Es war eine sinnlose Quälerei für sie beide, und es schien ihm klar, daß es seine Pflicht war, ein Ende zu machen. Aber wie? Er fing an, seinen Gefühlen mit Sorgfalt nachzugehen, und glaubte zu finden, daß er dieses stolze Mädchen heftiger liebe als irgendein anderes zuvor. Dann aber dachte er über die vergangenen Erlebnisse nach, dachte an die Unzuverlässigkeit menschlicher Gefühle und besonders der seinigen, dachte vor allem an die unerschütterte Freude am Erleben, die noch in ihm war und die er als einen köstlichen Besitz empfand, und schließlich sagte er sich mit aller Bestimmtheit: Preisgeben, preisgeben, Fridolin, es ist die einzige Möglichkeit. Sei klug, du kennst dich ja, bleib einsam, das Leben ist weit, und es blühen der Rosen viele; geh fort, sei traurig und klage; aber bleibe einsam, unbeständiger Fridolin!

Er sprang auf, riß einen kleinen Kieselstein mit hoch und warf ihn ärgerlich in den Teich, daß es plumpste und eine Garbe silberner Tropfen aufsprang.

»Preisgeben«, murmelte er, – und dann fing er an, sich selber gröblich zu belügen, indem er sich vormachte, daß er vollkommen ausgesöhnt mit diesem klugen Entschlusse sei, indem er ihn vor sich selber als den einzig sinngemäßen pries und so tat, als wäre diese ganze Angelegenheit in ihm klipp und klar.

Er schritt den Uferrand hinauf, blickte noch einmal auf den Teich zurück, ging an den Ziehbrunnen, betastete ihn, machte einen Bogen um die Arbeiterhäuser herum und sah, wie drüben auf dem Hauptweg ein sich umarmendes Paar hinschritt, das sich wahrscheinlich aus der Schenke fortgestohlen hatte, um einen heimlicheren Winkel für seine Liebe aufzusuchen.

Auf mehreren Umwegen gelangte er in den Gutspark, blieb einen Augenblick vor dem verödeten Sandsteinbecken des großen Springbrunnens stehen, blickte zum Mond und den phantastischen Wolkenformen des Himmels auf und sah dann die rötlich erleuchteten Fenster des Herrenhauses wieder vor sich liegen. Er trat ganz dicht unter eins der Fenster und lauschte. Ein unbestimmtes Surren von Stimmen schlug an sein Ohr, die Musik schwieg. Man hatte aufgehört zu tanzen und vergnügte sich offenbar mit allerlei zeitvertreibenden Spielen. Er schritt um das Haus herum, kam an das dunkle Fenster seines Zimmers, stieß den Fensterflügel zurück und schwang sich über das Gesims in die Stube. Er entkleidete sich im Dunkeln und legte sich hin. Schlafen konnte er nicht; sein Blut wallte ruhelos hin und her. Mitunter wurde ihm so heiß, daß er am liebsten aufgesprungen und ans offene Fenster getreten wäre, um sich zu kühlen. Er sah Asta, hörte ihre Stimme, fühlte ihre kleine weiße Hand, sah sich selber neben ihr, heftig bewegt und unfähig, die Worte zu finden, die er suchte, fühlte den Stolz ihres Auges, und einmal war er nahe daran, laut loszubrüllen wie ein verzogenes Kind.

