Aber noch weit peinlicher als dieses Anwachsen gegnerischer Kräfte mußte ihn berühren der sichtliche Zerfall der Disciplin und Einigkeit im eigenen Lager. Noch einmal hatten sich in den Augusttagen alle politischen und socialen Schattirungen, welche die „Vaterlandsvereine“ in sich zusammenfaßten, um den beliebten Führer geschaart und aus seinen Mahnungen die Erkenntniß zu einträchtigem Zusammenhalten gewonnen. Aber unheilbar klaffte schon auf der Generalversammlung der „Vaterlandsvereine“ zu Dresden, am 3. und 4. September, der Riß aus einander. Das liberale Ministerium hatte auf fortwährendes Drängen der Vereinspresse Anfang September endlich den neuen Wahlgesetzentwurf fertig gestellt. Derselbe gelangte am 4. September vor die Kammer, sein Inhalt war aber den Führern der Vaterlandsvereine durch Oberländer vorher mitgetheilt worden. Der Entwurf behielt beide Kammern bei. Die Wahlfähigkeit zur zweiten war schon mit dem 21. Jahr und der „Selbstständigkeit“ des Wählers vorhanden. Die erste sollte nach einem Census gewählt und aus „Capacitäten“ gebildet werden, zu welchen u. A. auch die Volksschullehrer gerechnet wurden. Trotz dieser weitgehenden Concessionen an den Zeitgeist beharren die Vaterlandsvereine bei ihren Beschlüssen vom 9. Juli und griffen den Entwurf und das Ministerium heftig an. Damit war aber Jäkel noch nicht zufrieden. Er hielt jetzt den Moment gekommen, die Republik auszuspielen. Der radicale Unverstand, der jede Regierung als solche haßt, jede ihrer Absichten, auch ohne sie zu kennen, mißbilligt, und der deshalb auch das liberale sächsische Märzministerium mit seinem souveränen Mißvergnügen verfolgte, erfocht unter Jäkel’s Führung am 3. September über die gemäßigteren Elemente mit nur einer Stimme Mehrheit einen verhängnißvollen Sieg: die Generalversammlung strich die „Aufrechterhaltung der constitutionellen Monarchie“ aus dem Programm der sächsischen „Vaterlandsvereine“. Die Folge war natürlich das Ausscheiden der mit einer Stimme besiegten, um nicht zu sagen vergewaltigten Minderheit. Auf Seite dieser Minderheit standen die langjährigen persönlichen Freunde Blum’s: Bertling, Minckwitz, Bromme, vor Allem Cramer und Rüder, deren Namen täglich neben dem Blum’s als „Herausgeber“ der „Vaterlandsblätter“ auf deren Titelblatt standen, und die „Vaterlandsblätter“ selbst. Sofort bestürmten ihn diese Freunde, energische Einsprache gegen die Dresdener Beschlüsse zu erheben, die Jäkel mit dem ihm eigenen bornirten und rohen Fanatismus terroristisch durchführte.[204]
Der bittere Mangel an politischer Einsicht und der verschwenderische Ueberfluß an unfreiwilliger Komik, der diesen Strudelkopf auszeichnete, mußte Blum aus jedem Briefe Jäkel’s, aus jedem seiner Worte, aus jeder seiner Thaten erkennbar werden. So schrieb dieser große Sieger des 3. September am 5. von Leipzig aus an Blum: „Die Freiheit hat gesiegt, glänzend gesiegt“ — mit einer Stimme! „Diese Generalversammlung wird maßgebend für die Zukunft Sachsens sein! Der in Leipzig zwischen der Bewegungspartei und der Stillstandspartei ausgebrochene Zwiespalt hatte endlich den Leuten die Augen geöffnet, in welchem Zustande der Fäulniß sich der sächsische Vaterlandsverein befinde — wie es schien“ (wie bescheiden!) „war man durch meine Denkschrift belehrt. Die beantragte Permanenz der Versammlung“ (die so lange dauern sollte, bis das Volk ein vernünftiges Wahlgesetz erlangt habe)[205] „setzten wir mit 139 gegen 114 Stimmen durch. Wir hatten diese Frage in die Versammlung geschleudert, um eine Muthprobe zu machen und die Stärke und Ausdauer unserer Partei kennen zu lernen. Da die Probe gelungen war, so konnten wir getrosten Muthes die Abänderung des Grundgesetzes beantragen. Unser Antrag war sehr gemäßigt (!); er verlangte nur die Weglassung des ebenso überflüssigen, als einfältigen Passus: „In Sachsen will der Verein mit dem Volke (!)“ — das Ausrufungszeichen ist von Jäkel selbst — „die Beibehaltung und zeitgemäße Fortbildung der constitutionellen Monarchie.“ Da geberdete sich die Rechte, die von dem Dresdener Ausschuß und den Leipzigern aus dem Bertling’schen (früher Wuttke’schen) Verein commandirt wurde, als stände die Republik vor den Thoren. Aber es half ihnen Alles nichts. Wir schnitten den alten dummen Zopf weg, mit 120 gegen 119 Stimmen um Nachts ein Uhr, nachdem wir zehn Stunden ununterbrochen verhandelt hatten.“
