Adresse: „An den Vorstand des deutschen Vaterlandvereins zu Dresden.“ Text des Briefes: „An die Generalversammlung des sächs. Vaterlandsvereins.

Lieben Freunde und Mitbürger!

Vor Allem Gruß und Handschlag aus weiter Ferne und dabei das aufrichtige Bedauern, nicht in Eurer Mitte sein zu können an dem Tage, wo Ihr gemeinsam berathet über das Wohl, das politische Leben und den Fortschritt unseres schönen engeren Vaterlandes Sachsen. Möge der Geist der Freiheit walten über Euch, damit Ihr Beschlüsse faßt, welche ihre Freunde vermehren und stärken, ihre heuchlerischen Feinde aber, welche so frech wieder das Haupt erheben, entlarven und vernichten. — An diesen Gruß und Wunsch knüpft sich eine directe Frage, welche zu beantworten ich dringend bitte. Zwar soll der Abgeordnete keine Instruction annehmen, sondern stimmen nach seinem Gewissen; ich will auch eine solche nicht und könnte nicht um ein Haarbreit weichen von meiner Ueberzeugung durch eine solche. Aber wir sind nicht Abgeordnete von Gottes Gnaden, sondern durch des Volkes freie Wahl, im Volke beruht unsere Stütze, unsere Kraft, unser Lebensnerv, und deshalb ist es eben so sehr unsere Pflicht als unser Bedürfniß, zu fragen: was das Volk will und denkt?

Dies geschieht denn nun hiermit: Als der Verfassungsentwurf der Siebenzehn Vertrauensmänner mit der Mißgeburt eines deutschen Kaisers in Sachsen bekannt wurde, erhoben sich von dort — wie fast aus ganz Deutschland — sofort zahlreiche Stimmen gegen diesen verschrobenen Gedanken; von Vereinen und Volksversammlungen kamen Eingaben an den Fünfziger-Ausschuß wie an die Nationalversammlung gegen diesen Kaiser und es ist sehr mäßig, wenn ich die abgegebenen Stimmen in dieser Beziehung auf 20,000 schätze. — Das stimmte mit den Ansichten der sächsischen Abgeordneten (mit Ausnahme der Herren Biedermann, Herrmann, Koch und Zöllner, deren politische Genossenschaft wir entschieden ablehnen) vollkommen überein. Sie wollen keinen deutschen Kaiser, keine neue Civilliste, keine neue schwere Belastung des Volkes; sie wollen noch weniger ihr Vaterland aufs Neue den Stürmen und Gefahren Preis geben, die ihm drohen wenn der fürstliche Ehrgeiz nach dieser Gewalt ringt, oder wenn der Inhaber dieselbe für dynastische oder Privatinteressen mißbraucht. Aber wie sie kämpfen werden gegen jene unzeitgemäße Schöpfung, so würden sie kämpfen mit aller Kraft gegen jeden Eingriff in die Verfassung des Einzelstaates; dort soll und muß neben der gesetzlichen Freiheit die volle Unabhängigkeit bestehen, die neben der Einheit möglich ist; die Staatsform, für welche das Volk sich in seiner Mehrheit ausspricht, auf gesetzlichem Wege ausspricht, darf nicht angetastet werden und sollte — was gar nicht denkbar ist — die National-Versammlung jemals sich mischen wollen in diese Verhältnisse, wir würden es nimmermehr dulden, würden für Sachsens Selbstständigkeit in dieser Beziehung mit aller Entschiedenheit in die Schranken treten.

Diese glückliche Uebereinstimmung der sächsischen Abgeordneten mit ihren Vertretern war um so erfreulicher, als ein Zeichen entgegengesetzter Meinung gar nicht zu Tage kam. Das ist seit einigen Tagen anders: Eine Adresse aus Leipzig mit 9,600 Unterschriften aus dem ganzen Lande bedeckt, ist bei der Nationalversammlung eingegangen und spricht sich gegen die Republik aus. Dagegen wäre gar nichts zu haben, wenn nicht diese Adresse in absichtlicher Zweideutigkeit es unentschieden ließ, gegen welche Republik, ob gegen eine sächsische, oder gegen eine deutsche man sich ausspricht. Sind republikanische Bestrebungen in Sachsen entstanden, (was ich nicht weiß) und ist die Adresse gegen diese gerichtet, so gehört sie nicht in die Nationalversammlung, das haben die sächsischen Kammern zu entscheiden; vorbereitet und bekämpft muß diese Frage werden in der Presse, in Vereinen, Volksversammlungen u. s. w., die Nationalversammlungen geht das nichts an. Bezieht sie sich aber auf den Gesammtstaat, will sie also den deutschen Kaiser, so hätte sie dies aussprechen sollen und müssen; es wäre dann gewiß nicht die Unbegreiflichkeit vorgekommen, daß Namen, welche sich gegen den deutschen Kaiser aussprechen, auch unter dieser Adresse stehen, wie dies thatsächlich der Fall ist. — Deshalb wende ich mich an Euch, lieben Freunde und Mitbürger, und bitte Euch, bringt Klarheit in diese dunkle Sache; fordert durch die Mittel der Oeffentlichkeit eine offene Erklärung von den Urhebern und Unterzeichnern über ihre Absichten; duldet eine Täuschung des Volkes nicht, welche hier zu Grunde zu liegen scheint; laßt die Lüge, die große Krankheit — nicht unserer, sondern der vergangenen Tage — nicht aufs Neue ihr Haupt erheben. Polizei und Censur haben die Lüge geboren, laßt die häßlichen Eltern nicht überlebt werden von der häßlicheren Tochter; laßt uns klar sehen über die Ansicht des sächsischen Volkes in dieser Sache. Ihr seid die Vertreter von mindestens 25,000 Mitbürgern, deren politisches Wollen und Streben uns innig verwandt ist; laßt uns und die Welt nicht in Zweifel über den Sinn und die Bedeutung dieser räthselhaften Erscheinung aus Sachsen.

