Ferner gab es zwei Buben von acht und zehn Jahren, Fred und Klaus, zu allen tollen Streichen aufgelegt, zu denen sie nicht selten auch mich zu verführen suchten. Sie wurden von einem Hauslehrer unterrichtet, einem jungen blauäugigen Theologen aus Husum. Außerdem war eine Gouvernante da, ein gescheites Wesen, das mehr zu beobachten als mitzuerleben liebte. Das waren die Menschen auf Schloß Carnin.

Ich hatte die blonde Charlotte gemalt, wie sie auf einer Bank unter einer blühenden Kastanie saß, dicht neben dem Schloßgraben, über den eine weiße Brücke führte. Ich hatte die beiden Jungen gemalt, wie sie im Grase lagen. Und in der Dämmerung hatte ich das Schloß gemalt, als ein graues, mystisches, weltentlegenes Haus, mit den weißen, geheimnisvollen Gestalten der Gräfin und der Komteß Anna auf der Terrasse. Dies Bild schien mir das beste zu sein, das ich auf Carnin gemacht hatte. Es hatte etwas Mystisches, die Luft der Dämmerung war weich und lau, man spürte den Frühling darin.

Nun kam Pfingsten. Komteß Anna erwartete den Besuch einer Freundin, der Graf den eines jungen Freundes, eines Assessors aus der Kreisstadt. Zwei Tage vor dem Fest kamen die beiden an. Die Komteß war ihrer Freundin bis zur Eisenbahnstation entgegengefahren. Es war gegen Abend, ich hatte bei Tag im Sonnenlicht gemalt, nun schlenderte ich mit Charlotte durch den Park, dann durch die Felder, wo wir im Westen die Glut des Himmels anstaunten, in der ungeheure goldene Wolken schwammen. Charlotte hatte ein leichtes Sommerkleid an, das die dünnen Ärmchen freiließ. Die Luft war schwül und windstill, und der gelbe Raps duftete verschwenderisch. Wir gingen schweigend. Da fuhr die Kleine plötzlich auf, wies zur Landstraße hinüber und rief: »Sie kommen!«

Man sah den Jagdwagen mit den Schimmeln, eine Staubwolke schwebte hinter ihm. Charlotte und ich faßten uns bei der Hand und liefen zur Landstraße hinüber. Dort pflanzten wir uns auf und winkten mit den Taschentüchern, während der Wagen vorüberfuhr. Auch Komteß Anna winkte und die Freundin und der Assessor. Die Freundin war schwarzhaarig, sie hatte schöne, freie Augen und einen ernsten Mund. Es war etwas Sicheres und Feines an ihr, eine bezaubernde Anmut. Ich sah sie gleich als Bild in meiner Vorstellung. Ein feines Kind, dachte ich, das wäre etwas für deinen Pinsel, Tedrahn!

Ich schlenderte mit Charlotte zum Schloß zurück. Wir hatten den Wagen so lange vor uns, bis er in die Lindenallee einbog. Charlotte hatte unterwegs Blumen gepflückt, sie gab mir davon ab, als ich auf mein Zimmer ging, um mich zum Essen umzukleiden. Ich wohnte nicht im Schlosse selbst, sondern in einem alten weißen Hause, das quer daneben lag, und das man das »Kavalierhaus« nannte.

Als ich dann zum Schloß hinüberschritt, stand Komteß Anna mit ihrer Freundin auf der Terrasse. Die Komteß hatte ein weißes Tuch um die Schultern und rote Monatsrosen auf der Brust. Die Freundin war kleiner von Gestalt. Ich wußte, daß sie auch siebzehnjährig war. Sie hatte ein bordeauxrotes Tuchkleid an, das Haar lag ihr üppig im Nacken. Ich schritt die Stufen zur Terrasse hinauf, Komteß Anna stellte vor: »Herr Konrad Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, Fräulein Leonore Helfinger aus Lübeck.«

»Ah, Lübeck!« sagte ich sofort, »ich kenne die Stadt und liebe sie. Wie lebt man dort eigentlich? Haben Sie viel Verkehr? Gehen Sie viel aus?«

In dieser Weise fragte ich sie. Es geschah etwas lässig, sie war ja siebzehn Jahre alt, also ein Kind.

»Nein«, entgegnete sie in gleichgültigem Ton, »ich gehe nicht viel aus.«

Sie wendete sich wieder an die Komteß und plauderte mit ihr, als ob ich nicht vorhanden sei.