Wenn du, erbarmungslose Morgenglocke,
Den Schmerz der Liebestrennung ahnen würdest.
Du würdest nicht die wahre Stunde rufen
Beim Morgengrauen,—sondern würdest gerne
Bereit sein, lügnerisch die Zeit zu künden.

TÄUSCHUNG

YORIKITO

Ich glaubte, dass die weissen Blüten
Des Frühlings mir entgegentrieben.

Ich irrte mich. Es war das Glänzen,
Das Liebesglänzen deiner Schönheit.

GELEITWORT ANMERKUNGEN ANORDNUNG

GELEITWORT

Die japanische Lyrik lässt sich gut mit den japanischen Tuschzeichnungen vergleichen: sie gibt, gleich jenen, mehr Andeutung als Ausführung, sie will in aller Kürze einen fest umrissenen Eindruck erreichen, sie hat einen vorwiegend impressionistischen Charakter. Wir finden in ihr, gerade wie in den japanischen Zeichnungen, vor allem die Liebe für das Zarte und Blütenhafte, für Frühling, Blumen und feinen Duft. Die einzelnen Persönlichkeiten treten in dieser lyrischen Kunst nicht stark hervor, im Gegensatz zur chinesischen.

Japan ist das Land der Gelegenheitsdichter. Wir besitzen Gedichte von Kaisern und Kaiserinnen, Hofleuten, Gelehrten und Kurtisanen. Im zehnten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung war die Dichtkunst in Japan so verbreitet, dass sich der Kaiser Daïgo veranlasst sah, ein "Ministerium für poetische Angelegenheiten", wie wir heute sagen würden, einzusetzen. Ein solches Ministerium gibt es jetzt nicht mehr, aber die Freude an der Formung kleiner Gedichte ist in Japan noch heute allgemein.

Seit alters her gibt es für das japanische lyrische Gedicht nur eine einzige, streng bewahrte, klassische Form: Tanka oder Uta genannt. Ein solches Tanka besteht immer aus einunddreissig Silben, die sich auf die fünf Zeilen des Gedichtes folgendermassen verteilen: 5-7-5-7-7.