Eine ruhige Prüfung der gewichtigen Fragen, die auf die Gestaltung unseres öffentlichen Lebens von entscheidendem Einflusse sind, thut daher vor allem Noth. Keine Leidenschaft, kein Irrthum, am wenigsten absichtliche Lüge, dürfen sich in die Erörterung der Formen und Einrichtungen, die für das Staatsleben die passendsten sind, mischen, sollen wir anders unsere Entscheidung richtig abgeben. Zu dieser Entscheidung sind aber Alle berufen und berechtigt, Arme wie Reiche, Mächtige wie Schwache, Hohe wie Niedere, denn das Vaterland umschlingt alle Staatsbürger mit gleichem Bande, und was ihm widerfährt, Gutes oder Böses, das hat auch jeder Einzelne mitzuempfinden.

Die jetzige Zeit ist zu einer ruhigen Prüfung wohl vorzugsweise geeignet. Ein tiefer Friede umfängt das ganze Vaterland von der Eider bis zur Donau, vom Rhein bis zur Weichsel, und es hat nicht den Anschein, als ob der Bürger und der Landmann durch Kriegsruf sobald wieder aus ihrer Ruhe aufgescheucht werden sollten. Im Innern herrscht dieselbe gedeihliche Ruhe, mit einer glücklichen Betriebsamkeit gepaart. Alle Hände sind rüstig am Werk, die Künste des Friedens zu pflegen, und Recht und Gesetze finden die Wartung, welche diese wichtigsten Stützen des Staats in Anspruch nehmen dürfen. Vorzüglich ist es aber das Verfassungswesen, dem die meiste Theilnahme, der Regierungen wie des Volkes, sich zuwendet, und das zugleich im entschiedensten Sinne, bald mit theilnehmender Liebe, bald mit erbitterter Abneigung, besprochen wird.

Dieses Verfassungswesen und Alles, was daran sich knüpft, näher zu beleuchten, ist der Zweck unseres „Verfassungsfreundes.“ In den Kreis unserer Besprechung gehören daher sämmtliche wichtige Zeitfragen, z. B. über constitutionelles Princip überhaupt, über Preßfreiheit, Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, deutsche Einheit, Gemeindeverfassung u. s. w. u. s. w. Wir werden alle diese Gegenstände nach der Reihe besprechen und uns dabei bemühen, mit Ausscheidung alles Ungehörigen und namentlich alles gelehrten Krames, das einfache Verhältniß jeder Sache so darzulegen, wie es dem gesunden Verstande des schlichten Bürgers sich darstellen muß. Denn nicht etwa eine besonders hoch-, vielleicht auch verbildete Classe von Staatsangehörigen haben wir bei unserm Werke im Auge, sondern wünschen vielmehr die Gesammtheit aller denkenden Bürger zu Lesern zu haben, um uns mit ihnen über die wichtigsten Zeitinteressen zu verständigen.

Das Gefühl unserer Einheit als großes Volk der Deutschen ist lebendiger erwacht, denn je. Gott sei gelobt, daß dem so ist, denn unsere Einheit ist unsere Kraft und unser Glück. Es genügt aber nicht, daß wir uns als Deutsche zusammenstellen, wenn der Franzose über den Rhein schreit oder der Russe von seinen Steppen aus den Kantschu zeigt; wollen wir wahrhaft ein eines Volk sein, so müssen wir auch einig sein. Diese Einigkeit wird bedeutend vorbereitet werden, wenn wir uns selbst kennen lernen, wenn wir uns genau Rechenschaft darüber ablegen, was uns in unsern Verhältnissen Noth thut, und welche Staatseinrichtungen und Gesetze unsern Bedürfnissen am anpassendsten sind.

Nach unserer besten, innersten Ueberzeugung können wir nur Eines finden, das uns in Deutschland zur Einheit und zur Einigkeit zu führen vermag — die Durchbildung eines freien deutschen Verfassungslebens. Nur das allen freien Männern inwohnende Gefühl der Selbstachtung kann dem Deutschen die Würde geben, die er in den schweren Kämpfen mit dem Auslande, welche vielleicht bald bevorstehen, so nöthig hat, und nur die unter constitutionellen Regierungsformen so innige Verschmelzung von Staat und Volk, wie die hier stattfindende fortwährende Betheiligung der Bürger an allen Staatsangelegenheiten, vermögen uns das Selbstbewußtsein zu verleihen, das uns lehrt, für jede, selbst die entfernteste Provinz wie ein Mann einzustehen, und für die Ehre des deutschen Namens, für die Wohlfahrt des Gesammtvaterlandes jeden Augenblick Blut und Leben zu opfern.

