Wohl dürfen Diejenigen sich glücklich preisen, welche jung waren und doch schon zur Erkenntniß gereift, als die große Erhebung des Jahres 1870 über unser Volk kam und als dann das Deutsche Reich erstand aus blutiger Saat! Wenn sie hundert Jahr alt werden, immer werden die kommenden Geschlechter ihren Erinnerungen an das große Jahr mit Begeisterung lauschen. Niemals wieder — so Großes wir noch erleben werden — steht uns bevor, ein zweites Jahr 1870 zu durchleben. In künstlicher Trennung fand der Feind den Norden und Süden unseres Vaterlandes vor, doch der freche gleißnerische Plan des Erbfeindes ward zu Schanden. Die gemeinsame Noth überbrückte die Mainlinie. Schulter an Schulter verbluteten Pommern und Baiern, Sachsen und Schwaben im Feindeslande.

Glücklich allein kann man die Menschen nicht nennen, welche das große Jahr 1848 mit Bewußtsein durchlebten! Schwere Drangsal und Kümmerniß folgte dem glückseligen Sonnentag, der unserm Volke damals aufging. Ewig lang schien die Nacht, die ihm folgte. Härter hat nie eine Fremdherrschaft auf unserm Volke gelastet, als die k. k. Reaction der fünfziger Jahre, besiegelt durch die schmähliche Preisgebung der nationalen Traditionen Preußens an dem Tage von Olmütz. Wohl ist es Zeit, an diesen Charfreitag unserer Geschichte zu erinnern in einem Augenblicke, wo die abgestorbene junkerliche Anmaßung wieder das Haupt erhebt unter der Firma der Deutsch-Conservativen und wettbewerbend eintrat um die Wahlgunst der Nation. Wir Alle mögen uns erinnern, daß dem tapfern Hohenzoller, der in Erz gegossen steht auf dem Leipziger Platz in Berlin, das Herz brach, als er, seiner Pflicht gehorchend, den Vertrag von Olmütz unterzeichnete. Denselben Schimpf, nichts Besseres, haben wir auch heute von dieser Richtung zu erwarten.

Und dennoch wird Jedem, der das Jahr 1848 mit Bewußtsein durchlebt und Jedem, der versucht hat, seine Spuren und Folgen an den Quellen nachzulesen, die Erinnerung an diese Zeit so heilig sein und so theuer, wie an irgend eine spätere, glücklichere Zeit unserer Geschichte. Das Jahr 1870 führte uns die Ernte in die Scheunen und kelterte den in heißer Sonne langsam gereiften Wein. Das Jahr 1848 berauschte mit allen Reizen des Frühlings: zauberhaft brechen überall unter der kaum geborstenen Decke des Winters die Knospen und Blüten hervor und versprechen reiche Ernte, einen gesegneten Herbst. Aber die Ernte erlag dem Hagel, der Herbst dem Frost. Im Jahre 1870 feierte die deutsche Nation das Jubelfest ihrer ewigen und unlöslichen Verbindung. Im Jahre 1848 strebte sie darnach, ihre heiße Jugendliebe heimzuführen, sie scheiterte; aber unverloren war die Erfahrung des Glückes und Schmerzes für ihre Zukunft!

Vielleicht Keinem unter allen Denen, die das „tolle Jahr“ seit langer Zeit schon heraufkommen sahen, verhieß es eine reichere Ernte mühsam ausgestreuter Saat, als Robert Blum. Und wohl Keiner unter Allen hat seine Hoffnungen schmerzlicher vernichtet gesehen, als er: denn er mußte ihr Scheitern mit dem Leben bezahlen. In seiner Natur, seinem Charakter schienen sich alle Vorbedingungen zu vereinigen, um das Ringen der Nation, wie es damals zum Ausdrucke kam, zum Siege zu führen. Es galt, zunächst in den Einzelstaaten durch den Sturz des alten Systems die Bahn zu brechen für den Zusammentritt eines deutschen Parlaments, dann in der Nationalversammlung selbst eine gemeinsame Verfassung für Deutschland auf möglichst freisinniger Grundlage zu schaffen. Robert Blum hatte sich seit seinem ersten öffentlichen Auftreten immer gleich gut deutsch und gleich maßvoll erwiesen. Von ihm durfte daher in erster Linie eine richtige, befriedigende Lösung der großen Aufgabe erwartet werden. Den ersten Theil dieser Aufgabe: den Sturz des alten Systems in Sachsen, die Vorarbeit für freie Wahlen der Nation, wie für die Anerkennung der verfassunggebenden Befugnisse des deutschen Parlaments hat er vollkommen erfüllt. Dagegen hat auch er seinen Antheil an der Schuld, die auf jeder Partei des Frankfurter Parlamentes ruht, die aber verhängnißvoll und verderblich wurde für unsere Nation nur durch die mindestens gleich wiegende Schuld der damaligen deutschen Regierungen.

