„Liebe Jenny. Du mußt den guten Willen für das Werk und diese zwei Zeilen, die ich im Sturme schreibe, für einen Brief nehmen. Wir kommen aus den Conferenzen nicht heraus und es ist wahrlich mit uns wie mit den ehemaligen Fürsten, zu denen sich von nah und fern Alles drängt. Dazu muß ich mir persönlich noch täglich von einer Menge Polen, die massenweise hier durchziehen, Complimente schneiden und mich von Fürstinnen — küssen lassen. Aber es war leider nur die alte, die dies that, die junge hat mir blos eine Hand gegeben. Laß Dir also von Georg sagen, wie’s mir geht. Meine Schwestern habe ich gestern nur eine Viertelstunde, heut nebst der Mutter eine Stunde gesehen. Sie sind alle wohl und lassen Euch herzlichst grüßen. Sobald ich kann, erhältst Du auch wieder einen Brief von Deinem treuergebenen

Robert.

Gruß und Kuß Dir und den Kindern.“

Und Anfang Mai, nach seiner Rückkehr nach Frankfurt, berührte er noch einmal die Kölner Reise in einem Briefe an seine Frau:

„— — — Ronge ist längst von hier fort und zwar nach Rendsburg; es wäre gescheidt, wenn er sich irgendwo todtschießen ließe, denn seine Zeit ist aus. Wenn auch Bertha darüber jammert, es wäre doch besser, denn er arbeitet jetzt nur an seinem Untergange. — Daß die Meinen gesund sind, habe ich Dir von Köln geschrieben; meine alte Mutter ist fast wahnsinnig geworden vor Freude, daß ihrem Sohne ein Fackelzug gebracht wurde; wie würde die sich freuen, wenn Du mit den Kindern nach Köln kämst. Indessen es kann nicht sein. Beruhigen wir uns, wir müssen der Zeit Opfer bringen. Würde die Messe gut, so könntet Ihr Euch in eine rückgehende Kiste stecken lassen, aber es werden nur volle Kisten zurückgehen. Hier wird nichts, rein nichts verkauft. Lebe wohl, liebe Jenny, grüße und küsse mir die armen Kinder, die jetzt auch niemals in die Kneipe kommen; sie sollen nur gut und brav sein, dann komme ich auch zurück und bringe ihnen etwas sehr Schönes mit. Wenn ich nur die Ostertage dort sein könnte! Es geht aber nicht, also fort mit Wünschen. Bleibe gesund und munter. Von Herzen Gruß und Kuß von Deinem

Robert.“

Zum letzten Mal hatte er in der Heimath, bei Mutter und Schwestern verweilt.[139] Sieben Monate später waren die Kirchen der Stadt schwarz verhangen, und Ferdinand Freiligrath sang über den Tod des „Kölner Kindes“ Blum:

„So redet Köln! Und Orgelsturm entquillt dem Kirchenchore,
Es stehn die Säulen des Altars umhüllt mit Trauerflore,
Die Kerzen werfen matten Schein, die Weihrauchwolken ziehen,
Und tausend Augen werden naß bei Neukomm’s Melodien.

So ehrt die treue Vaterstadt des Tonnenbinders Knaben —
Ihn, den die Schergen der Gewalt zu Wien gemordet haben!
Ihn, der sich seinen Lebensweg, den steilen und den rauhen,
Auf bis zu Frankfurts Parlament mit starker Hand gehauen!“

