[350] Das ist das „einzige Gesetz“, welches das Urtheil anführt, und nach welchem der Tod verwirkt sein soll — die Willkürverordnung eines nicht einmal mit legalem Auftrag versehenen Heerführers; denn die Th. Gerichtsordnung ist ein Prozeß-, kein Strafgesetz.
[351] Die Namen der Mitgefangenen waren Camillo Hell, Terzky, v. Schlechta.
[352] Ursprünglich war für die gebührende Abweisung dieses Verhaltens ein besonderes Plätzchen hinter dem Texte aufgehoben. Auch die liebe Jugend, die auf Grabhügeln mit Füßen herumtrampelt, während Andere einen theuern Todten begraben, erhält ihren Denkzettel nicht während der Leichenrede, nicht auf dem Friedhofe. Aber bei näherem Betracht waren die Helfert’schen Herabsetzungen so kurz und schlagend abzufertigen, daß dazu einige Noten genügten, und man ihm die besondere Ehre eines Anhanges ersparen konnte. Zunächst behauptet Herr v. Helfert: „Wir können nach dieser Scene“ (zwischen Fröbel und Blum beim Abschied) „und nach Blum’s vorwaltender (?) Gemüthsstimmung in den Tagen zuvor nicht glauben, daß Blum den Abend heiter gewesen sei und die Nacht ruhig geschlafen habe“. Wir haben dafür aber außer dem von Fröbel bekundeten Zeugniß eines Mitgefangenen die Thatsache, daß Blum am andern Morgen aus tiefem Schlaf geweckt wurde. Und überdem ist die Heiterkeit Blum’s und sein gesunder Schlaf sehr wahrscheinlich und erklärlich. Denn bei ihm „waltete vor“ das Gegentheil jener Gemüthsstimmung, welche Herr v. H. für die Blum beherrschende hält. Und je länger Blum über den Verlauf seines Verhör’s nachdachte, um so ruhiger mußte er werden. Fröbel sah ihn in der ersten Erregung nach dem Verhör — Fröbel selbst aufs höchste erregt — zum letzten Mal. Dazu kam nun für Blum die neue, leichtblütige Gesellschaft seiner Mitgefangenen. Wer mit Herrn v. Helfert an der Wahrheit des Fröbel’schen Berichts von Blum’s letzter Nacht zweifeln will, muß Blum eine tiefere Kenntniß der Niedertracht des gegen ihn beobachteten Verfahrens und der Absichten seines Richter-Pelotons zutrauen, als Blum sie besaß.
[353] Diese Darstellung ist der „Illustrirten Zeitung“ von J. J. Weber entnommen, einem Blatte, das immer gute Beziehungen zu Oesterreich hatte und dem die ganze damalige deutsche Presse diese Darstellung der letzten Stunden Blum’s unwidersprochen nachdruckte, und zwar die Organe aller Parteien. (Ich besitze etwa ein Dutzend Blätter aller Farben, die das beweisen.) Diese Erzählung fußt offenbar auf der Mittheilung des Geistlichen selbst, denn Vieles, was darin steht, wiederholt sich in der spätern Erzählung Pater Raimund’s in den „Histor. polit. Blättern“, von welcher sogleich die Rede sein wird. Die Erzählung der Illustr. Zeitung ist durchaus glaubhaft, denn sie zeigt uns Blum wie er wirklich war, dogmenfrei, harmonisch mit seinem ganzen Leben und Charakter. Sie steht ferner in vollem Einklang mit dem, was Andre in Wien selbst in den nächsten Tagen über Blum’s letzte Stunden erfahren konnten und aufzeichneten (Auerbach, Nordstein u. A.) und mit dem Verhalten Blum’s Fröbel gegenüber, wenn Beide in einsamen Stunden vom Tode sprachen. „Niemals sei da,“ versichert Fröbel (Briefe, S. 56), „ein religiöses Gespräch zwischen ihnen geführt worden. Nur „um einen Zeugen zu haben, daß er ruhig sterbe,“ habe Blum einmal geäußert, „möchte er um die Begleitung eines Geistlichen bitten.“ Auch am Abend des 8. sei kein Wort von einem religiösen Gespräch zwischen Blum und seinen (neuen) Gesellschaftern vorgekommen.“ Diesen einfachen und glaubhaften Erzählungen gegenüber trat am 28. November 1848 das offizielle (aus Mangel an Theilnahme seither eingegangene) Organ des österr. Ultramontanismus, die „Wiener Kirchenzeitung“ auf, mit der Behauptung: „Robert Blum hat gut katholisch die heiligen Sacramente empfangen. So sagt der Priester, der zu ihm gerufen wurde.