In der That war durch die Einsetzung des Märzministeriums und die Durchführung des Regierungsprogramms, welches das Ministerium verkündigte, Alles erreicht, was die vereinigte Opposition des Landes in Sächsischen und Deutschen Dingen seit Jahren vergebens verlangt hatte. Denn das Programm der neuen Regierung enthielt folgende Verheißungen: Vereidigung des Militairs auf die Verfassung, Aufhebung der Censur für immer, ein Preßgesetz ohne das System der Concessionen und Cautionen, Reform der Rechtspflege auf Grundlage der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, Geschworenengerichte in Strafsachen, Reform des Wahlgesetzes, Vereinsrecht mit Repressivbestimmungen gegen Mißbrauch, gesetzliche Ordnung der kirchlichen Verhältnisse im Geiste der Duldung und Parität, Antrag auf Revision des Vereinszolltarifs, kräftige Mitwirkung zu zeitgemäßer Gestaltung des Deutschen Bundes mit Vertretung des Volkes bei demselben. In diesem Sinne handelte das neue Ministerium auch sofort. Am 22. ward das Militair auf die Verfassung vereidet, am 23. die Presse freigegeben, am 30. sagte sich das Ministerium von den sog. „Ausnahmebeschlüssen“ des Bundes los. Am 11. April wurde eine Art von Volksbewaffnung eingeführt, am 17. April eine allgemeine Amnestie für politische Vergehen erlassen u. s. w. Namentlich ließ das Ministerium ein vollständiges Eingehen auf die nationalen Forderungen der Zeit hoffen. Als am 20. März die Deputation der süddeutschen Regierungen in Dresden eintraf, um Sachsen zum Anschluß an die Grundzüge der von Hessen, Nassau, Baden, Württemberg beschlossenen künftigen deutschen Verfassung (Bundesstaat unter preußischer Spitze) einzuladen, sandte Braun den Professor Biedermann in außerordentlicher Mission nach Berlin, um den Anschluß der Sächsischen Regierung an diese Bestrebungen zu erklären[102]. Während diese Action geheim blieb, ließ sich der Standpunkt des Sächsischen Ministeriums in der Deutschen Frage für Alle erkennen in der Instruction, welche es jenem „Vertrauensmann“ nach Frankfurt mitgab, den es nach dem Beschlusse des Bundestags dorthin zu entsenden hatte. Schon die Wahl Todt’s, des Schöpfers und Leiters der ehemaligen Landtagsopposition, zu dieser wichtigen Stellung, erregte überall freudige Zustimmung. Die ihm mitgegebene Instruction aber enthielt folgende Grundzüge: „Deutschland wird Bundesstaat auf volksthümlicher Grundlage, dessen Organe ein Oberhaupt mit einem verantwortlichen Ministerium, ein Parlament mit zwei Häusern, ein Reichsgericht sind. Die Aufgabe der Centralgewalt umfaßt die völkerrechtliche Vertretung Deutschlands, die Gesetzgebung in den wichtigsten Gegenständen, die Grundlagen des Verkehrs, Heer und Flotte; sie garantirt überdies die Grundrechte des deutschen Volkes. Die innere Verfassung der Einzelstaaten ist die constitutionelle mit ihren Consequenzen. Beschränkung der Selbständigkeit der Einzelstaaten, soweit die völkerrechtliche und bundesstaatsrechtliche Einheit Deutschlands es fordert.“ Wie weit damals das Ministerium auf dieser deutschen Bahn zu gehen entschlossen war, erhellt am besten aus jenem Wort, das der particularistischste der Märzminister, v. d. Pfordten, zu Biedermann sprach, als dieser zum Vorparlament reiste: „Bringen Sie uns eine Verfassung, welche Sie wollen, nur halten Sie uns die Republik vom Leibe“[103].

