Blitzschnell jagten sich die Gedanken, „was wird man zu Hause von dir denken? in welchem Lichte mußt du Edith erscheinen?“ denn im Innern hatte er an ihre Mitwissenschaft nicht geglaubt! Dann kamen andere Bilder — wenn er nun hier fiel! er, der dem Waffenhandwerk gänzlich Fremde, dem besten Schützen auf Meilen in der Runde gegenüber! Was würde seine Mutter sagen? was Martha, die kleine, gute Cousine, die er geliebt, ehe er in diesen wüsten Traum verflochten wurde? Er starrte auf den breiten, weißen Streifen Mondlicht, der durchs Zimmer floß. Wer weiß, ehe die nächste Stunde ablief, lag er vielleicht dort, hülflos, zum Krüppel geschossen, todt, das war das Wahrscheinlichste.

Ach was half das Quälen! Er sprang auf und schritt durchs Zimmer, in dem seine Schritte unheimlich wiederklangen. Dann trat er zum Fenster, riß zwei Blätter aus seiner Brieftasche und warf im grellen Vollmondschein mit etwas unsicherer Hand zwei Zeilen hin, an seine Mutter! Dann faltete er das Blatt und schrieb unter die Adresse: „für den Fall meines Todes abzugeben.“ Dann ergriff er das andere Blatt — sollte er Edith Lebewohl sagen? sie wird seinen Tod schon erfahren, durch Rüdiger, der sie zweifelsohne darüber zu trösten verstehen wird! Nein, im Angesicht des Todes giebts keine Lüge mehr, er schreibt hastig und fliegend: „Liebe Martha, wenn du diese Zeilen erhältst, bin ich nicht mehr unter den Lebenden, und du sollst dann wissen, daß ich dich immer geliebt habe, und daß nur der Wille meiner Mutter uns trennte.“

Er hatte kaum Zeit, auch hier die Adresse beizufügen, als der Schall von Schritten seiner Thür nahte.

Rüdiger trat ein, gefolgt von zwei graubärtigen Männern, deren einer ein paar riesige Armleuchter trug, die das Zimmer plötzlich zum Theil mit grellem Licht erfüllten, während die verjagte Dunkelheit scheu und doppelt finster in den Ecken niederkauerte, als lauere sie auf den Augenblick, wo hier Alles wieder ihrem Reich anheimgegeben sein würde.

Rüdiger stellte das Pistolenkästchen, welches er trug, auf den Tisch und wandte sich zu Erting.

„Ich habe Sie warten lassen, Herr Erting,“ sagte er im verbindlichen Ton, „aber um die nöthigsten Formalitäten zu erfüllen, habe ich uns wenigstens einen Zeugen citirt, hier, mein Förster Strauch, er wird uns die Waffen reichen, und versteht im schlimmsten Fall nothdürftig zu verbinden.“

Er trat zum Tisch und nahm die Pistolen heraus.

„Gestatten Sie, daß mein Förster Ihnen das Laden abnehme,“ sagte er dann zu Erting, „meine Waffen sind etwas eigensinniger Natur, und lassen sich nicht von Jedermann handhaben!“

Erting verbeugte sich stumm.

„Ein Wort, Herr von Rüdiger,“ sagte er dann.