So geht es noch bogenlang weiter. Man sieht den Herrn ordentlich vor sich in dem historischen blauen Frack mit gelben Knöpfen, carrirten Hosen, einem ungeheueren Hecker-Hut mit rother Feder auf der Siegerstirn. Dann erzählt der blutrünstige Marat von Leipzig von dem grauenvollen Autodafé, das er über die „vormaligen Abgötter des Volkes“ gehalten, und mit der Barmherzigkeit eines Großinquisitors versichert er: „Einige, die ich als gute Kerle kannte, dauerten mich. Aber es kann nichts helfen. Wir sind entschlossen, Niemanden mehr zu schonen, der nicht ganz entschieden für die Bewegung ist.“ Und nun kommt die Nutzanwendung für den „lieben Blum“: „Ob Ihr in Frankfurt eine Erklärung in Bezug auf das in Dresden Vorgefallene erlassen wollt, muß ich Euch überlassen. Keinesfalls könnt Ihr Euch für die Ausgetretenen erklären; Eure ganze Popularität stände auf dem Spiele, denn unter unserer Partei gab sich der entschlossenste Geist kund, nach allen Seiten auszuschlagen (!). Nur so können wir die Reaction besiegen!“
Blum antwortete nicht. Vielleicht hoffte er nebenbei, daß der Mann an seiner eigenen vis comica zu Grunde gehen werde. Jedenfalls aber nahmen nun wieder die Angelegenheiten des Parlaments Blum’s Thätigkeit und sein Interesse so vollständig in Anspruch, daß der häusliche Familienzwist der Vaterlandsvereine wirklich recht klein erschien gegenüber der großen nationalen Ehrenfrage, die aus dem Waffenstillstand von Malmö sich aufdrängte.
[17. Der Waffenstillstand von Malmö. Die Frankfurter Septembertage.]
Der schwere und in mannigfacher Hinsicht so folgenreiche Zwiespalt, der aus Anlaß der schleswig-holsteinischen Sache zwischen der Krone Preußen und dem Frankfurter Parlament ausbrach, gehört bei Allen zu den bekanntesten Ereignissen des Jahres 1848, so daß hier eine kurze Aufzählung der wesentlichsten Thatsachen genügt.[206]
Schon zu Anfang April war es zwischen den Dänen, welche die Einverleibung Schleswigs in Dänemark, die Vergewaltigung des Verfassungsrechts beider Herzogthümer durchsetzen wollten und den schleswig-holsteinischen Truppen, die den Befehlen der provisorischen Regierung der Herzogthümer dienten, und verstärkt waren durch Freiwillige aus ganz Deutschland, zu heftigen Kämpfen gekommen. Die Deutschen mußten sich hinter die Eider zurückziehen. Am 11. April flatterte der Danebrog wieder in der Stadt Schleswig.
Da rückte am 10. April, nachdem alle gütlichen Aufforderungen an die Dänen vergeblich gewesen, General Wrangel mit seinen Preußen über die Eider. Schon am Ende des Monats stand er an der Grenze Jütlands; Schleswig war von Dänen gesäubert. Am 2. Mai drang er in Jütland ein, um für den Raub deutscher Schiffe Kriegsvergeltung zu üben und besetzte die Festung Friedericia. Da erfolgte die Einmischung der neidischen Großmächte England und Rußland, der prahlerischen Schweden; Rückzugsbefehle trafen Ende Mai von Berlin ein. Die Dänen drangen sofort nach; am 5. Juni kämpfte General Bonin bei Düppel, von der Tann bei Hoptrup mit seinen Freiwilligen, Ende Juni stand das deutsche Heer abermals auf der Königsau, an der Grenze Jütlands.
Nun mischte noch erfolgreicher als zuvor die auswärtige Diplomatie sich ein. Sie fand leider in Berlin günstigen Boden für ihre anmaßlichen Drohungen. Denn dem König erschien die ganze Wirthschaft in Schleswig-Holstein zu revolutionär. Er glaubte auch seiner Garden nothwendiger in der Hauptstadt zu bedürfen, und die Aussicht, daß die deutsche Demokratie mit Freuden zu einem Kriege gegen Rußland treiben könne, erfüllte ihn mit peinlichster Sorge. So begannen denn Ende Juni Waffenstillstandsverhandlungen zu Malmö, die am 19. Juli in Bellevue bei Kolding zu einem vorläufigen Einverständniß führten. Drei Monate lang sollten die Waffen ruhen, die Herzogthümer von beiden Truppen geräumt, die schleswig-holsteinische Armee in eine schleswigsche und holsteinische Hälfte getheilt, die provisorische Regierung durch eine von Preußen und Dänemark gemeinsam zu ernennende Behörde ersetzt werden.