Sehr gross war meine Sehnsucht, eh ich zur
Geliebten kam. Doch jetzt, da ich bei ihr
Glückselige Zeit verbringen durfte, bin ich
Wohl ganz beschwichtigt und gestillt? O nein!
Viel mächtiger ist meine Sehnsucht nun,
Viel ungebändigter als je zuvor!
ANKUNFT DES FRÜHLINGS
UNBEKANNTER DICHTER
Noch glänzt der Schnee hernieder von den Bergen,
Doch regt sich schon der Frühling in dem Tal.
Die Tränen, die die Nachtigall geweint hat.
Und die zu Eis gefroren waren, tauen
Allmählich auf. Im holden Duft der Tage
Erklingt nun bald das Lied der Frühlingsbraut.
Der Nebel, der noch um die Büsche schleift.
Ist nur ein leichtes, schmächtiges Gewebe,—
Ein Windhauch durch die Flur—und er zerstiebt.
Wie herrlich glänzt die Weide schon am Bach!
Auf ihrem dünnen, wallenden Gezweige
Reiht sich der Tau zu silbernen Perlen auf.
Und gar der Pflaumenbaum! Er steht schon prunkend
Im Kleide seiner weissen Blüten da,
Verklärend jedes Auge, das ihn schaut.
Welch holdes Wesen war es, das ihn leise
Gestreift hat mit dem seidnen Saum des Ärmels,
Da es versonnen ihm vorüberging?