»Sie sind kühn, ich wünsche, daß wir aufhören mit tanzen.«
»Nein.«
»Sofort.«
»Ich will nicht.«
»Ich schreie, wenn Sie nicht aufhören.«
Er ließ ab, führte sie auf ihren Platz, verneigte sich und verließ dann, ohne daß es auffiel, das Zimmer. Er warf sich einen Pelz über und ging hinaus in die Mondnacht.
Die Gebäude des Gutshofes lagen weiß wie Milch in der kühlen Luft. Aus der Ferne konnte man, wenn gerade ein Windhauch herüberwehte, die Musik hören, zu der die Knechte und Mägde tanzten, denen dieser Tag auch ein Festtag war. Fridolin schritt über den leeren, gepflasterten Hof und sah seinen Schatten neben sich wandern. Er ging durch eine Pforte in das Feld und auf ein kleines Gehölz von ragenden Kiefern zu, die sich wie drohende Recken gegen den hellen Himmel abhoben. Unter diesen Kiefern lag ein kleiner Friedhof, den verstorbenen Mitgliedern der Gutsfamilie als Ruhestätte dienend. Das letzte der Gräber, das einige frische Kränze trug, war noch ziemlich jung, hier hatte man die Mutter der Braut vor nicht viel mehr als einem Jahre eingegraben. Hohe Eisenkreuze mit gepreßten Goldlettern standen auf den Gräbern, überall wucherte Epheu, und auch an manchen Kreuzen strebte er mit wilder Umarmung empor.
Fridolin schritt den schmalen Weg zwischen den Gräbern hin. Er empfand den wundersamen Frieden dieser Stätte und sah vertraulich zum Mond auf, der mit ihm langsam durch die Kronen der Kiefern schlenderte. Dann blieb er am Rande des Gehölzes vor einem der Hügel stehen, und nun waren es die Schatten ringsum, die ihn seltsam erfüllten. Welche Schatten! Da waren zunächst, von übertriebener Länge und Geradheit, die Schatten der Kiefernstämme, die sich fest und sicher weit über das Feld hinlegten, wie Mastbäume oder wie schwarze Furchen; endlich verloren sie sich in einem eigentümlichen Gewirr von Dunkelheit: das waren die Schatten der Kronen. Viel unheimlicher als diese langen, toten Kiefernschatten aber waren die Schatten der Kreuze. In ihnen nämlich schien ein verstecktes Leben zu schlummern und nur darauf zu warten, daß es in einer geheimnisvollen Stunde auferstünde, doch nicht ein frohes Leben, sondern ein Leben voll düsteren Ernstes und gewaltsamer Entbehrung, ohne Lachen und ohne Licht. Und dann glitt sein Auge auf seinen eigenen, kleinen, harmlosen Schatten über, und er dachte daran, daß dieser Schatten ihm im Grunde ebenso fremd sei wie die Schatten der Kiefern und Kreuze um ihn her, denn er hatte nicht den geringsten lebendigen Teil an ihm. Und doch vermochte nur er ihm Bewegung zu verleihen, wenn auch kein Leben, und wäre dieser Schatten nicht, so wäre er nicht. Und wenn man jetzt, so dachte er, dorthin, wo er selbst gerade stand, einen andern Menschen stellen würde, einen von ihm gänzlich verschiedenen, der nur ungefähr die gleichen Formen des Körpers hatte (oder auch eine leblose Puppe dieser Art), so würde der Schatten, der dort läge, dem seinen zum Verwechseln ähnlich sein, so wie die Schatten der Kreuze einander glichen, ohne daß man den einen vom andern hätte unterscheiden können. Während Fridolin dies bedachte, wurde ihm auf einmal siedend heiß. Gleich darauf breitete er beide Arme aus, so daß auch sein eigener Schatten dem eines Kreuzes glich. Wenn jetzt hier jemand käme, dachte er, dessen Auge nicht die Dinge, sondern nur die Schatten der Dinge zu sehen vermöchte, so würde er nicht ahnen können, daß hier ein Mensch stünde, sondern er würde wähnen, zwischen lauter Kreuzen zu wandern.
Er ließ die Arme wieder sinken, sah sein Abbild mit einem heimlichen Mißtrauen an und wurde unwillig über die Unruhe und das törichte Spiel dieses Bildes, während ihn die unveränderliche Hoheit der übrigen Schattenbilder mit Neid und Sehnsucht erfüllte. Er nahm sie noch einmal alle in sich auf, dann aber hatte er der Schatten genug. Er schritt in das freie Feld hinüber, das so hell vom Mondlicht übergossen war, als stünde es voll weißer Blüten, und wanderte auf einem Rain entlang, indem seine Füße den Tau von unzähligen Gräsern streiften. Die Felder und Wiesen schliefen, nicht eine Grille war wach. Der Mond hing zwischen großen, silberumrandeten Wolken. Jetzt tauchte eine die Wiesen durchquerende, endlose Schlangenlinie niedriger Bäume auf, in deren Zweigen das Mondlicht wie ein silberner Schleier hing. Fridolin unterschied, daß es Weiden waren, und als er sie erreicht hatte, sah er, daß sie den Ufern eines lautlos gleitenden Flüßchens folgten. Eine Holzbrücke führte über dieses hinweg; Fridolin lehnte an das Geländer und sah in das Wasser, das schwarz wie Tinte erschien, während es ein Ende weiter abwärts von einem weißlichen Glanz überleuchtet war. Er suchte erst die kaum hörbar flüsternden Weiden und dann das geheimnisvoll fließende Wasser mit den Augen zu durchdringen, fühlte das lautlose Leben und die unaufhörlich ziehende Veränderung, die unter ihm war, und der unbeschreibliche Zauber, der über nächtlichen Flüssen liegt, trat auf einmal mit solcher Gewalt vor ihn hin, daß ihm sein eigenes klopfendes Herz inmitten dieses großen, unbegreiflichen Webens nur wie ein nichtiger Spuk erschien.
Als er jenseits über die Felder weiterschritt, tauchten ein paar Arbeiterhäuser, hingeduckt wie schlafende Tiere, vor ihm auf; aber ehe er sie erreichte, kam er an einen kleinen, etwas tiefer gelegenen, eirunden Teich. Er schritt an seinen Rand hinab und streckte sich in das Heidekraut. In der Mitte des Teiches lag der Mond, eine silberne Kugel. Wenn ein Windhauch kräuselnd über die Wasserfläche fuhr, wurde aus der Kugel ein breites Gitter von endlosen Silberstrichen. Drüben, nicht weit vom anderen Ufer entfernt, reckte sich ein Ziehbrunnen schräg und schwarz gegen den Himmel und schien die Einsamkeit dieser Stätte noch zu erhöhen. Fridolin nahm ein Zweiglein Heidekraut zwischen die Lippen, sah in den Teich und nach dem Ziehbrunnen hinüber und dachte an Asta.