Beim Gutenachtwünschen trat sie vor mich hin und sagte: »Ich versprach, Ihnen die Rose aus meinem Haar zu schenken. Sehen Sie doch, sie ist verloren gegangen, ich kann Ihnen die Rose nicht schenken. Verzeihen Sie.«

Ich verneigte mich, sie wendete sich zu den andern. Sie hatte die Rose fortgeworfen, das ist klar. Ich biß mich auf die Lippen, in mir stieg es auf vor Weh und Gram. Ich sah ihr nach, wie sie mit Komteß Anna und Charlotte das Zimmer verließ. Das schleppende Gewand sah ich und die blassen, jugendlich schönen Schultern und die Haltung der Arme im Kerzenlicht ... Aber diesmal dachte ich nicht ans Malen, ich war erfüllt von Qual und Sehnsucht.

Der folgende Tag war entsetzlich. Es war mein letzter Tag auf Carnin, er machte mich krank und matt. Leonore wich mir aus, sie vermied es, auch nur einen Augenblick mit mir allein zu sein. Wir spielten Tennis, sie lachte und schwang den Schläger mit Obacht und Grazie, sie plauderte harmlos mit den andern, aber zu mir sprach sie niemals. Ich merkte: Es ist alles hoffnungslos; du hast ihr Gefühl zu heftig mit Füßen getreten; hier ist nichts mehr gutzumachen; es geschieht dir recht, Kunstmaler Tedrahn!

Wie warb ich um einen Blick, um ein freundliches Wort von ihr, wie habe ich mich gedemütigt! Aber sie blieb hart und kalt, sie beachtete mich nicht, sie war nicht zu erweichen, sie strafte mich mit Verachtung.

Ich litt, ich dachte: wenn doch dieser Tag erst zu Ende wäre, du erträgst es ja nicht! Aber ich wußte auch, daß nach diesem Tage alles vorüber sein würde, daß ich sie nicht wiedersehen würde, daß ich ruhelos sein würde und voll Kasteiung gegen mich selbst, im Bewußtsein meines verrückten Benehmens, das mir dieses Glück für immer verscherzt hatte.

Und der Tag ging hin, dieser qualvolle, zermürbende Tag. Abends saßen wir das letztemal auf der Terrasse. Der Graf ließ Sekt reichen, als Abschiedstrunk. Wir stießen an, mein Glas stieß klirrend an Leonores, sie lachte Charlotte dabei an, mich sah sie nicht. Sie sah schön aus, sie hatte ein blaues Tüchlein über dem schwarzen Haar. Ich hielt es nicht aus, ich verabschiedete mich, da ich noch zu packen hätte. In aller Frühe des folgenden Tages mußte ich fahren, ich sagte allen Lebewohl. Leonore gab mir die Hand, sie war ruhig und kühl.

Dann schritt ich in meinem Zimmer auf und ab, wie ein gemartertes Tier im Käfig, stundenlang. Ich hörte die Stimmen von der Terrasse her. Mitunter hielt ich an und lauschte, – wenn ich Leonores Stimme zu hören meinte. Ich war voll wirrer, qualvoller Empfindungen, und ein Gefühl unbeschreiblichen Ekels quoll in mir auf, wenn ich die Bilder sah, die gegen die Wand lehnten. Einmal erhob ich den Fuß und rannte ihn blindlings in eins der Bilder hinein, voll Wut auf diese verfluchte Kunst, die mich um das schönste menschliche Erleben gebracht hatte. Mit diesem Fußtritt des Hasses hatte ich mein bestes Bild zerstört, das Bild des abendlichen Schlosses mit den Gestalten der Gräfin und der Komteß Anna auf der Terrasse. Es war hinüber, ich stieß ein Gelächter aus.

Ich verbrachte die Nacht schlaflos. Ich packte, ich suchte zu lesen, ich sah lange Zeit, Zigaretten rauchend, aus dem Fenster in die warme, duftende Nachtluft, zum Schloß hinüber, wo ich das Fenster erkennen konnte, hinter dem Leonore schlief. Dann wanderte ich wieder hin und her. Ich begann einen Brief an Leonore zu schreiben und zerriß ihn wieder. Ich legte mich aufs Bett, ohne mich auszukleiden, und erwartete den Morgen.

In aller Frühe klopfte der Diener und brachte Tee. Dann hörte ich den Wagen auf dem Kies vorfahren, mein Gepäck wurde aufgeladen, ich warf den Mantel um, ging hinunter, und die tauige Luft tat meinen erhitzten Wangen wohl. Das Handpferd wieherte in die Frühe, voll Übermut. Ich blickte noch einmal zu dem Fenster hinauf, hinter dem Leonore lag. Ich fühlte mich elend, ausgestoßen und krank. Mich fröstelte, als hätte ich Fieber. Die Schimmel zogen an, es ging die Lindenallee hinunter, dann durch die gelben Rapsfelder, aus denen schwere Wolken von Duft aufstiegen.

Die Sonne lag golden über den Feldern, die Lerchen sangen. Mich marterten die Lerchen und die Sonne. Ach, könnte ich doch schlafen, dachte ich.