“ Natürlich ließ diese Ankündigung des offiziellen Blattes das offiziöse Leiborgan des deutschen Ultramontanismus, die gelben Blätter der Familie Görres, nicht lange ruhen. Im ersten Quartal 1849, S. 113–118, veröffentlichten die berufenen „histor.-polit. Blätter“ (die sich so nennen, weil sie niemals weder historischen noch politischen Sinn besaßen) ein „Sendschreiben an die Redaction“, welches angeblich von dem Geistlichen herrührte, „der Blum zum Tod vorbereitete“ und in welchem es heißt: „Der Katholik habe Ursache, die Gnade Gottes zu preisen,“ weil Blum „zuletzt auf die Knie vor Pater Raimund gefallen sei und um das Sacrament gebeten habe.“ Blum habe „mit geläutertem Gemüth die Absolution und die heilige Hostie empfangen, nachdem der Profoß das Zimmer verlassen und Blum seine Beichte abgelegt habe.“ Zu diesem erfreulichen Ergebnisse sei der brave Pater Raimund gelangt, nachdem er Blum „auf das Beispiel von — Sokrates (!) hingelenkt, mit Blum über Unsterblichkeit gestritten und von den Dingen gesprochen habe, die des Menschen Geist zu dem Höchsten erheben, die sein Gemüth aufs Tiefste bewegen.“ Diesem Bericht gegenüber haben wir uns vor Allem mit dem tiefen Mißtrauen zu waffnen, das bei jeder „Enthüllung“ und namentlich jeder Bekehrungsgeschichte aus ultramontaner Quelle am Platze ist. Dann mit dem Unglauben, welchen Blum’s ganzer Werdegang aufnöthigt gegen die Annahme, daß ein so freier Geist sich von den geistlosen Fesseln des kathol. Dogma’s in der Stunde des Todes habe bestricken lassen. Daß ein Protestant, der aus freiem Forscher- und Wahrheitsdrang den Formen seiner Kirche den Rücken gewendet, in seinen letzten Stunden andächtig wieder dem Worte Gottes lauscht, wie in seinen Kindertagen, das ist denkbar. Denn auch in der Glaubenslehre der Protestanten ist Freiheit und Geist die Fülle, und in der protestantischen Auffassung von Einkehr und Buße liegt der größte Triumph des freien Willens, den Menschengeschichte kennt. Aber daß ein Katholik, der von seinen Kindestagen an das hohle werkheilige Wesen der Formen, welche seine Kirche statt des Geistes bietet, in der Stunde seines Todes für genügend erachten solle, um sich mit Gott und der Welt zu versöhnen, das ist schlechthin undenkbar — mindestens bei Robert Blum. Das kann uns auch ein geweihter Priester nicht glauben machen. Sicherlich wahr ist und von allen zeitgenössischen Gewährsmännern berichtet, daß Blum sich wahrhaft fromm und gottergeben, weich und mild dem Pater Raimund gezeigt, daß er mit ihm davon gesprochen hat, wie schwer ihm das Scheiden von der Welt werde, heraus aus vollster Manneskraft, mit Hinterlassung einer Gattin, die Blum für schwindsüchtig hielt, und vier kleiner Kinder, von denen das älteste noch nicht acht, das jüngste noch nicht ein Jahr alt war, noch dazu in ärmlicher Vermögenslage! Auch über Unsterblichkeit mögen sie gesprochen haben; doch nicht streitend — denn Blum selbst glaubte daran — sondern ihre Beweisgründe ergänzend, vertiefend. Zu einem ernsten „Bekehrungsversuche“ aber wie er hier in Scene gesetzt gedacht wird, fehlte dem Pater vor Allem die Zeit. Denn den größten Theil der Zeit, die Blum zur Verfügung zu haben glaubte, verwendete er zur Niederschrift seiner letzten Briefe. Blum schrieb nach fünf Uhr früh: um 6 Uhr werde er „vollendet haben“ — man vergl. das Facsimile des letzten Briefes Blum’s an seine Gattin. Herr v. Helfert, der so gerne glauben machen möchte, daß Blum als Pfaffenknecht gestorben sei, bestreitet daher völlig grundlos, daß Blum die Worte „um sechs Uhr habe ich vollendet,“ geschrieben habe — um eine größere Spanne Zeit für das Bekehrungswerk des Paters zu gewinnen.
