie, oder alles Vorhergegangene? Nun, sie wollte sich nicht übertreffen lassen.
„Leben Sie wohl!“ sagte sie frostig, und reichte ihm die kleine Hand im Handschuh, die er ehrerbietig an die Lippen führte. Aber als er sich wieder aufrichtete, und zurücktrat, so edel, stolz und fest in jeder Bewegung, da stand die gewaltsam bekämpfte Liebe in ihrem Herzen noch einmal auf, mit bitterem Schmerz bei dem Gedanken: „Du siehst ihn nie wieder, wie Ihr Euch heut gesehen!“ und sie gab ihm nochmals die Hand:
„Gott behüte Sie, Gerald, auf allen Ihren Wegen —“ und wandte sich hastig ab, während er eben so rasch das Zimmer verließ, und seinen Mantel umwerfend, die Freitreppe nachdenklich hinunter schritt.
Auf seinen leisen Pfiff fuhr ein kleiner Schlitten vor. Der graubärtige Kutscher schlug schweigend das Tigerfell zurück, und gab seinem Herrn die Zügel. Beide vermieden es sorgfältig, einander anzusehen.
„Vorwärts!“ rief Rüdiger, und die Pferde zogen an. Pfeilschnell flog der Schlitten über die dichte Schneedecke, zur Stadt hinaus. Lautlos sauste das Gefährt über die Landstraße, im kalten Vollmondlicht von seinen gespenstischen, kohlschwarzen, jagenden Schatten begleitet. Eine scharfe Biegung des Weges brachte den Schlitten in den stummen, funkelnden Wald, der Mond verschwand hinter den schwarzen Tannen, und ein Ruck mit den Zügeln ließ die Pferde langsam gehen. Schon stieg das Wolfsdorffer Schloß, in seinem Schneemantel seltsam und ungestaltet aussehend, vor den Blicken Rüdigers auf. Er zog den Hut tiefer ins Gesicht, und wandte sich zu seinem Kutscher.
„Job!“
„Gnädiger Herr?“
„Alles ruhig oben?“
„Nein, gnädiger Herr!“