Zu Anfang des nächsten Abschnittes wird diese Ansicht eingehender zu begründen sein. —

Auf einem Ball im Hôtel de Pologne in Leipzig ereilte die Nachricht vom Ausbruch und Erfolg der Pariser Februarrevolution die Elite der Leipziger Bürgerschaft, auch Robert Blum.[97] Auf dem Balle selbst trat Blum sofort mit einigen Freunden zu einer Berathung über die nächsten Schritte zusammen, die nun in Leipzig geschehen müßten. Aller Ansichten stimmten darin überein, daß die Gemeindevertretung, die Stadtverordneten, womöglich auch der Rath, die Wünsche der Leipziger Bürgerschaft vor den Thron bringen müßten. Am nächsten Morgen schon ergab sich, daß auch die gemäßigt Liberalen unter Biedermann’s Führung genau dasselbe Ziel verfolgten. Schon hatte Biedermann in engerem Freundeskreise eine Adresse entworfen, welche von den Stadtverordneten an den König gerichtet werden sollte. Blum und seine Freunde nahmen zwar Anstoß an dem ihrer Meinung nach zu gemäßigten Ton der Adresse. Aber sie ordneten ihre Parteiwünsche unter dem Gelingen dieses edeln und schönen Versuches: durch eine Kundgebung des Kerns der Leipziger Bürgerschaft auf friedlichem und gesetzlichem Wege eine Abhülfe der drückendsten Beschwerden und eine Bürgschaft besserer öffentlicher Zustände herbeizuführen. Zudem stellte sich diese Adresse auf einen so hohen, deutsch-nationalen Standpunkt, daß ihr jeder gute Deutsche, er mochte sonst einer Parteirichtung angehören, welcher er wollte, beistimmen konnte. Sie verlangte „eine Reorganisation der deutschen Bundesverfassung im Geist und nach den Bedürfnissen der Zeit, angebahnt durch die Entfesselung der Presse und die Berufung von Vertretern sämmtlicher deutscher Völker an den Sitz des Bundestags.“ Von dem Verfasser des ofterwähnten Aufsatzes „Das Königreich Sachsen“ in dem 5. Bande der Gegenwart wird S. 596 mit Recht hervorgehoben, daß die Hauptkraft der Bewegung, welche unmittelbar nach der Februarrevolution von der Bürgerschaft Leipzigs gegen das in Dresden herrschende System gerichtet wurde, eben in jener „merkwürdigen Einmüthigkeit aller Parteien und aller Classen der Bevölkerung“ beruhte, welche von da ab wochenlang Liberale und Radicale, Biedermann und Blum, zu treuester Bundesgenossenschaft einte, bis der gemeinsame Feind geschlagen, Alles was man erstrebte, erreicht war. Es war zweifellos eine bedeutsame ebenso patriotische als staatsmännische That, daß Blum, der populärste und einflußreichste Mann des damaligen Leipzig, in den Tagen, die auch seinen letzten Hoffnungen noch Erfüllung verhießen, als Parteiführer und mit seinem persönlichen Ehrgeiz völlig sich unterordnete unter Bestrebungen und Männer, die nicht ganz seinen Neigungen entsprachen — nur um die vereinte Kraft der Stadt für das gemeinsam erreichbare Ziel zu gewinnen. Der Verfasser der schönen, ofterwähnten Arbeit in der „Gegenwart“ (Biedermann?) erkannte das an, vielleicht gerade weil er neben Blum damals gekämpft und den tüchtigen und braven Patriotismus Blum’s in täglichem persönlichen Verkehr erkannt hat[98]. Der Verfasser der Sächs. „Geschichte“ dagegen[99], obwohl er jenen Aufsatz der Gegenwart kannte, da er ihn auf Schritt und Tritt benützt, konnte mit seinem „schärferen Blick schon damals erkennen,“ daß „der Mann (Blum), kein Politiker, noch weniger ein Staatsmann, am wenigsten, trotz aller Phrasen, ein Patriot, sondern, gleich den Meisten seiner Partei, nur der Verfechter abstracter und politisch werthloser Ideen war.“ Die Schärfe dieses Blickes hat nur den einen Fehler, daß sie alle Thatsachen übersieht, welche geeignet gewesen wären, ein solches Urtheil zu berichtigen. Die nachstehenden Blätter verfolgen u. A. die Aufgabe, einem derartigen Urtheil über Blum hinfort den Vorwand des guten Glaubens zu entziehen und jener Auffassung Schranken aufzuerlegen, welche behauptet, daß ein solches Urtheil aus dem Streben hervorgehe, „durchweg nur die historische Wahrheit zu ermitteln.“

Als am ersten März 1848 die Leipziger Stadtverordneten zur Berathung des Biedermann’schen Adreßentwurfes zusammentraten, fand sich volle Einstimmigkeit dafür. Auch die Conservativen schlossen sich derselben an. Noch mehr überraschte, daß der Stadtrath, an dessen Spitze noch immer der traurige Bürgermeister Groß stand, der Adresse einstimmig beitrat. Am zweiten März ging die Deputation der städtischen Behörden zur Ueberreichung der Adresse nach Dresden ab. Der König empfing die Leipziger keineswegs gnädig. Er zeigte sich verletzt durch den Hinweis auf den zwischen dem Geiste des Volkes und dem Geiste der Verwaltung bestehenden Zwiespalt, und lehnte jedes Eingehen auf den Inhalt der Adresse ab, zu welcher die Gemeindevertretung Leipzigs sich nur in Ueberschreitung ihrer Befugnisse habe hinreißen lassen.

