Als ich nach Wochen braungebrannt wieder in der Stadt eintraf und in einer Droschke vom Bahnhof aus meiner Wohnung zustrebte, sah ich Jamaica an mir vorüberfahren, in einem reizenden Sommerkleid, das ich noch nicht kannte. Sie saß an der Seite des Engländers, ihr Gesicht war von unaussprechlicher Heiterkeit. Wie eine biegsame Blume des Südens saß sie da, aufrecht und stolz den schönen Rücken, den ich schlug.

Lebwohl, Jamaica. Lebwohl.

Schloß Carnin

Ich, Konrad Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, erzähle eine Geschichte. Ich spiele eine traurige Rolle darin, dennoch erzähle ich sie.

Ich war zu Gast bei dem Grafen Lockwitz auf Schloß Carnin. Das Schloß ist ein altes Herrenhaus mit hohen Fenstern und einer Terrasse vor der Auffahrt. Auf dieser Terrasse saßen wir oft. Sie war das Zentrum, wo man sich traf, – hier nahmen wir den Kaffee nach Tisch, hier saßen wir an den Abenden, in leichte Mäntel gehüllt, plauderten und pafften blauen Rauch in die Luft, während aus den Wiesen das Gebrüll weidender Kühe herüberdrang oder vom Dorfe her ein Lied der jungen Mädchen, die durch den Abend gingen.

Ein runder Rasenplatz, von Kieswegen eingefaßt, lag vor der Terrasse. Dann ging der Blick in eine Allee gekappter Linden, welche die Zufahrt zum Schlosse bildete. Hinter der Allee sah man Felder und in ihnen eine Mühle mit Sparrenflügeln. Der Raps blühte in den Feldern, zitronengelb, und Wolken seines Duftes quollen herüber, wenn ein Luftzug kam. Zu beiden Seiten des Schlosses lag der Park. Er hatte köstliche alte Bäume, die weit in das Land ragten, und war von einem Gewässer durchflossen, das sich an manchen Stellen teichartig erweiterte, und in dessen versteckten Winkeln giftgrüne Algen und unentwirrbarer Froschlöffel wucherten. Hatte man den Park durchwandert, so kam man an den Deich. Und war man den Deich hinangestiegen, so blickte man in die Niederung der Elbe, in der Weiden an schmalen Wasserprielen wuchsen und wilde Enten flogen. Ganz hinten, ein silbergraues Band, sah man den Fluß. Große Schiffe fuhren auf ihm zu Tal, gespenstisch wie Phantome, und in der Ferne, meilenweit, ahnte man das Meer.

Pfingsten stand bevor; es fiel in die zweite Juniwoche. Ich wollte das Fest noch auf Carnin verleben, dann wollte ich Abschied nehmen von diesem einsamen Haus, von diesem Park und diesen Menschen, die mir teuer waren. Ich hatte mancherlei auf Carnin gemalt. Der Graf war kunstliebend und zeichnete mit Geschmack. Wir saßen oft vor den gleichen Motiven, ich malte und er zeichnete. Die Gräfin, scheinbar jünger als ihre Jahre, war musikalisch. Nicht selten, wenn ich im Park saß, drangen ihre Melodien herüber: sie spielte Klavier und sang mit einer seelisch bewegten Stimme. Zuweilen sang sie auch kleine Lieder zur Laute, abends, wenn wir auf der Terrasse saßen. Tagsüber widmete sie sich ihren Kindern. Die älteste Tochter, Komteß Anna, war siebzehn Jahre alt und schien eher die Schwester der Gräfin zu sein. Auch äußerlich ähnelte sie der Mutter, nur daß sie größer war. Ja, wenn die beiden schlanken Gestalten Arm in Arm durch den Garten gingen, und man sah sie von weitem, so hätte man schwören mögen, daß sie Schwestern seien.

Dann kam ein dreizehnjähriges Komteßlein namens Charlotte, ein ernstes Kind mit zarten Gliedern und einem regen Geist. Sie machte Verse und schrieb sie in ein rosaseidenes Buch, sie ging oft allein und nachdenklich unter den Bäumen des Parkes oder fuhr in der Gondel, Blumen im Schoß, und man hörte dann, wenn man in der Nähe vorüberging, wie sie sang. Sie war ein reich und fast zu frühe entwickeltes Kind, und ihre träumerischen Augen waren oft weit entfernt, in heimlichen Regionen der Wünsche und der Gedanken. Sie hatte Tage, an denen sie sich müde fühlte und bleich aussah, und gerade an solchen Tagen trieb es sie, ihre Verslein zu dichten und sich einsamen Gedanken hinzugeben. Wir hatten Freundschaft geschlossen und wandelten häufig zusammen die Lindenallee hinunter in die Felder, pflückten Feldblumen und sahen den Flügeln der Mühle zu, die, wenn man näher kam, unheimlich durch die Luft rauschten und knarrten, so daß man, wenn es gerade dämmerte, Angst verspürte und am liebsten schnell davongelaufen wäre.