»Übrigens, dies Fräulein Helfinger«, sagte der Assessor, ehe wir in das Kavalierhaus eintraten, »ein entzückendes Geschöpf. Man möchte sie immer ansehen, finden Sie nicht?«

»Ein Bild«, entgegnete ich, »ein wirkliches Bild, ich versichere Sie, ich kann es beurteilen, ich bin ein Maler! Sie kann sich bewegen, wie sie will, es ist immer ein Bild. Es macht mich rasend, daß ich keine Zeit habe, sie zu malen. Was ist eine Skizze?«

»Ja, ja, ich glaube Ihnen«, sagte der Assessor.

Pfingstsonntag. Früh hatte ich zu arbeiten, nachher läuteten die Glocken zum Kirchgang; müde ließ ich meine Hände ruhen. Ich sah, wie das gräfliche Paar, der Hauslehrer, Charlotte und die Jungen gemeinsam zur Kirche schritten. Der Assessor streifte durch den Park, in weißen Beinkleidern und blauer Jacke. Als er mich sah, kam er auf mich zu und fragte, ob ich mit Tennis spielen wolle; die jungen Damen warteten schon auf der Terrasse. »Jawohl«, sagte ich, »mit Vergnügen.« Der Assessor half mir die Malsachen schleppen, dann spielten wir Tennis.

Die Mädchen hatten dunkelblaue, fußfreie Kleider und weiße Blusen an. Komteß Anna hatte einen roten Filzhut über das Haar gestülpt, Leonore trug das Haar frei. Ich spielte mit Komteß Anna, der Assessor mit Leonore. Ein Diener suchte die Bälle. Ich verwünschte es im stillen, daß ich an diesem Spiel teilnahm, ich hätte viel lieber daneben gesessen und Studien nach Leonores Bewegungen gemacht, die so sicher waren, so ruhig und doch von so starkem Temperament.

»Warum sehen Sie mich immer so an?« fragte sie einmal, nicht unwillig, sondern mit einem Lächeln.

»Sie wissen ja, Sie interessieren mich malerisch«, entgegnete ich, »verzeihen Sie, wenn ich Sie so oft ansehe.«

Ich machte eine Verbeugung wie vor einer Dame, wobei ich dachte: Diese Verbeugung ist unnötig, sie ist ja ein Kind. Ich bemühte mich, sie in Zukunft weniger anzusehen. Eine Weile gelang es mir. Dann fiel ich in meinen alten Fehler zurück.

Ich nahm mir vor, nachher neue Skizzen nach ihr zu machen. Sie hatte Bewegungen beim Spiel, die sie wie eine Blüte erscheinen ließen; das war, wenn sie den Hals streckte und den Kopf etwas zurückwarf. Einmal gab sie mir einen Ball in die Hand. Wie seltsam funkelnd waren ihre Augen, als sie mir den Ball gab. Das sind süße, leidenschaftliche Augen, dachte ich, und dieses sonderbare Blau. Ich dachte wieder daran, wie ich das malen könnte. Ich dachte immer nur ans Malen, ich Trottel, ich kindischer Geselle!

Nachmittags probte alles alte Kostüme. Ich hatte mir einen Rock aus hellgrauer Seide hervorgesucht, der mit Rosengirlanden bestickt war; dazu einen Kavalierdegen und Eskarpins. In diesem Kostüm saß ich noch eine Weile am Tisch meines Zimmers und machte aus der Erinnerung Bewegungsskizzen nach der tennisspielenden Leonore. Dann tönte das Gong, ich ging zum Diner hinüber ins Schloß.