Durch anonyme Maueranschläge ward die Bevölkerung Leipzigs am dritten März zu Abends acht Uhr nach dem Dresdner Bahnhof zusammenberufen, um hier die von Dresden zurückkehrende Deputation zu erwarten. Da hier der Raum zu eng war, zog die zahllose Masse nach dem Markt, den sie sammt den angrenzenden Straßen vollständig anfüllte. In lautloser Stille harrten die Tausende hier auf das Eintreffen der Deputation, die endlich gegen neun Uhr eintraf und mit unendlichem Jubel begrüßt wurde. Zuerst sprach Stadtrath Seeburg von der tiefen Rührung des Königs, dann Biedermann. Doch ungestüm verlangte das Volk nach Robert Blum. Endlich erschien Blum auf dem Rathhausbalkon. Seine Stimme allein beherrschte den ganzen Markt, wurde in den angrenzenden Straßen noch gehört. Auch er suchte beschwichtigend von der Adresse und der Antwort des Königs abzulenken. Doch ungestüm fiel auch ihm das Volk in die Rede mit dem Verlangen: „die Antwort, die Antwort!“ Es war nicht mehr zu verheimlichen, daß die Bitten der Stadt harte Abweisung erfahren hatten. Zuerst allgemeines befremdliches Erstaunen. Dann lautes, leidenschaftliches Murren. Die Masse hatte bestimmt gehofft, die Deputation werde die Entlassung der verhaßten Minister von Dresden mitbringen. Doch Blum fuhr fort und wurde weiter angehört. In constitutionellen Ländern, sagte er, sei nicht der König, sondern seien die Minister verantwortlich. Sie trügen auch die Verantwortlichkeit für die Abweisung der Leipziger Anträge. Auf ihre Beseitigung müsse man dringen. Er werde in der nächsten Stadtverordnetenversammlung den Antrag stellen, daß der König das Ministerium, welches das Vertrauen des Volkes nicht besitze, entlassen möge. Unter ungeheuren Jubel- und Hochrufen trennte sich die befriedigte Versammlung.

Schon am nächsten Tage, in der Stadtverordnetensitzung vom vierten März, hielt Blum sein Versprechen. Das Collegium trat seinem Antrage in Form einer „Erklärung“ bei, in welcher es seine vom König bezweifelte Competenz entschieden wahrte und betonte, man müsse dem über die Tragweite der geschehenen Manifestationen getäuschten König erklären, daß die Minister das Vertrauen des Landes nicht besäßen. Weiter trat man einstimmig dem Antrag von Brockhaus auf sofortige Berufung des Landtages bei. Auch diesen Beschlüssen der Stadtverordneten schloß sich der verschüchterte Rath an. Inzwischen hatte sich noch in der Nacht fast unmittelbar nach der Rückkehr der ersten Deputation aus Dresden eine zweite dahin begeben, um dem König eindringlich mündlich die drohende Lage und die Nothwendigkeit beruhigender Schritte vorzustellen. Der König zeigte sich jedoch noch immer so wenig zur Nachgiebigkeit geneigt wie seine Minister. Koch, der in der Deputation war, versuchte durch persönliche Ansprache den verhaßtesten der Minister, Falkenstein, zum Rücktritt zu bewegen; doch anscheinend war auch dieser kühne Versuch erfolglos. Wenigstens brachte die Deputation nichts nach Leipzig mit als die Antwort des Königs: „Aber nichts wird mich bewegen, von dem klaren Wege abzugehen, den mir meine Verbindlichkeit als Mitglied des Deutschen Bundes und meine durch die Verfassung übernommene Pflicht vorschreiben.... Das muß ich offen erklären, daß ich mich in dieser wichtigen Angelegenheit (der Preßgesetzgebung) nicht von Zeitereignissen, sondern nur von der gewissenhaften Rücksicht auf das Wohl des mir anvertrauten Volkes und von meiner, durch die Bundes- und Landesverfassung übernommenen Pflicht leiten lassen werde. Im Uebrigen vertraue ich, daß es dem Ansehen der Behörden, der Kraft und dem guten Geiste der Communalgarde, dem ernsten Willen aller guten Bürger gelingen werde, denjenigen gegenüber, welche auf ungesetzlichem Wege Ungesetzliches wollen, Gesetz und Ordnung zu bewahren; und mache ich dafür, daß dies geschehe, die Stadt Leipzig verantwortlich.“ Die einzige Vertröstung, welche diese Antwort enthielt, waren Schritte beim Bunde betreffs der Befreiung der Presse.