[354] Persönliche Mittheilung Carl Vogt’s an mich.
[355] Das geschah am Frühmorgen des 13. November. Die furchtbare Scene wird mir stets unvergeßlich sein. Ich begriff eher wie meine arme Mutter, was Cramer sagen wollte, als er auf ihren Vorschlag: sie wolle selbst nach Wien reisen, zögernd erwiederte: „ich fürchte — Sie kommen zu spät.“
[356] Herr v. Helfert scheint das (in der Note 198 Bd. 3) bestreiten zu wollen, spricht aber selbst bei Messenhausers Execution von Ketten wie von einer berechtigten österreichischen Eigenthümlichkeit. Die Scene wird von allen Zeitgenossen gleichlautend erzählt (Illustr. Ztg., Frey, Auerbach, Nordstein). Ebenso von dem S. [501] genannten Gewährsmann, der von hier an dem traurigen Zuge folgte und der Execution beiwohnte.
[357] Helfert verlegt diesen Vorgang auf die Zeit der Fahrt zur Brigittenau, die meisten der zeitgenössischen Berichterstatter (Illustr. Ztg. &c.) auf den Richtplatz. Jedenfalls zeigte Blum nicht „an seinem Rock die Spur der Kugel“, denn er trug am 9. November einen anderen Rock, als denjenigen mit der Kugelspur. Den letzteren erhielten wir von Wien zurück. —
[358] Es kann nicht wunder nehmen, daß Herr v. Helfert Blum’s Haltung auch während der letzten Stunden und Minuten seines Lebens als unmännlich und feig darzustellen versucht. Er hat ja für dieses löbliche Unternehmen einen Bundesgenossen gefunden, dessen unparteiische Gerechtigkeit für Blum nach den zahlreichen Proben, die wir früher gaben, unsern Lesern über jedem Zweifel erhaben sein wird, nämlich Herrn — Heinrich Laube! („Das deutsche Parlament“ 3. Bd. S. 158–161.) Herr Heinrich Laube nennt seinen Gewährsmann freilich nicht. Er will sich an denselben „bald nach der Katastrophe“ gewendet haben und hüllt ihn sorgfältig in ein geheimnißvolles Dunkel. Bald ist es ein „Mann“ „der in der Lage war, den Hergang wenigstens so genau erforschen zu können, als dies einem unbefangenen, mit Hoch und Niedrig bekannten Privatmanne überhaupt möglich ist“; bald wieder soll dessen Erzählung als „Zeugniß der damaligen Stimmung in den höheren Kreisen Wiens dienen.“ Seiner Gesinnung nach ist dieser unbefangene Herr ein Schwarzgelber von reinster Farbe. Er schimpft des Längeren über Blum und sagt dann: „ihn habe das ganz verdiente Schicksal auf gesetzlichem Wege ereilt.“ Dieser „unbefangene Privatmann“ berichtet aber auch nicht einmal aus eigenem Augenschein, sondern er hat nur — gerade wie Herr v. Könneritz — „an der besten Quelle Erkundigungen eingezogen.“ Diese „beste Quelle“ ist „der Offizier, welcher Blum begleitete“, also Anton Pokorny. Dieser Offizier „will“ nun — nach Laube — der mehrmaligen Frage Blum’s nach der Richtung des Wegs, den der Wagen nahm, zuerst den wunderlichen Sinn entnehmen: „Blum habe zuerst geglaubt, in einen andern Verwahrungsort oder an die Grenze gebracht zu werden. Das dreimalige Fragen will der Offizier als eine Fortsetzung jener Hoffnung gelten lassen (!) und bemerkt hierzu, daß die Haltung Blum’s bei jeder Antwort merklich ungewisser geworden.