Als habe sich um die trocknen, wie entzündet brennenden Augen ein Schwarm Fliegen gesammelt, so empfand er es, daß um das weiße Blatt eine schwärzliche Menge Menschen zu wimmeln begann. Er drückte mehrmals schmerzlich die Lider zu und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Zu ihm, dem Doktor Christianus, würden diese Menschen kommen; satt, übersatt von jener weißen Speise würden sie heraufkommen: was sollte er ihnen geben? Er würde nach seinen Worten greifen, Worte leerer als Oblaten austeilen — selbst hungrig, überhungrig nach Sättigung von jenem Gericht, aus dem kolossische Laute, die Kehle ungewohnt füllend, aufquollen.
Eine heftige Gebärde des Mannes am Fenster schlug mit dem Klingen der unteren Türglocke zusammen. Er wandte sich um und wankte ein wenig zurück, von zwei Augen gefaßt, die ihn in der Tiefe des Zimmers auffingen. Er war erstaunt und leicht erschreckt: nur langsam gewann der dunkle Samt, der sich in die gleichmäßig dunkle Täflung der Wand einließ, von entblößten Armen her zu einem hellen Hals und Kopf mit blondem Scheitel und perlhellen Augen anwachsend, die Gestalt einer Frau. „Marie!“ Es klang in seiner Stimme etwas, als sprängen hinter dem Bewußtsein, jahrelang diesen unbestimmt verlangenden Blicken widerstrebt zu haben, die leichten Tore des Abschieds auf, und wie nie, solange er den Umgang dieser Frau empfunden hatte, begann er jetzt, wo er entschlossen war, sie zu verlassen, ein Spiel mit ihr, lässig und gewagt: er stellte sich vor sie, nah und breit, wiegte die Schenkel leichthin, scherzte mit ihr: „Liebe —? Marie, was ist das? Aber das Ineinander der Leiber und Kugeln, Leiber und Bajonette, das ist Einigung allen Ernstes, das ist ein Kräftevergeben verschwenderischer als Liebe: das geht bis ans Ende.“ Sie lächelte.
Von Geräuschen, die die Treppe heraufschäumten, hoben sich standhafte Schritte ab, betraten das hartschallende Holz des Flurs und kamen nahe.
„Guten Abend, Doktor! Morgen früh melde ich mich beim Regiment. Ihr andern? Ach, die Alten! Ich — wie froh bin ich, mich durch diese Nacht zu diesem Morgen hinwachen zu können!“
Der Jüngling, braune Locken von der schwitzenden Stirn schlagend, kreuzte seine Blicke mit denen des Älteren wie zum Gefecht; aber lächelnd entzogen, wandte sich Christianus zu Maria:
„Werde ich mich nicht auch melden?“ Und zu dem braunlockigen Freunde, der knabenhaft aufleuchtete: „Hol die Lichter, Heinrich!“
Der Jüngling verließ die Stube, lachend, mit der Hand durchs Haar wirbelnd: „Ich habe ihn untergekriegt!“ dachte er, „den Immerfertigen — ich habe ihn untergekriegt!“
Einige alte Männer traten ins Zimmer.
Der erste alte Mann verbeugte sich schwer vor Christianus und legte erschüttert seine breite Hand über den weißen Bart auf der Brust: Was der Doktor meine; ob man die Prüfung bestehen würde? — Gewiß würde man sie bestehen; jeder würde sein Teil tun. Die Erschütterung des alten Mannes schien zu wachsen.
Ein andrer trat heran. Er bewegte sich auf unentschlossenen Füßen zwischen dem Doktor und Maria, bis er in die Nähe der Frau verfiel und sich sogleich zu ein paar Worten faßte: „Wir werden doch hoffentlich, gnädige Frau, unsre Versammlungen auch während des Krieges fortsetzen, und ich meine, Sie werden das Haus, in dem Sie uns zusammenführten, als der Doktor seines Predigeramtes enthoben wurde, weiterhin unsrer kleinen Gemeinde zur Verfügung stellen, auch wenn der Doktor ins Feld ausziehen sollte.“ Es war der Mietherr des Hauses. Er wartete keine Antwort ab, sondern wandte sich einem Herrn zu, der sich am Türpfosten stieß.