Zwei Tage bevor Blum auf diese amtlichen Reisen sich begab, hatte Hecker im Badischen Oberlande losgeschlagen. Der Fünfzigerausschuß hatte schon am 10. April einen Aufruf an die Deutschen in der Schweiz und Frankreich erlassen, in dem er sie beschwor, nicht mit bewaffneter Hand nach Deutschland zurückzukehren, da das Parlament „einzig und allein“ zu berathen habe. Schon damals ging nämlich das Gerücht, daß Handwerksburschen aus der Schweiz und Frankreich mit Kanonen (!) an die deutsche Grenze zögen. Dieser Aufruf war ebenso erfolglos geblieben, wie die zweimalige Sendung von Bevollmächtigten des Fünfzigerausschusses — Venedey und Spatz am 14. April nach Straßburg und zu Hecker, Soiron und Buhl ins badische Oberland am 15. April. Nun, da der Aufstand losgebrochen war, erließ der Ausschuß am 28. April, immer noch in Blum’s Abwesenheit[140] einen „Aufruf an das badische Volk“, der mit prophetischem Blick den Sieg der Reaction als die Folge solcher Bestrebungen verkündete, aber ebensowenig fruchtete, wie jene Delegationen. Diese Verhandlungen würden Blum also gar nicht berühren, wenn nicht Biedermann an zwei Stellen seiner „Erinnerungen aus der Paulskirche“[141] behauptete, Blum habe „sich darauf betreffen lassen, daß er die Schilderhebung Hecker’s im Stillen begünstige und ihr den Sieg wünsche. Damals war es, wo er sich nur ungenügend und mit einer an ihm nicht gewohnten Heftigkeit vertheidigte.“ Die „heftig auffahrende Entgegnung Blum’s, welche der tödtlichen Kälte des Angriffs von Mathy gelungen, zeigte nur um so deutlicher, wie gut der sicher geführte Streit getroffen habe.“ Das soll „in einer Verhandlung im Fünfzigerausschuß[142]“ vorgekommen sein. Da Hecker erst am 12. April losgeschlagen hat, Blum aber nun vom 14. bis 26. April abwesend war, und an der hier einschlagenden Sitzung vom 28. April nicht theilgenommen hat, so könnte diese Begegnung zwischen Mathy und Blum nur in die Zeit nach dem 28. April bis 18. Mai fallen[143]. Gleichwohl enthalten die offiziellen Berichte, die gerade von da ab fast vollständig stenographisch vorliegen, kein Wort der Bestätigung dieses angeblichen Vorkommnisses. Auch Freytag in seiner Biographie Mathy’s erwähnt gar nichts von dieser Begegnung[144]. Vor Allem aber müßte gewiß die vertraulichste Aussprache Blum’s aus jener Zeit, müßten die Briefe an seine Frau ein Wort enthalten, welches bestätigte, daß er „die Schilderhebung Hecker’s im Stillen begünstigt, ihr den Steg gewünscht“ habe. Und was finden wir statt dessen? Am 3. Mai schreibt er an die Gattin: „Hecker und Struve haben das Land verrathen nach dem Gesetz — das wäre Kleinigkeit; aber sie haben das Volk verrathen durch ihre wahnsinnige Erhebung; es ist mitten im Siegeslauf aufgehalten; das ist ein entsetzliches Verbrechen“. Entschiedener konnte gewiß Blum oder irgend ein Anderer nicht Partei nehmen gegen den Hecker’schen Aufstand.

