›Etwas eigensinnig‹, dachte ich, – ›aber schön, mit allen Reizen der Jugend, feingliedrig und stolz, vielleicht etwas hochmütig. Hier ist etwas zu tun, Tedrahn, etwas zu schaffen ist hier! Diesen ernsten Kopf mit dem schwarzen Haar und den Augen des erwachenden Mai, – wo bringe ich ihn hin? Vor einen Rosenbusch am Morgen oder direkt vor den blauen Himmel, der von dünnen, weißen, wehenden Wolken bewegt ist? Ich möchte sie tanzen sehen, ich möchte auch sehen, wie sie läuft. Ich möchte die Bewegungen ihres Körpers sehen, die Art ihrer Schritte, und wie sie die Arme wirft, beim Tennisspiel oder beim Reifenschlagen.‹

Durch meinen Kopf schwirrten zahllose lockende Malereien. Ich verwünschte es im stillen, daß Leonore Helfinger nach Carnin gekommen war, denn ich fühlte, sie würde mich malerisch beschäftigen, ich würde Bilder der Phantasie komponieren, während ich mit meinen wirklichen Bildern während dieser letzten Tage noch gerade genug zu tun hatte. Denn in drei Tagen mußte ich reisen, also wozu diese unnütze Verwirrung in meiner Arbeit.

Ein Diener erschien in der Glastür und bat zu Tisch. Wir gingen hinein, die andern waren schon in dem blauen Vorsaal versammelt. Der Graf machte mich mit dem Assessor bekannt. Man begab sich in das schöne Eßzimmer, in dem schon die Lichter brannten und die Gardinen gegen den Park zu herabgelassen waren. Ich hatte meinen alten Platz neben der Gräfin, Leonore Helfinger saß mir schräg gegenüber. Der Graf begrüßte sie und den Assessor, indem er sein Glas erhob. Es wurde Champagner getrunken, wie immer, wenn ein neuer Gast aus Carnin einzog.

Ich sagte leise zur Gräfin: »Die kleine Helfinger ist ja wundervoll. Durch meinen Kopf schwirren Bilder auf Bilder, wie ich sie malen möchte.«

»Ich kenne sie kaum«, sagte die Gräfin, »nur aus Annas Erzählungen. Die Mädchen haben die Pensionszeit zusammen verlebt. Ich finde, sie ist schön zu nennen.«

Nach Tisch warfen wir die Mäntel über und gingen auf die Terrasse. Die Herren rauchten englische Zigaretten. Auch Komteß Anna zündete sich eine Zigarette an, lehnte sich in einen Korbstuhl zurück und stieß kleine Wölkchen in die Luft. Leonore stand am weißen Geländer der Terrasse und sah in den Abend. Es war ein schöner Abend, im Dorf Carnin sangen die Mädchen wieder, der Mond stand am Himmel. Der Graf und der Assessor kamen in ein Gespräch über Brahms. Sie begaben sich in das Musikzimmer, und man hörte, wie zuweilen auf dem Klavier ein Thema angeschlagen wurde. Charlotte stand neben mir und hatte ihren Arm vertraulich unter meinen geschoben.

»Heute steht der Mond schon über dem Kavalierhaus«, sagte sie, »gestern stand er noch über den gescheckten Ulmen.«

Jetzt sah alles den Mond an. Leonore sah mit fast strengem Mund hinauf, – aber so streng dieser Mund erschien, es lag etwas Schwärmerisches um ihn her. Es war wunderbar zu sehen, wie sich das Mondlicht auf den feuchten jungen Lippen brach. Der Mond stand über dem Dach des Kavalierhauses und wandelte dem riesigen Wipfel einer Kastanie zu. Nicht die mindeste Bewegung lag in der Luft. Der Hauslehrer, der an der geöffneten Glastür lehnte, sagte etwas von allzu lauen Frühlingsnächten, es würde einen regnerischen Sommer geben.

»Wir sollten eine Gondelfahrt machen«, schlug die Gräfin vor.

Alles stimmte ein, Charlotte war ganz entflammt, aber gerade sie mußte zurückbleiben, da ihre Mutter meinte, es sei auf dem Wasser zu kühl für sie. Wir verließen die Terrasse: die Gräfin, Komteß Anna, Leonore und ich. Wir schritten um das Schloß herum und durch den dunklen Park hinab zum Teich.