Für einen Augenblick kam etwas Unruhiges in sie. Dann hatte sie ihre Fassung wiedergewonnen.

»Kommen Sie«, sagte sie kühl, »wir wollen zu den andern gehen.« Damit war sie schon auf dem Wege den Deich hinab. In mir siedete es. Was sollte ich tun, um diesen tiefgekränkten Menschen zu versöhnen? Es kreiste und schwankte vor meinen Augen.

»Fräulein Leonore –«, sagte ich, wie um Verzeihung bittend.

Aber sie hörte nicht. Etwas Abweisendes lag um ihren Mund, auch ihre Augen waren streng und herbe. Wir hörten Lachen, die Kleider der andern schimmerten vor uns durch das Laub.

»Hallo!« rief Leonore.

Begrüßung. Dann stieg alles hinauf auf den Deich. Man plauderte, lachte, staunte laut über das purpurne Lichtmeer in den Wiesen. Leonore sprach unbefangen mit Komteß Anna und dem Assessor. Ich wagte mich nicht an ihre Seite, ich war innerlich zerschmettert. Mir war elend zu Sinn wie in einer Krankheit.

Leonore lachte, scherzte, und auf dem Rückweg nach dem Schloß hängte sie sich plaudernd in Charlottes Arm. Sie schien sehr fröhlich zu sein, aber mich sah sie nicht. In mir wallte es auf und nieder, es fiel mir schwer, an der Unterhaltung teilzunehmen, in die mich der Graf und die Gräfin verstrickten. Ich tappte wie ein Traumwandler hin.

Nachher Tanz im Schloß. Die Gräfin drehte einen kleinen Leierkasten. Ich tanzte zuerst mit Leonore; sie bat bald, aufzuhören. Ich sprach ein paar Worte in demütigem Ton zu ihr, sie antwortete nicht. Mit den andern war sie froh und unbefangen, mitunter beinahe ausgelassen, so daß ich erstaunte. Ihre Mienen wurden streng und abweisend, sobald sie in meine Nähe kam. Einmal stand sie in der Nische eines Fensters allein und sah in den dunkelnden Park. Ich trat neben sie, voll Demut, bittende Worte stammelnd, und suchte ihre Hand zu küssen. Sie verhinderte es, sie schüttelte abwehrend das Haupt und winkte Charlotte zu uns herüber, damit wir nicht allein in der Nische ständen.

Der ganze Abend war eine Qual. Es sah elend in mir aus. Ich dachte daran, wie ich sie mit kühlem Auge und ruhigem Blut gemalt und skizziert hatte – und hätte mich züchtigen mögen. Du verdientest, daß man dich an den Pranger stellte und öffentlich auspeitschte, dachte ich. Ich begriff mich selbst nicht, mir graute vor meinem albernen Künstlertum, ich haßte mich wie einen Feind.

Leonore wußte es einzurichten, daß wir während des Abends nur in die flüchtigste Berührung kamen. Hin und wieder warb ich voll Demut um einen freundlichen Blick von ihr, aber umsonst. Es war zum Verzweifeln.