Die öffentlich bekannt gemachte Instruction der Regierung an Todt stimmte durchaus überein mit den Ansichten aller Parteien in der Deutschen Frage. Die conservativ-reactionären Elemente, die allein anderer Meinung waren, wagten sich damals noch nicht hervor. Namentlich war der radicale Fortschritt unter Blum’s Führung damals durchaus einverstanden damit, daß die Regierung sich bereit erklärte, die Opfer zu bringen, welche die Nation durch ihre Vertreter in Frankfurt fordern würde. Die radicale Partei glaubte in dem Programm den vollen Spielraum zu finden für ihre damals noch unfertigen und weit auseinandergehenden Ansichten über die Art dieser Opfer und die Natur des künftigen deutschen Oberhauptes. Keineswegs nur republikanische Elemente einigten sich um Blum unter dessen Führung. Im Gegentheil: seine nächsten und intimsten Freunde, Rüder, Cramer, Bertling u. s. w. waren monarchisch gesinnt. Sein eigenes Ideal war unstreitig die Republik. Daß eine solche in Deutschland, mindestens vorläufig, nicht durchführbar sei, hat auch er damals in classischen Aussprüchen kund gegeben. Als vor seiner Abreise zum Vorparlament eine zahlreiche Deputation aus dem sächsischen Gebirge ihm zur Pflicht machte, binnen längstens vierzehn Tagen von Frankfurt die deutsche Republik mitzubringen, richtete er die verblüffende Frage an die Versammlung: ob die Herren an allen Orten, von denen sie herkamen, schon Feuerspritzen hätten? Als die Frage von einem großen Theile der Deputirten verneint wurde, erwiderte Blum lakonisch: „Sagen Sie Ihren Auftraggebern, ehe jedes Dorf in Deutschland seine Feuerspritze habe, könne ich ihnen die deutsche Republik nicht besorgen“[104]. — Eine ähnliche Aeußerung that er bei seiner Ankunft in Frankfurt vor der Eröffnung des Vorparlaments. Er und die anderen sächsischen Delegirten zum Vorparlamente, darunter Professor Wuttke, der mir den Vorfall erzählt hat, wurden bei ihrer Ankunft in eine große Frankfurter Volksversammlung geladen. Wild wogten hier die Anträge und Reden durch einander. Daß Deutschland Republik werden müsse, schien Allen ausgemacht. Da trat Robert Blum, den Meisten unbekannt, auf und sprach das Wort: „Eine Republik könnte Deutschland schon werden — aber es fehlen uns die Republikaner!“ Vorläufig entsprach das Programm, die Leitung und Organisation des Vereins, der Blum als seinen Führer anerkannte, der Ansicht des Letzteren. Dieser Verein bildete sich am 28. März aus den Versammlungen des Schützenhauses und nahm den Namen „Vaterlandsverein“ an. An der Spitze desselben standen neben den Monarchisten Cramer, Bertling, Wuttke, Rüder, auch in der Wolle gefärbte Republikaner wie Ruge, Jäkel, Binder, Skrobek, Althaus. Nur die reinen Socialisten fanden keinen Boden hier und traten unter der Losung: „Sociale Reform, aber keinen Communismus!“ unter Weller’s und Semmig’s Leitung zu einem „Demokratischen Verein“ zusammen. Weitaus die Mehrheit aller politisch regen Männer des Landes aber umfaßten die „Vaterlandsvereine,“ die sich rasch über ganz Sachsen verbreiteten und Blum zum ersten Obmann und gleichsam Protector aller Zweigvereine wählten. Sie umfaßten schon auf der Generalversammlung Ende April vierzig Vereine mit 12,000 Mitgliedern. Zu Anfang September waren sie auf hundert Vereine mit etwa 30,000 Mitgliedern gestiegen. Auch das platte Land bedeckte sich mit Vaterlandsvereinen. Sie waren unter sich in Bezirke getheilt, der „leitende Ausschuß“ aber saß in Leipzig und regierte von hier aus. Von Zeit zu Zeit fanden Generalversammlungen statt. Ueber die Hauptfrage, ob Monarchie, ob Republik? sprach sich das Programm der Vereine, wie gesagt, Anfangs schon um deßwillen nicht aus, weil die Ansicht der Führer selbst getheilt, ja ungeklärt war. Anfangs sagte das Programm darüber nur: „man dürfe dem Volkswillen nicht vorgreifen; dessen Sache sei es, sich diejenige Regierungsform zu geben, welche ihm am meisten entspreche“. Später nahm man, um sich gegen mannigfache Angriffe zu decken, die Erklärung auf: „daß die demokratisch-constitutionelle Monarchie für Sachsen als die Vollzieherin des Volkswillens zu betrachten sei.“ Dabei beruhigten sich vorläufig alle Elemente, welche die Vaterlandsvereine zusammenfaßten — obwohl die Unklarheit in der Hauptfrage nothwendig künftige Conflicte in sich barg — und wandten ihre vereinte Kraft zunächst der Vorbereitung der Parlamentswahlen zu. Von dem Einfluß, den diese Vereine damals übten, giebt am besten die Thatsache Zeugniß, daß von den 24 Abgeordneten, die aus Sachsen nach Frankfurt entsandt wurden, zwanzig der Linken, die Blum führte, angehörten. Nicht minder fielen die Ergänzungswahlen zum Landtage fast durchgängig im Sinne der Vaterlandsvereine aus.

Die Bildung streng monarchisch-constitutioneller „Deutscher Vereine“ begann erst am 6. April. Von ihnen wird später die Rede sein.

