Aber auch diese geringe Zusage wirkte nur verstimmend, da der im Entschlafen begriffene Bundestag schon am 1. März, nachdem er durch dreißig Jahre das öffentliche Vertrauen mit Füßen getreten, sich „vertrauensvoll an die deutschen Regierungen und an das deutsche Volk“ gewendet hatte mit der Versicherung: „er werde von seinem Standpunkt aus Alles aufbieten, um gleich eifrig für die Sicherheit Deutschlands nach außen, wie für die Forderung der nationalen Interessen und des nationalen Lebens im Innern zu sorgen,“ ja, nachdem derselbe Bundestag am dritten März sogar die Proclamation hatte folgen lassen: daß es jedem Bundesstaate frei gestellt werde, die Censur aufzuheben und die Preßfreiheit einzuführen. Kannte man diesen Bundesbeschluß in Dresden noch nicht? Oder wollte man, wie nun seit anderthalb Jahrzehnten, hinter dem Rücken des Bundestags Versteckens spielen gegen die ungestüm rufende Zeit? Schon ehe die Antwort des Königs eintraf und der Bundesbeschluß vom 3. März bekannt wurde, hatte Blum übrigens die Regierung mit ihrem Beharren bei der Censur in eine böse Lage versetzt. Er war mit Wuttke, Oettinger und Arnold Ruge zu dem Censor Prof. Dr. Marbach gegangen und hatte von diesem die Niederlegung seines Amtes gefordert. Dr. Marbach hatte hierauf erklärt, daß er sich dazu nicht berechtigt halte, daß dagegen die Censoren eine Eingabe an das Ministerium gerichtet hätten, in welcher sie gegen die Censur und ihre verderblichen Wirkungen sich ausgesprochen und das Bedenkliche des Fortbestehens der Censur ernstlich vorgestellt hätten. Diese Erklärung veröffentlichte Blum. Man sah den Augenblick herannahen, wo die Räder der verbrauchten Staatsmaschine von selbst den Dienst versagen würden. Niemals hatte der große Fehler dieses Regiments sich klarer und kläglicher gezeigt: aus Furcht, schwach zu erscheinen, bewilligte man auch das Nothwendigste immer erst, wenn es zu spät war.
Fast gleichzeitig mit der Antwort des Königs drang die Kunde nach Leipzig, daß Falkenstein, der gestern noch so zäh an seinem Portefeuille gehangen, freiwillig sein Amt niedergelegt habe, „um nicht den Vorwand zu ferneren Demonstrationen und Unordnungen abzugeben.“ Eben hatten die Stadtverordneten am 5. März beschlossen, ihre gestrige Erklärung nunmehr in Form einer Adresse an den König zu erlassen und offen die Ersetzung der Minister durch Männer des öffentlichen Vertrauens zu fordern. An diesem Verlangen hielt die Leipziger Gemeindevertretung auch fest, als am 6. März eine Ansprache des Königs „An meine Sachsen“ erschien, welche die Berufung des Landtages spätestens zu Anfang Mai verhieß, die Vorlage eines Preßgesetzes ankündigte und an das Volk die Mahnung richtete: „Harret ruhig und im Vertrauen auf das, was ich schon gethan und noch thun werde. Greift nicht den Befugnissen der von Euch selbst gewählten Landesvertreter vor.“ Auch daß die offiziöse Leipziger Zeitung nun auf einmal die Einführung des öffentlichen und mündlichen Verfahrens in Aussicht stellte, und „die Unterstützung aller Maßregeln verhieß, welche die Einigkeit, das Wohl und die Kräftigung Deutschlands fördern könnten,“ verfing bei den Leipzigern nicht. Hatte dasselbe Organ doch nicht lange zuvor noch geschrieben: „es sei eine Ausschreitung, wenn in der Kammer der Satz aufgestellt worden sei, daß das System der Regierung sich irgendwie nach den Ergebnissen der parlamentarischen Debatten und Abstimmungen richten müsse.“ Wie viel weniger war an eine ernstliche Nachgiebigkeit gegen Wünsche einzelner städtischer Corporationen und Volkskreise zu denken. Robert Blum sprach daher nur die Ueberzeugung aller liberalen Bürger Leipzigs aus, als er in der nächsten Stadtverordnetensitzung (7. März) ausrief: „Man hat uns einen Menschen“ (Falkenstein) „zum Opfer gebracht, aber das System ist nicht damit gefallen. Dieses vertreten die Minister v. Könneritz und v. Wietersheim; wir dürfen die Ungesetzlichkeit der Censur nicht länger dulden.