Sie waren viel zusammen. Er holte sie des Abends vom Geschäft ab, dann gingen sie zu ihm und aßen etwas. Danach nahmen sie sich bei der Hand und wanderten durch die Straßen oder in einen Park, bis sie müde wurden.

So lebten sie dahin, jung und glücklich. Nur die Stunden, in denen er sich elend fühlte, warfen graue Schatten in ihr Dasein. Er suchte zwar diese Zustände und Stimmungen zu verbergen, aber es gelang ihm nicht. Sie fühlte wohl, wie es mit ihm stand.

Eines Abends, als Gregor seine Geliebte nach Haus begleitete, klagte sie über Schmerzen im Halse. Am nächsten Morgen hatte sich der Zustand so verschlimmert, daß sie nicht fähig war, das Geschäft zu besuchen. Sie fieberte und mußte das Bett hüten. Gregor ahnte etwas und ging schon im Laufe des Vormittags zu ihr, um nachzusehen. Er fand Mimi blaß und müde in den Kissen. Sie freute sich wie ein Kind, als sie ihn kommen sah, und küßte lächelnd seine Hände. Gregor ließ sich an ihrem Lager nieder, fühlte ihren Puls und sah in den Hals. Dann schrieb er ein Rezept und gab es der Wirtin, die forteilte, um die Medizin zu besorgen. Gregor nahm Mimis Hand, neigte sich auf ihr Bett und sprach freundliche Worte zu ihr nieder.

Allmählich schlossen sich ihre Augen, und ihre Brust begann ruhiger zu gehen. Sie schlief ein. Gregor betrachtete die Ruhe ihres weißen Gesichtchens und dachte: ›Nun ist sie auch krank.‹ Mit diesem Gefühl mischte sich ein anderes, merkwürdiges. Es war beinahe wie ein Triumph. Ihm war, als empfände er es als eine Befriedigung, daß er nun nicht mehr allein von ihnen beiden der Bemitleidenswerte sei. Aber dieses Empfinden, kaum entstanden, verdroß ihn aufs tiefste, und er schalt sich niedrig und gemein. Er mußte husten. Er wußte ja, daß er unendlich kränker war als sie. Sie war nur erkältet, das ging vorüber. Bei ihm saß es tiefer.

Es klopfte. Die Wirtin kam und brachte die Medizin. Er nahm sie ab, entkorkte die kleine Flasche und stellte sie auf das Nachttischchen. Er wollte Mimi nicht wecken, der Schlaf tat ihr besser als alle Medizin. Er blieb an ihrem Bette sitzen, horchte auf ihren Atem, und tausend Vorstellungen zogen durch sein Gehirn. Sein Auge wanderte in dem Zimmer umher, das er noch nicht sehr oft betreten hatte. Es war ursprünglich ein Mietszimmer nach der Schablone gewesen, aber jetzt konnte man überall die Spuren sorgender Hände entdecken. So war das Zimmer wohnlich und freundlich geworden, es hatte ein Gesicht bekommen, es war das Zimmer der kleinen Mimi mit dem beweglichen Sinn für das Bunte und Heitere.

An der dem Bett gegenüber gelegenen Wand stand ein schmaler Schreibtisch, der den Eindruck machte, als würde er selten oder nie benutzt. Allerhand Sächelchen standen darauf herum, kleine Tiere aus Porzellan, chinesische Figürchen und ein paar Flacons und bunte Kästen. In der Mitte von dem allen prunkte eine flache silberne Schale, angefüllt mit Photographien. Gregor ging auf leisen Füßen hinüber, holte sich die Schale an das Bett und stöberte in den Bildern herum. Es waren Freundinnen und Verwandte Mimis, die Kinder ihrer Wirtin und dergleichen mehr. Ganz zuunterst lag ein kleines Bildnis, das den Studenten, sobald er es sah, auf das sonderbarste berührte. Es stellte Mimi dar. Auf der Rückseite war vermerkt: sechzehn Jahre alt.

Sie stand in einem weißen Kleidchen da, und die ganze Figur war zu sehen. Ihre schönen Augen blickten geradeaus, die Hände hielt sie auf dem Rücken verschränkt. Es war das Bildnis eines reinen, unberührten Kindes, das noch von dem Brausen der Welt und von sich selbst nichts weiß. Wie eine weiße Blüte im Frühling stand sie da.

Gregor staunte das Bild an wie ein enthülltes Geheimnis. Er vergaß darüber ganz, daß die lebende Geliebte da neben ihm lag und atmete. Er empfand nichts weiter als die Schönheit dieses lieblichen Bildes. Seine Augen sogen sich förmlich fest daran.

Mimi bewegte sich und sprach einige zusammenhanglose Worte. Gregor steckte die gefundene Photographie in die Brusttasche und trug die silberne Schale auf den Schreibtisch zurück. Dann trat er wieder an das Bett, gerade als Mimi erwachte. Sie sah ihn aus fieberigen Augen an. Er wagte kaum in diese Augen hineinzusehen, wie in dem Bewußtsein einer Schuld. Er goß einige Tropfen Medizin in einen Löffel und reichte sie ihr. Sie nahm den Trank und ließ den matten Kopf schnell wieder zurück in die Kissen sinken.

Nachher, als sie wieder schlief, nahm er das Bild von neuem vor. Er meinte, nie so glücklich gewesen zu sein wie jetzt, da er sich im Besitz dieses Schatzes wußte. Er führte das Bild an die Lippen und küßte es mit geschlossenen Augen. Es wollte ihm scheinen, daß er erst jetzt gefunden habe, was er bisher noch immer unbewußt entbehrt hatte. Ja, ihm war, als müßte die Zukunft nun hell und freundlich sein. Er drückte das Bild an die Brust, voll leidenschaftlichen Fühlens, und sprach zu ihm in erregten Gedanken. Aber wenn seine Augen dann neben sich auf die ahnungslos Schlafende niederfielen, trübten sie sich und verloren den Ausdruck der Freude.