Unter so günstigen Auspicien konnte Blum getrost sein Vorhaben ausführen: Sachsen zu verlassen, um in Frankfurt im Vorparlament einen neuen Schauplatz seines Wirkens zu eröffnen. Er reiste von Leipzig ab in den letzten Tagen des Monat März. Der Stadt Zwickau, vor Allen dem rührigen braven Hermann Breithaupt daselbst, dankte er sein Mandat für das Vorparlament. Dieselbe Stadt hatte ihn zuvor zum Ehrenbürger ernannt.

[14. Im Vorparlament und Fünfzigerausschuß.]

Unzweifelhaft, wurde oben gesagt, war das Ideal Robert Blum’s die Republik. Ebenso sicher aber ist, daß er dieses Ideal seines Herzens vorläufig nicht erreichbar hielt, als er nach Frankfurt zum Vorparlament zog. Aeußerungen, welche diese Ueberzeugung bekunden, wurden oben angeführt. Auch die verschämt monarchische Färbung des Programms der Vaterlandsvereine würde er nicht geduldet haben, wenn er schon im März in Leipzig die Republik für Deutschland erreichbar gehalten, seine politische Arbeit auf die Verwirklichung dieses seines Ideals gerichtet hätte.

Unglücklicherweise änderte sich bei ihm diese Ansicht schon in den ersten Tagen seines Frankfurter Aufenthaltes. Den Schreiern zwar, die dort in den Bierhäusern das große Wort führten, den Struve, Hecker, Ronge, Zitz u. s. w.[105] mißtraute er gründlich und sprach dieses Mißtrauen offen und in Privatbriefen (die unten mitgetheilt werden) rückhaltlos aus. Aber ganz anders als in dem nüchternen, faßt spießbürgerlichen Sachsen machte sich hier die Leidenschaft und Begeisterung der Bürger geltend: revolutionstrunken, freiheitglühend erschien Blum der ganze deutsche Süden. Und wenn so kühle abstracte Denker wie Johann Jacoby und Heinrich Simon, so geschäftskundige Politiker wie Itzstein und Abegg, so reichbegabte patriotische Männer wie Raveaux von Köln, und so rein materialistische Naturen wie Carl Vogt ihren Glauben an die unmittelbare Verwirklichung der deutschen Republik gleich entschieden und zuversichtlich offenbarten, so war es dem Führer des radicalen sächsischen Fortschritts kaum zu verargen, daß er sich fortan mit Begeisterung und Energie dem Streben hingab, dieses vermeintlich höchste Ideal seines Lebens und Denkens zu verwirklichen. Selbst von dem gegnerischen und um weitere dreißig Jahre gereiften Standpunkt aus[106] wird zugegeben: „Wenn damals die Linke des Vorparlaments siegte, wenn ihr gelang, was sie wollte, die sofortige Verkündigung einer republikanischen Verfassung für Deutschland, oder auch nur, was im Effect nahezu das Gleiche gewesen wäre, die Permanenzerklärung des Vorparlaments — die Regierungen und der Bundestag hätten dies schwerlich zu hindern vermocht, vielleicht kaum einen Versuch dazu gewagt, und eine Periode unabsehbarer Verwirrung wäre auf unbestimmte Zeit über Deutschland hereingebrochen.“

Heute wird mit verschwindend kleinen Ausnahmen jeder Deutsche dieses Urtheil unterschreiben. Ausgangs März 1848 aber stand für die Anhänger der Deutschen Republik nur das Eine fest, was wir heute auch einräumen müssen, daß die Proclamirung einer republikanischen Staatsverfassung für Deutschland alle Formen rechtsgültiger Beschlüsse für sich gehabt hätte, und weder das ernstliche Widerstreben einer Regierung, noch des Bundestages herausgefordert haben würde. Sehr zweifelhaft dagegen konnte den Republikanern des Jahres 1848 das Andere erscheinen, worüber wir heute Alle einig sind: daß mit Proclamirung der Republik „eine Periode unabsehbarer Verwirrung auf unbestimmte Zeit über Deutschland hereinbrechen“ würde. Wir haben gewiß Recht in dieser Annahme. Eine seit Jahrhunderten, um nicht zu sagen seit Jahrtausenden stetig und ohne Unterbrechung fortgesetzte monarchische Staatsentwickelung läßt sich von heut auf morgen nicht in republikanische Bahnen lenken. Und diejenigen, welche etwa aus der Geschichte Frankreichs seit 1789 das Gegentheil folgern wollen, mögen sich von dem besten deutschen Kenner französischer Geschichte und französischer Gesellschaft, Carl Hillebrand[107], belehren lassen, daß sie irren, daß auch seit der großen Revolution jeder Herrscher Frankreichs vom ersten Consul bis zum Marschall Mac Mahon ein persönlicher Herrscher gewesen ist und daß jeder Minister oder Volksmann, der sie dazu zwingen wollte, die constitutionelle Fiction des unverantwortlichen Staatsoberhauptes beizubehalten, ohne jeden Aufwand von Zeit beseitigt worden ist.