“ In derselben Sitzung erwiderten die Stadtverordneten auf die königliche Ansprache des vorhergehenden Tages: „Nach § 85 der Verfassung und dem Bundesbeschluß vom 3. März sei die Presse gesetzlich frei, stehe daher der sofortigen Einführung der Preßfreiheit nichts im Wege; durch die Entlassung Falkenstein’s sei das Hinderniß nicht beseitigt, welches der Wiederherstellung des friedlichen und harmonischen Verhältnisses zwischen Regierung und Volk entgegenstehe; dieses Hinderniß bestehe vielmehr so lange fort, als nicht auch die übrigen Träger des bisherigen ministeriellen Systems zurückgetreten wären, indem man gerade in der neuesten Proclamation den Beweis finde, wie der König nach wie vor über die dringlichen Bedürfnisse des Landes und die Pflichten und Rechte, welche die Verfassung auferlege und verbürge, getäuscht sei; daß aber auch eine Garantie für eine wahrhafte Systemänderung nur dann vorhanden, wenn Männer, die durch ihr öffentliches und ständisches Wirken sich das Vertrauen des Landes erworben, in den Rath des Königs berufen würden.“
Alle diese Beschlüsse faßten die Stadtverordneten einstimmig, unter Blum’s kräftiger Mitwirkung. Immer trat der Stadtrath ihnen einstimmig bei. Nie war aus dem Kreise der Bürger eine abweichende Meinung laut geworden. Eine höchst zahlreiche Menge wohnte allen Sitzungen der Stadtverordneten bei. Die engen Tribünen reichten bei weitem nicht zu, sie zu fassen. Sie füllte die Gänge, die Treppen, selbst den Saal um die Sitze der Gemeindevertreter, beobachteten aber stets die würdigste Zurückhaltung und Ordnung. Einen Antrag, seine Sitzungen in ein größeres Local zu verlegen, um einem zahlreicheren Publikum Zutritt zu verschaffen, lehnte das Collegium ab, um auch nicht den Schein der Unfreiheit, der Beeinflussung seiner Entschließungen zu erregen. Täglich große Versammlungen des Redeübungsvereins im Schützenhause, meist unter Blum’s Vorsitz oder doch seiner Betheiligung, unterstützten die Stadtverordneten durch Beitrittserklärungen, friedliche, von jedem Terrorismus freie Ovationen ihres Beifalls. Zahlreiche freiwillige Hülfscorps (17 Compagnien zu 50 Mann) verstärkten die Communalgarde in ihrem Ordnungsdienst für jeden Fall. Daß ganz Leipzig einer Gesinnung, von unausrottbarem Mißtrauen gegen das herrschende System erfüllt sei, ließ sich in Dresden kaum bezweifeln. Nun trat aber noch eine entscheidende Kundgebung in gleichem Sinne von ganz anderer Seite hinzu: die Universität durch den akademischen Senat richtete eine kräftige, vom Professor (späteren sächsischen, dann baierischen Minister) v. d. Pfordten verfaßte Adresse an den König, in der Reformen in der Verwaltung, der Presse, der Rechtspflege, und eine Regeneration jenes Bundes gefordert wurde, „der das Vertrauen der Völker verloren, um nicht zu sagen niemals besessen habe.“
Immer noch schwankte jedoch die Regierung zwischen Nachgiebigkeit und trotzigem Eigensinn. Als Nachgiebigkeit konnte man die Bekanntmachung der Minister vom 9. März ansehen, in der sie kundthaten, sie hätten dem König ihre Entlassung angeboten, doch sei sie nicht angenommen worden; vielmehr habe der König beschlossen, den Landtag schon zum 30. März einzuberufen, damit dieser darüber entscheide, „ob das gesammte Land die Meinung Derer theile, welche sich gegen die bisherige Wirksamkeit der Minister erhoben hätten.“ Aber dieser Erlaß goß nur Oel ins Feuer. Wie? — rief und schrieb man in Leipzig mit vollem Rechte — die unter dem Drucke der vormärzlichen Bevormundung gewählten abgenutzten Kammern sollten über ein Preßgesetz entscheiden, während die Regierung seit dem 3. März die volle Preßfreiheit unbedenklich gewähren kann? Und nun appellirten auf einmal an die Stände dieselben Minister, die so oft erklärt, sie würden nur ihrer eigenen Ueberzeugung folgen? Und wenn es unzulässig war, die Censur ohne die Stände aufzuheben, warum erklärte die Regierung — wie sie gleichzeitig that — die Censur bis zum 15. April versuchsweise aufgehoben?
