„Ich bin heute wieder schlecht sichtbar,“ sagte der alte Herr und gab ein schluchzendes Gelächter von sich. Er rieb seine vom Star blinden Augen mit klagend gebreiteter Hand und trat rasch, fast fallend auf Maria zu, die einen Fuß zurückwich. „Welch ein Elend!“ züngelte er, von einem Fehler behindert, „gnädige Frau können sich freuen, daß Ihr Gemahl tot ist,“ und zog sich im Gefühl, eine Dummheit gesagt zu haben, zurück.
Mit schmerzlich gereckter Schulter schob sich Christianus an ihnen vorüber. Heinrich kam mit einem Bündel brennender Kerzen im Arm herein und ließ es auf dem Tisch nieder. Abwechselnd nahm er und die blonde Frau ein Licht; sie zogen eine Lichterreihe aus dem Bündel heraus lang über die Tafel. Der Saal entdeckte sich als weit und erfüllt von Menschen; offne Zimmerfluchten verdämmerten an beiden Enden.
Es seien wohl alle Brüder zugegen? fragte Doktor Christianus. Ob man beginnen könne?
Nein, man könne noch nicht beginnen. Man könne überhaupt nicht beginnen. Ob der Meister ins Feld ziehe?
Sich überrascht vertiefend — was zweifeln sie? — gebot der Doktor Ruhe.
Maria ließ sich auf ihrem Sitz neben ihm nieder; Heinrich lehnte sich zurück und betrachtete am Doktor vorbei Maria.
Nein, man könne nicht beginnen. Der Meister dürfe nicht ins Feld ziehen.
Der Lärm hatte sich noch nicht gelegt, als er sich schon wieder aufzuregen begann.
Von dem Platz dem Doktor gegenüber erhob sich der Starblinde, drängte die Tische, die vor ihm zusammenfaßten, auseinander, so daß ein Durchgang von ihm zu Christianus entstand, ließ sich vor dem Doktor auf ein Knie nieder und — wie ebbte der Lärm! wie beugten sich die Leiber über die Tische! — redete, von seinem Zungenfehler behindert: der Meister dürfe nicht mitziehen; sie müßten ihren Meister behalten; was aus ihnen werden sollte, wenn er sie verließe; es müsse ein Nachfolger gewählt werden, der das Amt versähe, bis der Meister wiederkäme; ja, das sei das Entsetzliche: ob er wiederkäme; man hörte im Kriege so oft, daß einer der bedeutendsten Köpfe fiele; nein, er dürfe nicht mitziehen; er müsse bleiben!
„Lieber,“ — der Meister legte die Hand auf des Knienden Kopf — „das sind doch Dinge, die bei Gott stehen,“ — nicht, als ob er hier eine Pause gemacht hätte, aber ein Gedanke schien liegen zu bleiben, die Worte hängten sich aus, schwebten ungefaßt und kamen darauf hinaus, daß man diesen Abend, wenn es auch der letzte sei, unausgezeichnet, den andern gleich begehen wollte.