Aber keine Zeit war weniger geeignet, solchen Erwägungen Raum und Recht zu geben, als der März des Jahres 1848. Beinahe widerstandslos hatte überall das alte Regiment, die ganze bis dahin herrschende Partei und Gesellschaft sich selbst, den Thron, den „Staat“, den sie zu vertheidigen hatte, den Wogen der Revolution preisgegeben. Daß die „Revolution vor den Thronen stehen geblieben war,“ erschien als ein unerklärlicher, vom Standpunkt des Republikaners aus ganz unbegründeter Act der Gutmüthigkeit. Denn wenn man die Widerstandsfähigkeit der Monarchie im damaligen Deutschland schätzte nach den Erfahrungen der jüngsten Wochen, so erschien sie außerordentlich gering. Gerade in dem größten deutschen Staate, in Preußen, hatte sich der regierende König so tief erniedrigt, daß der gesundeste Gedanke der Anhänger einer monarchischen Staatsverfassung für Deutschland: dem König von Preußen die deutsche Kaiserkrone zu übertragen und ihn an die Spitze des deutschen Bundesstaates zu stellen, vorläufig einfach unausführbar war. „Die Person des preußischen Königs ist nicht wieder zu heben,“ schrieb am 26. März die „Deutsche Zeitung“, das Organ jener Partei in Deutschland, die auf Preußen alle ihre Hoffnungen setzte. Am 28. März fügte sie hinzu: „Das Odium gegen Preußen ist unglaublich groß und kann nur durch die Zeit gemindert werden“. Und als dieser Antrag zum ersten Mal im Parlament auftauchte, wurde er begraben unter dem Hohngelächter des Hauses und fand bei der Unterstützungsfrage nur die einzige Stimme des Antragstellers. Auch muß man sich erinnern, wie unbeliebt die Person des Preußischen Thronfolgers (des heutigen Kaisers Wilhelm) damals war. Der Prinz war so verhaßt, daß er als Verbannter im Auslande leben mußte[108]. In Baiern und andern deutschen Staaten hatte die Krone sich beinahe nicht weniger compromittirt als in Preußen. Wenn damals selbst die „Deutsche Zeitung“ für Deutschland eher an eine Verfassung „ähnlich der nordamerikanischen“, als an einen monarchischen Bundesstaat dachte, so wird man den Männern, welche damals die Republik in Deutschland für erreichbar hielten, weder die politische Einsicht noch namentlich den Patriotismus absprechen dürfen. Sehr viele dieser republikanisch-gesinnten Abgeordneten, und zwar selbst von denen, die damals die Republik auch um den Preis eines Bürgerkrieges anstrebten — denn das war doch eigentlich das Programm jener äußersten Linken des Frankfurter (Vorparlaments und) Parlaments, die auch Robert Blum einen Reactionär schalt — haben später die schönsten Beweise ihrer gut nationalen Gesinnung gegeben. Ich erinnere nur an Arnold Ruge, Friedrich Kapp, Johann Jacoby (bis 1860), selbst Hecker; von den Jüngeren, wie Ludw. Bamberger und Miquèl ganz zu geschweigen, die Beide sich damals bereit hielten, jeden Augenblick das reactionäre Parlament, einschließlich Robert Blum’s und seiner Freunde, von Heidelberg und Mainz aus mit Krieg zu überziehen[109].

Diese Sättigung der damaligen politischen Luft mit republikanischem Lebensstoff ließe sich noch aus tausend andern unverwerflichen Zeugnissen jener Tage darthun. Erzählt doch selbst Biedermann, der in seinem Wahlkreise gegen Robert Blum gewählt wurde, daß ihm seine nach damaligen Begriffen conservativen Wähler, als er sich Anfang Mai von ihnen verabschiedete, als letztes Wort noch in den Eisenbahnwagen nachriefen: „Bringen Sie uns nur um Gottes Willen keinen Kaiser mit!“[110] Und derselbe maßvolle Politiker schreibt wenige Seiten vorher[111]: „Zunächst vergesse man nicht, daß in der Zeit, wo das Vorparlament und der Fünfziger-Ausschuß tagten, ja auch noch als das Parlament zusammentrat, beinahe alle gewohnte Autorität in Deutschland, selbst in den größeren Staaten gänzlich geschwunden war. Die einzige noch existirende Autorität war damals bei den frei aus dem Volke hervorgegangenen Gewalten.