Schließlich überwog aber doch die Meinung in Dresden, man könne es noch einmal mit Strenge probiren. Zu diesem Entschlusse bestimmte vor allem die kläglich-servile Haltung der Hauptstadt. Der Dresdner Stadtverordnete (berühmte Philologe, später im Exil jahrelang Professor in Zürich, nach 1870 in Heidelberg und Reichstagsabgeordneter) Dr. Köchly suchte den Leipziger Patrioten durch ähnliche Anträge, wie sie von da ausgingen, die Hand zu reichen. Aber schroff lehnte man in Dresden das ab. Der Dresdner Stadtrath suchte sogar eine Adresse der Bürgerschaft, die ähnliche Wünsche aussprach, zu escamotiren. Als die Kunde nach Dresden drang, Leipzig werde durch Massen- oder Sturmdeputationen nach Dresden seine Anträge beim König durchzudrücken versuchen, rottete sich die Dresdner Communalgarde zusammen, besetzte den Leipziger Bahnhof und lauerte hier auf die Leipziger, sie zu fangen oder zurückzutreiben, je nach Umständen. Aber die Leipziger erschienen nicht. Blum hatte seinen ganzen Einfluß aufgeboten, um den Massenzugs-Unsinn zu hintertreiben. Damit doch Etwas geschehe, defilirte die Dresdner Communalgarde vor dem König am Schlosse vorbei, und der „Dresdner Anzeiger“ sprach gerührt von der „großartigen Kundgebung der Stimmung der Dresdner Communalgarde.“ Arm in Arm mit ihr glaubte das Ministerium schon sein Jahrhundert in die Schranken fordern zu können. Daß aus Zwickau und vielen anderen Städten Adressen, Beschlüsse und Deputationen kamen, die mit Leipzig harmonirten, wurde in Dresden weggespottet. Den Sprecher einer Deputation aus der Provinz, den Bürgermeister Schwedler, fuhr der König an: „Nein, nein, nein, nein! Unbillige Wünsche werde ich nicht berücksichtigen! Ich kann mich mit Ihnen nicht in Discussionen einlassen, ich habe Ihnen nichts zu sagen, als: leben Sie wohl!“ Man glaubte eben überall nur Strohmänner einiger Leipziger „Schreier“ vor sich zu haben. Und dieser Ueberzeugung gemäß ward gehandelt — genau so wie im Jahr 1845. Plötzlich wurden große Militairmassen um Leipzig zusammengezogen. Gleichzeitig rückten — gewiß nicht ohne bundesfreundliches Ersuchen von Dresden — preußische Truppen in nächster Nähe von Leipzig an die Grenze. Und wie Herr von Langenn 1845, hielt jetzt der Minister v. Carlowitz unter dieser vollen Machtentfaltung, gleichsam umringt von Bajonetten, am 11. März seinen Einzug in die bedrohte Stadt.
Aber freilich, Herr v. Carlowitz war kein Herr v. Langenn. Wohl war er gekommen, um den Auftrag seines Königs zu vollziehen, des Königs Gebot der erregten Stadt zu verkündigen. Aber gleichzeitig war er gekommen, um mit eigenen Augen zu sehen, und seinem König wahrheitsgetreu über das Gesehene zu berichten. Er fand die treue Stadt in einer Bedrängniß ohne Gleichen. Seit Wochen waren nun Liberale, Radicale, alle irgend nennenswerthen Kreise der Stadt zusammengegangen in dem Streben, auf gesetzlichem Wege die Forderungen der Stadt, des Landes, die heiligsten Interessen ganz Deutschlands gewahrt zu sehen. Nur durch das immer erneute Versprechen, daß auf friedlichem und gesetzlichem Wege Alles sicher erreicht werde, hatte namentlich Robert Blum die meisterlosen, wüsten Elementarkräfte, die jede Revolution entfesselt, niedergehalten. Nun aber, da Woche auf Woche verstrich, ohne den ersehnten unblutigen Sieg zu bringen, begann der Neid und die Mißgunst unverantwortlicher, weit „entschiedenerer“ Gesellen gegen den verdienten Führer in den Massen zu wühlen und zu hetzen — und als vollends das Militair rings um Leipzig zusammengezogen wurde, gährte und grollte es überall in der Stadt wie in einem Vulkan, der sich zum Ausbruch rüstet. Das allgemein verbreitete Gerücht, daß das Militair beabsichtige, Blum und Andere der Gehaßtesten zu greifen und vor ein Kriegsgericht zu stellen, trug nicht wenig zu dieser Erregung bei. —
