Am folgenden Tag (19. Mai) fand die Wahl des Präsidiums statt. Von 397 Abstimmenden wählten 305 Heinrich v. Gagern. Die Linke gab ihre 85 Stimmen für v. Soiron ab, da er im Vorparlament die Volkssouveränität proclamirt, den Fünfzigerausschuß geleitet hatte. Geschickt wußte Gagern den Gefühlen seiner Gegner Rechnung zu tragen, indem er auch seinerseits die Souveränität des Volkes, die alleinige Befugniß der Nationalversammlung zur Schaffung einer Deutschen Verfassung verkündigte, als er das Präsidium übernahm. „Der Beruf und die Vollmacht, eine Verfassung für das ganze Reich zu schaffen, hat die Schwierigkeit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit in unsere Hände gelegt, daß es auf anderem Wege zu Stande kommen könne. Die Schwierigkeit, eine Verständigung mit den Regierungen zu Stande zu bringen, hat das Vorparlament richtig vorgefühlt und uns den Charakter einer constit. Versammlung vindicirt. Deutschland will Eins sein, regiert vom Willen des Volkes, unter Mitwirkung aller seiner Gliederungen. Diese Mitwirkung auch den Staatsregierungen zu erwirken, liegt im Berufe dieser Versammlung.“ Durch diese klugen Worte beseitigte Gagern einen Sturm, der schon in der Eröffnungssitzung am 18. Mai ausgebrochen wäre, wenn das Parlament damals schon — eine Geschäftsordnung besessen hätte. Die Bundesversammlung hatte nämlich das Parlament am 18. Mai durch einen schriftlichen Glückwunsch begrüßt, der wohl nach Ansicht des Herrn v. Schmerling, des damaligen Bundespräsidialgesandten, die Stelle einer Thronrede vertreten sollte. Einige wollten diese Höflichkeit vom Parlament erwidert sehen. Die Linke erklärte sich durch Zitz entschieden dagegen, mit dem Bundestag Complimente zu tauschen. Da wurde der Glückwunsch des Bundestags ironisch zu den Acten gelegt von der „neuen Größe“, welcher der alte Bundestag grießgrämig gratulirte. Aber die Worte Gagerns waren auch echt staatsmännisch, weil sie den Rechtsboden und die Aufgabe des Deutschen Parlaments klar bezeichneten. Bis zuletzt hatten die Regierungen versäumt, eine Verständigung mit dem Parlament vorzubereiten. Seit dem 26. April schon war der Verfassungsentwurf der siebenzehn Vertrauensmänner, mit denen sich der Bundestag umgeben hatte, dem Bundestag, fast ebenso lang den Regierungen bekannt. Dahlmann, Albrecht und Droysen hatten ihn verfaßt; er enthielt die Grundgedanken der Reichsverfassung von 1849, namentlich die erbliche monarchische Spitze. Eine Vereinbarung der Regierungen über diesen Entwurf bis zum Zusammentritt des Parlaments wäre daher leicht gewesen. Wie rasch und freudig hätte dann die monarchische Mehrheit des Parlaments die Verfassungsarbeit fördern, wie leicht selbst den Boden der Verständigung mit der Linken finden können in den Fragen, über welche überhaupt eine Verständigung möglich war, und über welche sie in der That auch später unter so viel schwierigeren Verhältnissen stattgefunden hat. Aber nicht eine einzige Deutsche Regierung hat sich bis zum 18. Mai über den Siebzehner-Entwurf geäußert. Die vertraulichen Briefe, die vom Prinzen und vom König von Preußen in der Zwischenzeit an Dahlmann und A. über den Entwurf einliefen, entzogen sich naturgemäß öffentlicher Mittheilung und durften nur als die Ansicht höchstgestellter Privatleute gelten. Mit Recht äußerte sich Dahlmann später einmal: „Die Bundesversammlung sprach sich selbst das Todesurtheil, indem sie über die Verfassung der Siebzehn, die ihr seit Wochen vorlag, kein Urtheil wagte, ihr eigenes Verhältniß zur Nationalversammlung mit keiner Silbe bezeichnete, sich begnügte, dem Parlament einen völlig inhaltsleeren Glückwunsch zuzuschicken. Das hieß die Versammlung herausfordern, ihre Machtvollkommenheit unbedingt festzustellen.“ Und Bunsen schrieb: „Die Fürsten versäumten, sich zu verständigen, ehe das Parlament zusammentrat, um ihm als Regierung gegenüberzutreten. War dies Kurzsichtigkeit oder Hinterlist?“

