Eines Tages sagte sie mir lachend, sie wolle auf einige Wochen in ein Seebad reisen, der Schwede ginge auf einen Monat zu Verwandten in seine Heimat. Sie bat, ich möge mit ihr reisen. Ich sagte sogleich zu, worauf sie ausgelassen durch das Zimmer tanzte.
Ein paar Tage später trafen wir in einem reizend gelegenen Ostseebade ein, das ganz von Buchen- und Nadelholzwäldern umgeben ist. Wir mieteten in einer schön gelegenen Villa auf der Höhe, von der Veranda aus übersahen wir den Strand und die weite Fläche des Meeres.
Entzückend waren die Tage, welche folgten. Wir ritten viel, es gab ganz brauchbare Pferde zu mieten, und Jamaica fühlte sich im Sattel sehr glücklich. Wir trabten häufig in erster Frühe am Meere entlang, wenn die Sonne noch mit den silbernen Morgenwolken kämpfte und der Frühwind kräftig über das Wasser wehte.
Am Strand hatten wir eine Burg geschaufelt und mit zahllosen bunten Wimpeln geschmückt. Jamaica trug gewöhnlich einen dunkelblauen Tuchrock, eine helle Seidenbluse und Panama. Sie lag am liebsten faul im Sande, indem sie die rinnenden Körnchen behaglich durch die Finger gleiten ließ und in den blauen Himmel starrte; oder sie las Maupassant und rauchte Zigaretten. Ich sah sie immer mit einem feinen, wohligen Empfinden des Verliebtseins vor mir liegen: den schlanken Körper, das dunkle Haar auf dem hellen Sande, die blutlosen Hände, die zierlichen Fesseln der Füße unter den durchbrochenen Seidenstrümpfen.
Das Essen nahmen wir auf der Veranda unseres Zimmers. Nebenan aß ein Ehepaar mit seinen zwei halbwüchsigen Buben, auf der anderen Seite ein Engländer. Diesen sahen wir öfter, wie er über die Balustrade seiner Veranda hinauslehnte und eine Shagpfeife rauchte. Er hatte ein scharfgeschnittenes Gesicht und klare, wasserfarbene Augen. Jamaica ahmte ihn mitunter nach, indem sie sich grotesk auf die Balustrade stützte, mit steifem Nacken und etwas vorgeschobener Unterlippe hinausstarrte, ein paar Tabakswolken vor sich hinpaffte und ein langgezogenes »o yes« hören ließ. Eines Morgens begegneten wir ihm zu Pferde. Das Pferd war zu klein für ihn, seine Beine hingen lang herab, und aus der Ferne sah er aus wie Don Quichotte. Er grüßte uns, als er vorüberritt. Jamaica sah sich mehrmals lachend nach ihm um, was ich überflüssig fand.
Ja, erst lachte sie über ihn und machte sich über ihn lustig, aber ich merkte bald, daß er sie näher zu interessieren begann, mehr als sie selber vielleicht noch ahnte. Als ich eines Mittags nach Hause kam und auf die Veranda trat, sah ich, daß sich Jamaica über die Balustrade lehnte, ebenso der Engländer nebenan, und daß sie miteinander plauderten. Ich gestehe offen, es durchfuhr mich heiß vor Eifersucht. Jamaica hatte ein so strahlendes und, wie ich fand, beinahe hingebendes Gesicht, während sie mit ihm sprach, daß ich innerlich empört war über diesen Verrat und wie in einem Blitz schon jählings alles voraussah, wie es kommen mußte. Als sie mich erblickte, war sie ganz unbefangen und stellte mich als ihren Gatten vor. Nachher bei Tisch sagte sie: »Er ist wirklich sehr nett.« »So?« fragte ich.
Sie war auch fürderhin zutraulich und liebevoll zu mir, wie ich es gewohnt war, aber jene Nuance der Demut, von der ich vorhin sprach und die ich so liebte, meinte ich nicht mehr zu empfinden. Ich wurde wohl etwas verschlossener in meinem Wesen, ich lachte nicht mehr so unbefangen, und dann kamen bald Tage, wo ich deutlich merkte, daß Jamaicas Gefühle lauer wurden. Sie hatte noch immer etwas Anschmiegsames, aber ich fühlte, sie zwang sich dazu, sie gab sich Mühe, liebevoll zu mir zu sein, da sie mich nicht betrüben wollte. Mit Schmerzen nahm ich dies alles wahr und konnte es nicht hindern. Ihr verändertes Wesen hatte zur Folge, daß meine Liebe nur noch wuchs. Sie merkte diese sich steigernde Leidenschaft, und ich fühlte, wie peinlich sie ihr war. Die gegenseitige untergründige Quälerei, die zwei Menschen so nervös machen kann, fing schon an, in mir strudelte es schon wie in einem aufgeregten Gewässer, aber ich beherrschte mich noch völlig. In diesem Zustand trat ein unsinniger Gedanke an mich heran, nämlich der Gedanke, Jamaica zu heiraten, damit sie mir nicht entrinnen könne, und dieser Gedanke nahm bald ganz von mir Besitz.
Eines Morgens besuchte uns der Engländer in unserer Burg am Strande. Jamaica las gerade, sie sah auf und ein schnelles Glänzen ging über ihr Gesicht. Er zeigte uns eine kleine Versteinerung, die er gefunden hatte, und da Jamaica so begeistert davon war, schenkte er sie ihr. Sein Betragen war im übrigen völlig korrekt, nur verdroß mich die übermäßige Ruhe in seinem Wesen, die etwas Überhebliches hatte. Er bat, gelegentlich in der Frühe mit uns ausreiten zu dürfen; Jamaica zeigte sich sehr erfreut über diesen Vorschlag. Dann reichte er uns beiden die Hand und ging.
»Du hättest freundlicher zu ihm sein können«, sagte Jamaica, als er fort war.