Es ist daher der constitutionelle Standpunkt, von dem wir in diesen Blättern ausgehen. Nur für Bürger constitutioneller Staaten und Freunde freier deutscher Verfassungen überhaupt schreiben wir, nicht für Leute, die dem Staatsbürger blos Pflichten zuerkennen und von keinen Rechten desselben wissen wollen. Leidenschaftliches Parteinehmen ist jedoch unsere Sache nicht. Wir sind zu sehr Freunde des deutschen Volkscharakters, um nicht zwei seiner schönsten Eigenschaften — Mäßigung und unparteiische Gerechtigkeit — ihrem vollen Werthe nach anzuerkennen.

Der Leipziger Censor scheint kein Freund der „zwei schönsten Eigenschaften des deutschen Volkscharakters, Mäßigung und unparteiischer Gerechtigkeit,“ gewesen zu sein oder aber diese Eigenschaften in dem Verfassungsfreund nicht gefunden zu haben, denn nur zwei von Steger bearbeitete Hefte ließ er passiren. Als 1843 das dritte Heft, das erste aus Blum’s Feder, über das Wesen der Presse, erscheinen sollte, wurde das Unternehmen durch die Censur unterdrückt.

Rasch wurde derselbe Plan unter anderem Namen und in anderer noch glücklicherer Form von Blum verfolgt. Von 1843 an ließ er mit Steger das Taschenbuch „Vorwärts“ erscheinen, das von großem Einfluß auf die Zeitgenossen gewesen ist. Alle bedeutenderen politischen Schriftsteller und Dichter der Zeit haben dafür Beiträge geliefert; von den Politikern C. Th. Welcker, Hecker, Johann Jacoby, Heinrich Simon, L. Walesrode, Arnold Ruge und Andere, von den Dichtern Mosen, Herwegh, Fallersleben, Freiligrath, Robert Prutz und eine große Zahl Anderer, selbst Ludwig Uhland, von dem die schönen „Gedichte vom Verfasser des armen Gauls“ herrühren. Doch nannte sich Uhland nicht[49]. Fast rührend lesen sich die Bettelbriefe, die Blum an die Gesinnungsgenossen in ganz Deutschland ergehen läßt um Beiträge für das liebste Kind seines Schaffens, das Taschenbuch. So schreibt er am 28. Octbr. an Johann Jacoby:

„Mein sehr geehrter Herr und Freund! Habgierige Eltern wissen die Pathen ihrer Kinder schon darauf aufmerksam zu machen, wenn der Geburtstag der Kleinen herankommt, damit ihnen das übliche Geschenk nicht entgeht. Von allem armen Volk aber sind die Schriftsteller das unverschämteste, und so werden Sie’s begreiflich finden, daß ich geradezu komme und Sie höflichst an das Pathengeschenk mahne, welches Sie meinem literarischen Kindchen „Vorwärts“ gewissermaßen schuldig sind. Sie kennen nebenbei die Lästerzunge der Welt und können unmöglich wollen, daß ein armes Kind, dem Sie Ihren Namen gütigst geliehen, so ohne alle Unterstützung von Ihnen sich durchschlage, da man Ihre glänzenden Vermögensumstände in dieser Beziehung kennt und weiß, daß Sie ohne Opfer die reichsten Gaben spenden können.“

Vor das Volk aber trat das Taschenbuch, als es 1843 zum ersten Male erschien, mit der vollen Siegeszuversicht und dem vollen Vertrauen in die gute Sache, die Blum bis an sein Ende in sich getragen. „Wir bringen unser Tagebuch im Frühling, in der Zeit der am reichsten prangenden Natur.... Wohl behaupten manche kleinmüthige Seelen, es sei Herbst im Vaterlande und der Winter nahe, weil die Stürme brausen und es finster wird am Horizont. Laßt es stürmen.... Was in schweren und drangvollen Zeiten gesäet wurde in die Herzen des Volkes, was gedüngt wurde mit dem Blute von Tausenden, was entkeimte in dem milden Thaue eines langen Friedens und an der Sonne der allmächtig fortschreitenden Bildung eines kräftigen sittlichen Volkes — das vernichtet kein Sturm, dagegen ist das finstere Unwetter einer augenblicklich mächtigen Reaction wirkungslos. — Beschränkt, dämmt, unterdrückt, verbietet, confiscirt, bevormundet die Schrift und das Wort, verfolgt und verdammt die Vorkämpfer der Zeit, wirkt auf die öffentliche Meinung durch die Heucheleien und Lügen der ‚guten‘ Presse, laßt die Männer des Fortschrittes schmähen und verleumden nach Herzenslust, beschränkt und beaufsichtigt den Lehrstuhl und die Kanzel, gewährt keine von allen Forderungen der Gegenwart und müht Euch ab Tag und Nacht, das Rad der Geschichte zurück zu drehen, den Geist der Zeit zwingt Ihr nicht[50].

