Am Kreuzweg.

Vom Dorf her durch die Nacht erklingt Gesang:
Ein altes deutsches wehes Liebeslied,
Von Lieb' und Not
Und Treu' und Tod.
Ein Schatten, der am Kreuzweg zieht,
Lauscht lang'.
Der Kauz schrie so entsetzlich schrill,
Der hat ihn auch gesehn.
Das Lied schweigt still.
Der Schatten bleibt noch immer stehn.

Was ist das Glück?

Was ist das Glück?
Ein klimmendes, schwimmendes Fliegen?
Ein Siegen,
Ein Augenblick,
Wo du der Sonne jauchzend winkst
Und dann versinkst?
Oder ist es das treue Schauen,
Wie sich Wolken aus Wolken bauen,
Bis sich eine mit rotem Rand
Hoch hinstellt über dein Ernteland?

Ernst Stadler.

Geboren am 11. August 1883 zu Colmar i. E., fiel zu Anfang des Weltkrieges im Westen. – Präludien 1904. Der Aufbruch 1914.

Reinigung.

Lösche alle deine Tag' und Nächte aus!
Räume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus!
Laß Regendunkel über deine Schollen niedergehn!
Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn! –
Fühlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein,
Schon bist du selig in dir selbst allein
Und wie mit Auferstehungslicht umhangen –
Hörst du: schon ist die Erde um dich leer und weit
Und deine Seele atemlose Trunkenheit,
Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen.

Vorfrühling.

In dieser Märznacht trat ich spät aus meinem Haus.
Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch und grünem Saatregen.
Winde schlugen an. Durch die verstörte Häusersenkung ging ich weit hinaus
Bis zu dem unbedeckten Wall und spürte: meinem Herzen schwoll ein neuer Takt entgegen.