Auch eine andere noch wichtigere Verhandlung des Fünfzigerausschusses hatte sich in der Hauptsache wenigstens abgespielt während Blum’s amtlicher Abwesenheit in Köln und Aachen: jener Versuch des Bundestags, durch Einsetzung eines Triumvirates wieder Einfluß auf das deutsche Verfassungswerk zu gewinnen. In einem Briefe Blum’s an Jacoby aus Köln (ohne Datum) hatte selbst Blum sich diesem Projecte günstig ausgesprochen. Dasselbe that die große Mehrheit des Ausschusses, da sie so wenig wie Blum die geheimen Absichten des Bundestages kannte. Eben als Blum wieder zu den Arbeiten des Ausschusses zurückkehrte, hatte der Ausschuß mit 26 gegen 13 Stimmen der Einsetzung des Triumvirates — einer Art von provisorischer Bundesexecution zur Vertretung der äußeren Sicherheit Deutschlands und Vollziehung der Parlamentsbeschlüsse im Innern — beschlossen. Der Bundestag aber hatte diesen Beschluß des Fünfzigerausschusses, wie Heckscher am 4. Mai wiederholt sagte, „verfälscht“, indem er — unter dem Anschein, die Beschlüsse des Ausschusses zu vollziehen — gerade das Gegentheil dieses Beschlusses auszuführen, „die Vollziehungsgewalt in der innigsten Vereinigung der Regierungen unter sich wie mit der Bundesversammlung auszuüben“ versuchte und beschloß: daß das Triumvirat bis nach Beendigung der Nationalversammlung, bis zur Neugestaltung des Bundes bestehen solle, ohne daß die Volksvertretung bei der Wahl der drei Männer mitzureden habe. Diese „Fälschung“ brachte die größte Entrüstung bei den Fünfzigern hervor und warf das ganze Triumvirat noch vor seiner Einsetzung über den Haufen. Noch größere Erbitterung entstand aber im Ausschuß, als nun vollends am 10. Mai Abegg das geheime Promemoria des hessen-darmstädtischen Bundestagsgesandten von Lepel an’s Licht zog, welches empfahl, durch Corruption der Wahlen oder durch Bestechung von Parlamentsmitgliedern den Regierungen einen Einfluß auf das künftige Verfassungswerk zu sichern, welcher ihnen nach dem damaligen Stand der Dinge entzogen sei; und als festgestellt wurde, daß der Bundestag am 4. Mai über dieses Promemoria verhandelt und sogar beschlossen hatte, es den Regierungen „zur gutfindenden Kenntnißnahme einzusenden, da es, theilweise wenigstens, Bemerkungen enthalte, deren Berücksichtigung sich empfehlen dürfte,“ — da brach die lauteste Entrüstung aus.

In den entschiedensten Worten verlangten Heckscher, Lehne, Blum, daß man Aufklärung vom Bundestag über die Echtheit dieser Schriftstücke fordere, ehe man weiter berathe. Blum sprach von einem „unwürdigen Verfahren“. „Ist das vorgelegte Actenstück echt, so ist es Thatsache, daß man eine constituirende Nationalversammlung nicht will, daß man dem Volke das Recht abzuschneiden meint, sich selbst seine Grundverfassung zu geben ... wenn man diesen Beschluß in Nacht und Dunkel gefaßt und gehüllt hat, dann steht uns ein Protest gegen diese Schöpfung des Triumvirates bevor, die man unter einer falschen Larve hat aufdringen wollen, dann steht das Vaterland in Gefahr, und wir müssen thun, was das Vorparlament für einen solchen Fall bestimmt hat. Die Prüfung dieses Documents also und die darüber zu fordernde Erklärung ist auf den Beschluß, der heute gefaßt werden soll, von dem unermeßlichsten Einfluß“[145]. Dieser Antrag wurde zum Beschluß erhoben. Der Bundestag gab die Erklärung ab, daß die Documente echt seien. Er hatte einen Ausdruck des Bedauerns nur dafür, daß ihre Mittheilung durch einen „Mißbrauch des Vertrauens“ möglich geworden sei.

Am 12. Mai verhandelte der Ausschuß über diese Antwort. Die bittersten Worte fielen über den Bundestag und dessen Vertheidiger im Ausschuß. „Wen Gott verderben will, den verblendet er“, rief Heinrich Simon. „Die Regierungen werden mit der constituirenden Nationalversammlung sich vertragen müssen“, sagte Blum, „aber nicht in dem Metternich’schen Sinne, sondern in einem offenen ehrlichen Sinne. Wenn aber die Verwandtschaft dieses Promemoria mit dem Metternich’schen Systeme hervorgehoben worden ist, so ist dies um so weniger abzusprechen, als ausdrücklich Phrasen von den geheimen Wiener Conferenz-Beschlüssen darin vorkommen. Das sind also die Anhänger der constitutionellen Monarchie![146]“ Auch die schriftliche Erklärung des hessischen Ministers Heinrich von Gagern, daß er Herrn von Lepel desavouire und dessen Promemoria keineswegs die Ansichten der hessischen Regierung ausdrücke, rettete den Bundestag nicht vor dem vernichtenden Urtheil, das der Fünfzigerausschuß am 12. Mai über ihn und sein Verhalten aussprach. Die Zustimmung des Ausschusses zur Einsetzung eines Triumvirates wurde ausdrücklich zurückgenommen.