Inzwischen war allerdings, wie dieses Vorwort sagt, auch in Sachsen „das finstere Unwetter einer mächtigen Reaction“ hereingebrochen. Aber mit nichten schien es so, als solle diese Macht nur eine „augenblickliche“ sein.

Unter größerer Erregung der Gemüther, als sie je zuvor in Sachsen erlebt worden, war der Landtag Ende 1842 zusammengetreten. Selbst nach Dresden hatte sich der Gährungsstoff übertragen, der in Leipzig nun schon seit Jahren heimisch war. In Dresden hatten Gutzkow, Mosen, Berthold Auerbach ihren Wohnsitz genommen; 1841 war auch der gewaltigste und philosophisch-dialektisch geschulteste politische Schriftsteller der Zeit, Arnold Ruge, nach Dresden gezogen und hatte seine „Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst“ die aus Halle durch die preußische Censur vertrieben waren, nach Dresden geflüchtet, wo das liberale Entgegenkommen Lindenau’s ihnen Schutz bot. Um den mächtigen fesselnden Geist dieses Mannes sammelte sich bald eine Schaar kühn aufstrebender jüngerer Männer; auch mit Blum stand Ruge im regsten Verkehr. Den Verlag der Ruge’schen Jahrbücher hatte der tapfere Otto Wigand in Leipzig übernommen. Da geschah das Unerhörte, mindestens seit Unterdrückung der „Biene“ in Sachsen nicht mehr Erlebte: Anfang 1843 wurden die Jahrbücher unterdrückt. Dieselbe Behörde, welche Anfangs eine Concession für die Jahrbücher, als für eine rein wissenschaftliche Zeitschrift für unnöthig erklärt hatte, ertheilte später aus eigenem Antrieb dem Verleger eine solche auf Widerruf, um nachher durch Entziehung der Concession das Blatt unterdrücken zu können. Das geschah, als Anfang 1843 Preußen dazu drängte. Die Beschwerde Ruge’s und Wigand’s über diesen flagranten Fall war für die Opposition sehr schätzbares Material, als sie an die Berathung des neuen Preßgesetzes schritt. Die große Dürre des Jahres 1842, die namentlich in den ärmeren Landestheilen eine völlige Mißernte geschaffen, das gleichzeitige Auftreten der Kartoffelkrankheit, zahlreiche große Brände, welche u. A. die Städte Oschatz, Sayda und Adorf fast ganz verzehrten, erfüllten große Kreise des Volkes mit schmerzlichem Leid und trugen zur allgemeinen Erregung der Gemüther bei.

Abermals hatte die Opposition sich verstärkt, als der Landtag eröffnet wurde. Die entschiedenste Richtung hatte in Oberländer aus Zwickau (späterem Märzminister), Tzschukke aus Meißen, Schumann aus Stollberg Zuwachs gewonnen. Ihnen schlossen sich in den meisten Fragen an Heinr. Brockhaus aus Leipzig und Schröder aus Rochlitz. Auch in ihren Erfolgen war die Opposition weit glücklicher, als bisher. Diesmal blieb es nicht bei der 1839 von Lindenau gerühmten „schönen Eigenthümlichkeit der Sächsischen Kammer, keine Adresse zu erlassen.“ Als vielmehr Todt auch diesmal seinen Antrag auf Erlaß einer Adresse einbrachte, traten ihm Viele bei, da dies die einzige Gelegenheit sei, wo die Kammer ohne das Hemmniß der ersten Kammer ihre Wünsche und Beschwerden vortragen könne. Und als selbst Lindenau der Kammer das Recht zur einseitigen Berathung einer Adresse bestritt, stimmten viele Abgeordnete, die auf den beiden früheren Landtagen den Adreßantrag Todt’s bekämpft hatten, demselben nun zu, so daß er zum ersten Male in der zweiten Kammer eine Majorität erlangte. Minister Könneritz erklärte nun rund heraus, daß die Adresse ohne vorherige Austragung der Principfrage nicht angenommen werden könne, worauf die zweite Kammer, tief verstimmt durch ein so schroffes Auftreten, zur Wahrung ihres Rechtes beschloß, die Adresse dem Protocoll einzuverleiben.