Wir gingen paarweis zu Tisch. Ich hatte Leonore zu führen. Leicht und ernst hing sie an meinem Arm, ein Traum.
Bei Tisch war ich mir immer bewußt, daß ein Profil von seltener Kostbarkeit an meiner Seite war; daß ich jammervoll die Zeit versäumte, da ich es nicht skizzieren konnte. Ich kam auf Marie Grubbe zu sprechen, den Roman von Jens Peter Jacobsen. Ich fragte Leonore, ob sie das Buch gelesen habe.
»Ja«, sagte sie, »ich habe es gelesen, aber ich habe es zerrissen und verbrannt.«
Oho! dachte ich, sie hat Marie Grubbe verbrannt!
»Später werden Sie das Buch wieder lesen«, sagte ich, »dann werden Sie es nicht verbrennen, sondern Sie werden es lieben.«
Sie zuckte mit den Schultern.
»Wissen Sie, wie ich Sie malen möchte?« sagte ich. »Wie Marie Grubbe möchte ich Sie malen, als sie noch Kind war, ich meine die Szene, wo sie in der Laube sitzt und mit den nackten Armen in den Rosen wühlt.«
Sie sah mich an, es war etwas Schmerzliches in ihren Augen. Ich nahm das Glas, in dem der Sekt perlte, hob es ihr entgegen und trank auf ihr Wohl. Auch sie nahm ihr Glas, wir stießen an. Ich sehe noch die holde Neigung ihres Kopfes, da wir anstießen. Auf ihren rosigen Wangen waren Spuren weißen Puders zu bemerken, der aus dem Haar herabgeglitten war.
Ich betrachtete sie lebhaft. Ich studierte sie, ich suchte alles Wichtige der Form und der Farbe in mich hineinzusaugen. War es nicht beleidigend, daß ich immer nur ihr Äußeres betrachtete?
»Sie ahnen nicht«, sagte ich, »wie die mattrote Rose zum Grau Ihres Haares steht. Es ist eine Harmonie, die mich begeistert.«