Bald darauf begaben sich Paul und Fridolin in die Gesellschaftsräume. Wilibald führte sie erst zu seiner Braut hinüber, die ein taubengraues, mit rosa Seide durchsetztes Kleid angelegt hatte und, indem sie sich sicher, aber durchaus mädchenhaft bewegte, ungemein reizend aussah.

Dann wurde weiter vorgestellt. Den Verwandten, den älteren Herrschaften, den jungen Mädchen. Als alles vorüber war, zog sich Fridolin in eine Fensternische zurück. Er sah durch die unverhüllten Scheiben auf den dunkelnden Hof, wo ein Knecht ein paar Pferde in den Stall führte und zwei Frauen blanke Eimer mit Milch trugen. Dann hielt er im Zimmer Umschau. Von den Namen hatte er so viel wie nichts verstanden. Gern hätte er gewußt, wo die Dame sei, die er morgen zu Tisch führen sollte. Ein blaues Kleid sollte sie tragen. Er sah keins.

Paul trat zu ihm, nahm seinen Arm, und sie gingen ins Nebenzimmer. Hier schien der Tummelplatz der Jugend zu sein. Man lachte, plauderte, und kleine Gläser mit Sherry wurden herumgereicht. Die Freunde nahmen an dem Tischchen Platz, an dem die Braut und der Bräutigam saßen. Ein Diener bot Zigaretten an. Fridolin nahm eine zwischen die Lippen, beugte sich zu Wilibald hinüber und fragte:

»Du, wo ist eigentlich dies Fräulein Asta?«

Wilibald sah sich um, dann sagte er:

»Dort drüben. Die Schlanke in Blau.«

Fridolin sah hinüber. In demselben Augenblick berührten sich Astas Augen mit den seinigen. Aber nur flüchtig und offenbar zufällig. Sie blieb dabei im Gespräch mit den andern.

Sie saß auf einem niedrigen englischen Lehnstuhl, in etwas lässiger Haltung. Ihr Haar, von einem eigentümlich silberigen Aschblond, hing ihr, zu einem dicken Knoten geordnet, im Nacken. Sie trug ein einfaches blaues Kleid, ohne Schmuck. Die Bewegungen ihrer Glieder zeigten eine vornehme Ruhe, und um den feinen Mund, dem man es ansah, daß er viel und gern zu schweigen pflegte, lag ein stiller Ausdruck des Stolzes und eine süße, seltsame Herbheit.

Fridolin sah sie im Profil, und zwar fast die ganze Gestalt. Sie schien schlank zu sein wie eine Gerte und zerbrechlich wie Glas. In der einen Hand, die schmal und matt über die Lehne des Stuhles hing, hielt sie eine Rose von dunkler Glut. Sie paßte nicht zu ihr. Fridolin hatte das Gefühl, als hätte diese Blüte von dem zartesten Gelb sein müssen.

Er folgte jeder Linie ihres Körpers mit Obacht und bemühte sich, jede Einzelheit ihres äußeren Wesens in den Schatz seiner Erinnerung aufzunehmen. Plötzlich wurde er verwirrt. Es war ihm auf einmal ganz deutlich, als schöbe sich etwas in die Luft, das seine Fäden zwischen ihm und jenem Mädchen zu spinnen begann. Er machte eine kleine, verlegene Bewegung, errötete ein wenig, sah schnell fort und wandte sich plaudernd an den Bräutigam. Dann mußte er doch wieder hinüberblicken. Sie hörte mit Lächeln einem älteren Herrn zu und roch zuweilen vergnüglich an der Rose. Fridolin wollte durchaus, daß sie ihn ansah. Sie tat ihm den Willen nicht. Er versuchte es mit aller Gewalt durch die Energie seines Blickes zu erzwingen. Sie dachte gar nicht daran, zu ihm hinüberzusehen.