“ Was man von diesem Wahrheitsdestillat zu halten hat, das zuerst über den Hauptkolben des „unbefangenen Privatmannes“ und dann durch die reine Wahrheitsröhre der Laube’schen Feder geleitet worden ist, wird sogleich der Lieutenant Anton Pokorny selbst erzählen. Aber das beschämende Gefühl, daß es damals in Wien „unbefangene Privatleute“ gab, welche einen deutschen Schriftsteller fanden, der sich dazu hergab, einen im Opfertod gefallenen deutschen Helden noch im Tode als einen Feigling zu verleumden: dieses beschämende Gefühl verschafft uns Herr Heinrich Laube ganz selbständig, ohne daß wir des Zeugnisses des Lieutenants Pokorny bedürfen. Denn wenn Herr Laube seinen „unbefangenen Privatmann“ weiter sagen läßt: „der Offizier sprach gegen mich subjectiv die Meinung aus, daß er Blum in jenem Augenblicke“ vor der Hinrichtung „nicht hinlängliche Fassung zu einer Anrede zugetraut hätte“ — so ist dieses „subjective“ Gerede schon widerlegt durch die unumstößliche Thatsache, daß Blum verlangt hat, mit unverbundenem Auge sterben zu dürfen. Dazu gehörte gewiss mehr „hinlängliche Fassung“, als zu den kurzen letzten Worten, die Blum sprach. Und wenn Herr Laube — den wir selbst Angesichts der stenographischen Berichte und Tausender von Zeugen auf Unwahrheiten gegen Blum ertappten — natürlich nicht subjectiv, sondern wortgetreu seinem „unbefangenen Privatmann“ folgend, hinzusetzt: „Mit einem Worte: Blum ist nicht feige, er ist aber auch nicht als Held gestorben“, und Herr v. Helfert hieran vergnügt sein Ja und Amen giebt, so mag aus dem Briefe Fröbel’s an Fr. Selbach vom 22. December 1848 noch folgende Stelle wortgetreu hier stehen: „Was ich weiter von Ihrem Bruder hören konnte, war eine kurze Mittheilung, die mir ein Lieutenant Bockorny (Pokorny) machte, der zum Standgericht gehörte (s. o. S. [552]). Er hatte Ihren Bruder im Wagen nach der Brigittenau begleitet, und war im Besitz der Briefe an Frau Blum und an Vogt, sowie der für mich bestimmten Notizen, welche seitdem alle publicirt worden sind. Er erzählte mir, daß Ihr Bruder mit der Festigkeit eines ganzen Mannes gestorben sei, daß er augenblicklich nach Empfang der drei Kugeln vollendet habe, und daß Offiziere und Soldaten tief erschüttert gewesen seien. Das, verehrte Frau, ist Alles, was ich Ihnen im Raum eines Briefes mittheilen kann. Eines Trostes, den ich zu geben vermöchte, bedürfen Sie nicht. Ihr Bruder hat ein ruhmwürdiges Leben durch einen ruhmwürdigen Tod besiegelt. Sein Leben und sein Tod werden fortwirken und die Zwecke erreichen helfen, die sein Bewußtsein erfüllt und seine Kraft bewegt haben. Leben Sie wohl!“ Blum’s muthigen Tod, und daß er vor seinem Ende gesprochen, bezeugen Alle, die als Augenzeugen oder aus erster Quelle urtheilen konnten: auch mein S. [501] genannter Gewährsmann, dann L. Wittig, Auerbach, die Illustr. Ztg., Nordstein &c. ja Fürst Windischgrätz selbst (s. S. [553]). — Blum’s Leiche ist nicht, wie Helfert annimmt, in einem Massengrab des Währinger Kirchhofs bestattet worden. Ein treuer Freund, der hierzu im Stande war, sorgte für ein kenntliches Grab. Doch mahnt Herrn v. Helfert’s Buch daran, ein seit dreißig Jahren bewahrtes Geheimniß auch ferner zu wahren!
[359] Tageblatt vom 14. November, erste Seite.