Die Linke war sehr geneigt, dieses Verhalten der Regierungen von der schlimmsten Seite aufzufassen. Bedenkliche Symptome anderer Art schienen hierfür zu sprechen, die sie aufmerksam verfolgte. Die Linke war (neben der rein landsmannschaftlichen Vereinigung der Oesterreicher unter Schmerling) bei Beginn des Parlaments die einzige organisirte Partei, unbestritten war in ihr Blum’s Führerschaft. Sie versammelte sich im „Deutschen Hofe“. Die Kosten für die Beschäftigung des Parlaments hat in den ersten Wochen die Linke fast ausschließlich getragen. Man kann daher ermessen, welche Arbeitslast ihrem Führer in diesen Wochen zufiel, in denen er gleichzeitig in dem wichtigsten Ausschusse des Parlaments, dem Verfassungsausschuß, eine hervorragende Rolle spielte und der Commission angehörte, welche das Parlament zur Untersuchung der Mainzer Wirren entsendete; nebenbei war dann noch das Organ der Partei, die „Deutsche Reichstagszeitung“ zu gründen, zu redigiren und mit Stoff und ständigen Mitarbeitern zu versorgen. Nur eine so unverwüstliche Natur, wie die Robert Blum’s, konnte diese Arbeitslast bewältigen. Schon am 10. Mai hatte er an die Frau geschrieben: „Diese Zeilen seien Dir nur ein Zeichen liebender Erinnerung, denn ich muß von heute an eine Zeitung schreiben, die ich der Partei gegründet habe. Bis unsere Leute, hoffentlich recht bald, kommen, muß ich dies allein und das ist eine furchtbare Aufgabe.“ Am 19. schrieb er:

„Liebe Jenny. Der Sturm hat seit vorgestern wieder begonnen und Nacht und Tag vermengen sich bei uns in der sonderbarsten Weise. Erwarte daher jetzt keine Briefe, ab und zu ein Zettelchen sollst Du haben. Georg (Günther), Schaffrath und ich — wir wohnen jetzt zusammen in einer prächtigen Wohnung mit schönem Garten und bezaubernder Aussicht. Georg ist der unerbittliche Wecker, wenn wir morgens oft nur zwei, höchstens drei Stunden geschlafen haben. Denn frühestens kommen wir 1 Uhr nach Hause und stehen um 4 Uhr wieder auf. Geld (Diäten vom Fünfzigerausschuß) haben wir noch nicht bekommen, sonst würde ich Dir senden; indessen hoffe ich in den nächsten Tagen darauf. Bis dahin wirst Du wohl reichen. Sieh in den Steuerbüchern nach, wenn Steuern zu bezahlen sind, damit das nicht versäumt wird; nur etwaige Kirchensteuer, d. h. für die römische Kirche, bezahle nicht. Bleibe recht gesund und munter, wenn Ihr könnt, so schlaft etwas für mich, denn ich erhalte jetzt meinen Bedarf nicht. Herzlichen Gruß und Kuß Dir und den Kindern.

B.“

Am 27. Mai fügt er hinzu:

„Das Treiben ist hier jetzt betäubend, keinen Tag, keine Stunde Ruhe und doch keine Frucht. Oeffentliche Sitzungen, Abtheilungssitzungen, Sitzungen in 3 Commissionen und zwar den wichtigsten, Parteiberathungen, Clubberathungen, Commissionsarbeiten und dazu eine Zeitung — wer sagt, daß ich nicht arbeite, der lügt schauderhaft. Wahrlich, man lebt und arbeitet in einem Monat für Jahre, aber man merkt’s nicht. Als Mensch geht’s mir leidlich, der Aerger setzt das Blut in Bewegung, und man entbehrt dadurch die Bewegung weniger; so bin ich also gesund. Ebenso Georg, Joseph und Schaffrath, die mit mir wohnen. Das Haus liegt an der Promenade, hat einen schönen Garten, Aussicht auf den Taunus, und es wohnt Niemand darin als wir und Todt’s. Die Frau Wirkliche Geheime Legations-Räthin kocht uns mit den Kaffee und wir trinken denselben im Garten. Die Geschichte kostet monatlich 83 Gulden, aber billiger bekommt man’s einmal nicht.... Daß die Kinder gesund sind und gedeihen, freut mich; Gott weiß, wie lange es noch dauert, ehe ich sie wieder sehe, am Ende kennen sie mich nicht mehr, wenn ich komme; es sind nun schon bald zwei Monate! Indessen es muß sein und wenn nur die Opfer etwas nützen, so wollen wir sie in Gottesnamen bringen!“

Und am 30. Mai schreibt er an dieselbe:

„— — Also unsre Leute bekümmern sich gar nicht um Dich? Es geht damit wie im Politischen, da bekümmern sie sich auch erst um die Dinge, wenn’s zu spät ist. Nun, Du kannst ja mitunter mit Cramers oder Frieses ausgehen, damit Du und die Kinder doch wohin kommen.... — Diese Tage sind keine Verhandlungen von Bedeutung: Geschäftsordnung, Wahlen u. s. w., langweilig und doch nothwendig. Lebe wohl, die Pflicht ruft! Grüße und küsse die Kinder und empfiehl mich allen Bekannten, die Du siehst. — Bleibe nur gesund und spare nicht etwa zu sehr, so daß Hans sagt: wir essen nichts! Nochmals lebe wohl und nimm Gruß und Kuß von Deinem

