Nachdem er auch die Heide durchquert hatte, wurde der Boden moorig, und er mußte abbiegen. Er ritt in ein Wäldchen junger Birken ein, deren weiße Stämme in der blauen, sonnigen Luft wie reines Silber glänzten, während das Zweigwerk, braunrot und voll keimenden Saftes, von einem violetten Duft durchwoben war. Dunkelgrüne Wacholderbüsche waren über den Waldboden hin verstreut. Fridolin machte einigemal halt, um schöne Durchblicke durch die hellen Stämme auf das Moor und die roten Dächer eines fernen Dorfes zu genießen.
Draußen kam er auf eine sandige Höhe. Nahe dem Horizont erkannte er das Dunkelblau eines kommenden Regens. Plötzlich drang ein Lärmen aus der Luft. Er sah empor. Zwei große, weiße Vögel, blendend von der Sonne beschienen, stürmten mit vorgereckten Hälsen durch die Luft und schrieen. Als er weiter Umschau hielt, auf das Wäldchen zu seinen Füßen, auf das rote Dorf, auf ein paar blaue, moorige Teiche und die Wege ringsher, sah er in der Richtung nach Garzigar den Reisewagen mit den beiden Braunen. Und wieder spornte er den Gaul und flog über Moor und Heide und Feld, und als er dann endlich in Obliwitz einritt, ermattet und triefend gleich dem Tier, auf dem er saß, rief ihm der Brautvater, der gerade aus dem Schafstall kam, mit deutlicher Stimme entgegen:
»Wenn Sie glauben, junger Mann, daß ich noch einmal die Dummheit begehe, Ihnen ein Pferd aus meinem Stall zu geben, irren Sie sich!«
Fridolin fuhr von Obliwitz direkt ans Meer. Er kletterte auf den Dünen herum, legte sich an den Strand, trieb in Booten durch das sonnige Wasser, das er selten so blau gesehen zu haben meinte, pflückte sich Sträuße von Leberblümchen, die auf einigen Hügeln in blauen Mengen standen, und fühlte, daß er an der See noch niemals so unruhig und verstört gewesen war. Aus jedem Raunen des Wassers hörte er die Stimme eines Mädchens, das blonde Haare hatte; wo er einen wehenden Halm sah, dachte er an dünne Handgelenke, und die Bläue des Himmels sah er nur als Vergleich mit dem Blau zweier jugendlicher Augen. Endlich hielt er es nicht mehr aus. Er setzte sich hin und schrieb an Asta, daß er am nächsten Tage auf der Heimreise um eine bestimmte Zeit mit dem Schnellzuge durch S. kommen werde, der Stadt, wo sie bei Verwandten zu Besuch war. Er schrieb, der sehnlichste Wunsch, den er habe, sei, sie am Bahnhof noch einmal wiederzusehen.
Er fuhr, und als er sich S. näherte, stürmte sein Blut vor Erregung. Er stand, als der Zug einlief, am Fenster und erkannte sie sogleich. Sie trug ein schwarzes Kleid, einen schwarzen Federhut und an den Händen gelbe dänische Handschuhe. Merkwürdig, sobald er sie sah, hatte er seine Ruhe wiedergefunden. Sie winkte ihm zu, er sprang, als der Zug hielt, herab, ging ihr entgegen, nahm ihre Hand und küßte sie.
Was sie hierauf miteinander sprachen, war sehr einfach: Erkundigungen nach ihrem Befinden, wie es ihm am Meere gefallen habe, wie ihr die Hochzeitsfeier bekommen sei, wie lange sie noch bei ihren Verwandten zu bleiben gedenke. Sie sagte, daß sie noch etwa vierzehn Tage in S. zu bleiben gedenke, und er, daß er die See nie so schön gesehen habe, daß er aber nicht in der richtigen Stimmung gewesen sei, sie zu genießen. Dann hieß es »Einsteigen!«, sie gab ihm schnell die Hand, er küßte sie, indem er den Handschuh zurückstreifte, auf den Puls. Dann bestieg er den Wagen, der Zug setzte sich in Bewegung, und langsam verschwand ihre dunkle Gestalt, während er winkte und noch bis zuletzt den herben Zug um ihre Lippen sah.
Sie hatten nichts mehr gemein in ihrem späteren Leben. Wenn sie einst sterben werden, wird keiner ahnen, daß sie in den Tagen ihrer Jugend voneinander wußten.
Der Druck des Buches erfolgte in der Druckerei von
Gebr. Mann zu Berlin. Die Einbandzeichnung ist von
Walter Tiemann.
Anmerkungen zur Transkription:
Das im Original am Ende des Buches befindliche Inhaltsverzeichnis wurde zur besseren Übersicht an den Buchanfang verschoben. Offensichtliche Druckfehler und Inkonsistenzen wurden korrigiert.