Lange lag er so. Endlich hörte er ein schnell anschwellendes Getümmel auf den Korridoren und wußte, daß die Gäste sich jetzt zur Ruhe begaben. Hier und da klappte eine Tür, Geträller war zu hören, ein feines Lachen, ein Zuruf, ein Gähnen, dann wurde es wieder still. Eine Stunde später öffnete man ungeschickt laut die Tür zu seinem Zimmer. Fridolin tat, als schliefe er, aber durch die Wimpern hindurch beobachtete er genau, was vorging. Zwei Leutnants, lachend und mit geröteten Gesichtern, schleppten Paul herein, der völlig betrunken war. Der eine Leutnant, auffallend durch abstehende Ohren und einen riesigen blonden Schnurrbart, trug einen brennenden Leuchter in der Hand, den er schief hielt und von dem infolgedessen das Wachs fortwährend auf die Dielen tropfte. Paul, der nicht das geringste mehr von sich wußte, ließ alles mit sich geschehen. Die Leutnants setzten ihn aufs Bett, zogen ihm allmählich sämtliche Kleidungsstücke aus, nannten ihn eigentümlicher Weise immer »Majestät« und lachten unmäßig dabei. Als ihr Opfer bis auf das Hemd entkleidet war, schleppten sie es an den Waschtisch und gossen ihm eine Kanne Wasser über den Kopf. Paul gab nicht einen Mucks von sich und hielt auch meistens die Augen geschlossen, die so klein schienen wie die eines Ferkelchens. Die Leutnants packten ihn ins Bett, deckten ihn zu, legten mit eigentümlich pathetischen Gebärden einen Rosenstrauß auf seine Bettdecke, warfen einen scheuen Blick auf Fridolin, nahmen den Leuchter und verließen dann, nachdem sie erst so unnötig laut gewesen waren, merkwürdigerweise auf Zehenspitzen und mit leisem Flüstern das Zimmer.

Paul schlief sofort und fing an zu schnarchen. Fridolin war erst belustigt durch die groteske Szene, deren Zeuge er gewesen war, dann gewannen die tieferen Bilder des verflossenen Tages wieder Raum in ihm, und er hörte Asta immer von neuem mit der ganzen Energie ihrer Stimme zu ihm sprechen: »Ich wünsche, daß wir aufhören mit tanzen. Sofort.«

Es währte lange, ehe er Schlaf fand. Er schlief leis und unruhig.

Am nächsten Vormittag sollte Asta reisen. Sie sahen sich noch beim Frühstück, doch saßen sie so weit voneinander ab, daß sie kein Wort miteinander wechseln konnten. Fridolin empfand es eigentlich als eine Wohltat. Ihre Augen berührten sich mitunter. Asta schien ganz lustig zu sein; die Bewegungen ihrer Hände und ihres Kopfes waren viel lebhafter als gestern. Der Leutnant an ihrer Seite, es war der mit den abstehenden Ohren, zog sie in eine Unterhaltung, die ihr volles Interesse zu haben schien. Aber einmal bemerkte Fridolin, daß sie auf einen Augenblick die Augen schloß, wie in einem starken nervösen Gefühl oder von einer heftigen Ermattung ergriffen. Nach dem Frühstück trat er zu ihr, sah sie an, nahm lächelnd ihre Hand und sagte leise: »Leben Sie wohl«. Dann führte er die Hand an den Mund und biß hinein. Aber die Hand schien fühllos zu sein, denn sie zuckte nicht einmal. »Leben Sie wohl!« sagte Asta und lachte. Fridolin merkte trotz alledem, daß dieses Lachen nicht ehrlich war.

Er wollte den Abschied am Reisewagen nicht miterleben. Er ließ sich ein Pferd aus dem Stall ziehen, einen jungen Rappen, und stieg in den Sattel. Als er eben den Hof verlassen hatte, bemerkte er an seinem Ärmel einen goldigen Blitz. Er sah nach und fand, daß es ein langes, aschblondes Haar war, das nur von Asta stammen konnte. Die ganze Schönheit des blassen Mädchens trat mit einem so wehmütigen Schimmer und so überwältigend vor ihn hin, daß ihm war, er müsse liebkosend ihren Namen nennen und für alles um Verzeihung bitten. Er gab das Haar dem Winde preis, biß die Lippen zusammen, stach die Sporen mit unsinniger Heftigkeit in die Seiten des Pferdes, so daß es sich bäumte, und jagte über Feld und Gräben, gleich einem Besessenen.