Robert.“

Schon am 19. Mai, aus Anlaß der Wahlprüfungen, hatte Raveaux darauf hingewiesen, daß Preußen, trotz der Abmahnung des Fünfzigerausschusses, die preußische Nationalversammlung gleichzeitig mit dem Deutschen Parlament einberufen und die Abgeordneten, die beiden Versammlungen angehörten, aufgefordert habe, nur eines der beiden Mandate anzunehmen. Die Frage wurde, ihrer großen Wichtigkeit halber, auf den 22. Mai vertagt. Indessen auch an diesen Tagen gelangte nur Raveaux zur eingehenden Begründung seines Antrags, den er dahin erläuterte, daß neben dem Deutschen Parlament kein Einzelstaat seine Landesvertretung die Verfassung Deutschlands berathen lassen dürfe. Siebenzehn Abänderungsanträge waren eingegangen, die auf Blum’s Antrag verlesen wurden. Deßhalb beschloß die Mehrheit, die Sache an einen Ausschuß zu verweisen. Von der Minderheit, welche die rasche Erledigung der Frage für nothwendig hielt, gab ein großer Theil seinen Namen zu Protocoll, damit, wie Eisenstuck von Chemnitz sagte, „das Deutsche Volk die Männer kennen lerne, die schnelle Hülfe, Einheit und Kraft bringen.“ Leider steht auch Blum’s Name unter den Namen dieser Tendenzprotestler[151].

Die Zwischenzeit bis zur Berichterstattung über den Raveaux’schen Antrag füllte die Linke mit der Besprechung der Mainzer Angelegenheit. Seit Jahren waren hier Reibereien zwischen den Bürgern und der preußischen Besatzung an der Tagesordnung. Nun hatte sogar die Mainzer Bürgerwehr auf die Preußen Feuer gegeben. Da drohte der Vicegouverneur von Mainz, General von Hüser, die Stadt zu beschießen, wenn nicht binnen wenigen Stunden die Bürgerwehr entwaffnet sei. Das Mittel wirkte; am Mittag des 22. war die Entwaffnung vollzogen. Aber Zitz, dreifach gekränkt als Mainzer, als Democrat und als Bürgerwehrcommandant, donnerte schon am 23. im Parlament gegen die preußischen „Ausnahmemaßregeln“ und formulirte Anträge, welche die preußischen Truppen einfach durch das caudinische Joch geschickt hätten, wenn sie angenommen worden wären. Die Nationalversammlung, ja selbst die Linke, goß jedoch Wasser in seinen Feuertrank. Carl Vogt stellte den Antrag, eine Commission nach Mainz zu senden zur Untersuchung der dortigen Verhältnisse. Hergenhahn, Blum und Vogt gehörten zu den Mitgliedern dieser Commission. Am 26. Mai erstattete Hergenhahn dem Parlament Bericht Namens des Ausschusses. Danach schien die schwere Schuld der Unruhen auf Seite der Bürger zu liegen. Denn von den Bürgern waren nur fünf (und zwei von diesen nur leicht) verletzt, während vier preußische Soldaten getödtet, 25 verwundet waren, darunter drei durch Stiche im Rücken! Deßhalb ging der Antrag des Ausschusses nur dahin: einen Theil der preußischen Garnison zu verlegen, ein hessisches Bataillon nach Mainz zu ziehen und die Neubildung der Mainzer Bürgerwehr, in Formen, welche dem Festungsreglement entsprächen, durch ein hessisches Landesgesetz zu vollziehen. Blum und Vogt schwiegen bei diesem Referat. Man konnte glauben, sie stimmten ihm zu. Eine Minderheit des Ausschusses war sogar für einfache Tagesordnung.

Diesen Ausgang hatte Zitz nicht erwartet. Abermals suchte er die Mainzer Wirren ausschließlich dem Uebermuth und der Zuchtlosigkeit der Preußen zuzuschreiben und erging sich dagegen im Lobe der dortigen österreichischen Garnison. Kein Geringerer als Schmerling antwortete ihm. Er wies das Lob der Oesterreicher auf Kosten der Preußen zurück und erklärte mit kühner Offenheit, seine Landsleute würden sich in gleicher Lage gerade so benommen haben, wie die Preußen, das hoffe er „zu ihrer Ehre“. Und mit weitsehendem Blick fügte er hinzu: „Mainz muß in Vertheidigungsfähigkeit erhalten werden, da es demnächst bestimmt ist, auch uns in Frankfurt gegen feindliche Ueberfälle zu schützen.“