Dem Minister Carlowitz entging diese Stimmung nicht. Dennoch that er seine Pflicht bis zuletzt. Er richtete die Forderungen aus, die der König ihm für Leipzig mitgegeben. Er verlangte von den Stadtverordneten, sie sollten sich aufregender politischer Reden enthalten. Der Redeübungsverein und die Schützenhausversammlungen sollten jeder politischen Agitation fern bleiben, das lärmende Umherziehen größerer Volksmassen aufhören, der Zug nach Dresden schlechterdings unterbleiben. — Die Stadtverordneten antworteten auf diese Forderungen, die allgemein schmerzliche Enttäuschung erregten, noch am nämlichen Abend ruhig, fest, ablehnend. „Man erwäge nur die Umzingelung Leipzigs,“ hatte Blum schon in der vorangehenden Sitzung (10. März) gerufen. „Weßhalb diese Kosten? Warum wird der Landbewohner so ausgesogen? Weil fünf Menschen, die eine Armee zur Verfügung haben, nicht begreifen, daß sie mit ihren Kugeln zwar Menschen tödten, aber nicht ein einziges Loch in die Idee bohren können, welche die Welt beherrscht.“ Die Stadtverordneten erklärten Herrn v. Carlowitz einstimmig: strafbare politische Reden seien in ihren Versammlungen nicht vorgekommen. Das Recht und die Pflicht freier Meinungsäußerung habe jedermann, namentlich in so bedrängter Zeit. Jeder werde das, was er sage, vor dem Gesetz vertreten. Die Schützenhausversammlungen lägen außerhalb des Geschäftskreises der Stadtverordneten. Umzüge seien seit der Abmahnung des Stadtrathes nicht wieder vorgekommen. Garantien gegen den Zug nach Dresden könnten vom Collegium weder verlangt noch gegeben werden. Die Spannung war auf’s Aeußerste gestiegen.
Da versammelten sich am 12. März im Schützenhause zu Leipzig auf Joseph’s Einladung vierzig namhafte freisinnige Männer, Mitglieder des letzten Landtages und sonstige Vertrauensmänner: Todt, Oberländer, Schaffrath, Joseph, Blum, Biedermann, Koch, Klinger u. s. w. Schaffrath legte ein Programm vor, welches die wichtigsten politischen, religiösen und sozialen Anliegen des Volkes zusammenfaßte. Die radicalen Elemente herrschten in dieser Versammlung vor, aber leicht wurde auch hier ein Durchschnittsausdruck der Meinungen gefunden. Auf Anregung der süddeutschen Liberalen wählte die Versammlung zwei Vertrauensmänner für Frankfurt, wo sich nach den Beschlüssen der Patrioten von Heppenheim und Heidelberg demnächst die Delegirten ganz Deutschlands zusammenfinden sollten. Gewählt wurden die Führer der beiden Richtungen, die in der Versammlung vertreten waren: Blum und Biedermann. Da Blum ablehnte, trat Todt an seine Stelle.
Minister Carlowitz reiste ab. Niemand wußte, ob sein Scheiden von Leipzig Krieg oder Frieden bedeute. Nur daß er selbst keinesfalls länger als bis zum Landtag im Amt bleiben werde, hatte er überall offen erklärt. Aber Carlowitz war ein ganzer Mann[100], wer ihn kannte, durfte nicht zweifelhaft sein, wie er in Dresden auftreten werde. Er öffnete dem König die Augen über den wahren Charakter der Leipziger Bewegung. Der König erkannte, daß er von Könneritz getäuscht worden und entließ diesen sofort in Ungnaden. Am 13. März trat das ganze alte Ministerium zurück. Kaum wagte man in Leipzig der frohen Kunde zu trauen.
Aber schon am 16. März wurden die Namen der neuen Sächsischen Minister bekannt gemacht. Bernhard v. Lindenau, an den die treue Anhänglichkeit des Volkes zunächst dachte, hatte von seinem abgeschiedenen Landsitz aus der Krone den Rath ertheilt, an die Spitze des neuen Ministeriums Braun zu berufen. Neben diesem übernahm Georgi die Finanzen, v. d. Pfordten das Aeußere und Innere, v. Holtzendorff den Krieg. Am 20. März wurde das Ministerium vervollständigt durch den Eintritt eines der nächsten politischen Freunde Blum’s, Martin Oberländer aus Zwickau. Weite Kreise Sachsens dachten vor Oberländer’s Berufung daran und sprachen aus, daß Blum selbst zum Minister ernannt werden müsse. Beim König wäre seine Ernennung wohl kaum schwieriger durchzusetzen gewesen, als die Oberländers[101]. Aber auf das Bestimmteste erklärte Blum, daß nunmehr, nachdem das alte System in Sachsen gestürzt sei, seine Thätigkeit nur den Vorarbeiten für das Deutsche Parlament, Deutschland, nicht Sachsen gewidmet sein könne.