Daß diese Adresse zu einer Demonstration gegen den Unterzeichneten benutzt worden ist; daß man zugleich mit ihrer Ankunft in allen hiesigen Zeitungen (d. h. in allen süddeutschen) die Nachricht verbreitet hat, es sei das Vorkommen dieser Adresse eine moralische Nöthigung für mich, mein Mandat niederzulegen, daß man die Adresse mit dieser Meinung mittelst Placat an den Straßenecken Frankfurts angeschlagen hat — das bestimme Euch durchaus nicht. Diese Benutzung der Adresse ist — ich weiß das genau — nicht aus Leipzig, nicht aus Sachsen hervorgegangen. Es erfüllt mich mit hohem Selbstgefühl, ja mit Stolz, daß man solche Mittel gegen mich, das Mitglied einer nicht zahlreichen Minderheit in Bewegung setzt. Wie gefährlich muß ich den Menschen sein, die mich mit den Waffen schwächen und stürzen wollen. Es liegt vor Euch, lieben Freunde und Mitbürger, wie und durch welche Mittel ich wirke: es ist die Aussprache meiner Ueberzeugung durch das einfache gerade Wort. Wer dagegen mit solchen Waffen streitet, der schadet nicht mir, sondern sich selbst. Wenn meine Aufgabe vollendet ist, werde ich Freund und Feind entgegentreten mit klarer Darlegung meines Thuns. Die Zustimmung der Gegner kann ich mir nicht erwerben; aber die Achtung, welche ein überzeugungstreuer, offener, ehrlicher Kampf fordern kann, die wird mir kein ehrlicher Mann versagen können.

Zieht, lieben Freunde und Mitbürger meine Bitte in Betracht und thut, was Eures Berufes ist. Von Herzen begrüße ich Euch Alle und jeden Einzelnen in eigenem und der Genossen Namen! Der Himmel segne Euer Bestreben und erhalte Eure Theilnahme Eurem treuergebenen

Frankfurt, am 6. Juli 1848.

Robert Blum.“

Indessen nur wenige grundsätzliche Entscheidungen fällte die Generalversammlung der Vaterlandsvereine zu Dresden. Sie forderte ein Wahlgesetz mit dem Einkammersystem, directe Wahlen, ohne Censur und ohne Standesunterschiede. Im übrigen aber folgte sie dem so heftig getadelten Beispiel der Regierung in der Wahlgesetzfrage, indem sie alle Fragen, die zu einer Trennung der Partei hätten führen können, hübsch vertagte. Vertagt wurden vor Allem sämmtliche Anträge der „Entschiedenen“ unter Jäkel’s Führung: der Antrag auf sofortige Berufung einer constitutionellen Versammlung; der Antrag, sich für die demokratische Republik zu erklären und nach ihrer Herbeiführung mit allen humanen Mitteln zu streben. Zum Trost für die ungeduldigen Republikaner wurde erklärt, diese Frage solle öfters zur Besprechung gebracht werden, um aufklärend und bildend für diese beste Staatsform zu wirken. Heftiger wollte man vorläufig nicht drängen, da der Lieblingsminister der Vaterlandsvereine, Oberländer, am 7. Juli erklärt hatte: „Die Reform der öffentlichen Zustände dem Volke zu verschaffen, ist die Regierung fest entschlossen. Sollte das Ministerium hierbei auf der einen oder anderen Seite unüberwindliche Schwierigkeiten finden, so würde es seine Mission als beendigt betrachten müssen.“

Diese Haltung der Vaterlandsvereine machte ihrer politischen Klugheit Ehre und gewann ihnen von neuem die Sympathien weiter Kreise im Lande. Um so schonungsloser aber donnerte nun Jäkel und sein Generalstab gegen die „Halben“ und „Lauen“. Immer unhaltbarer erschien die Verbindung aller der Elemente, die bisher der gemeinsame Name „Vaterlandsverein“ gedeckt hatte. An Blum wandten sich beide hadernde Theile wiederholt um Schiedsspruch, gewissermassen um eine Offenbarung e cathedra. Beide sprachen ihre gegenseitige Verachtung in ihren vertraglichen Briefen an Blum mit größter Entschlossenheit aus. Doch Blum hielt sich keineswegs für unfehlbar und schwieg daher vorläufig. Mehrmals reisten Joseph und Schaffrath nach Leipzig und Dresden, um sich über die Sachlage zu unterrichten, aber auch sie kehrten ohne feste Meinung zurück. Im Allgemeinen waren ihre Sympathien mehr bei den Gemäßigten. Daß Blum in Sachsen nothwendiger sei als je, daß die Einheit des Vereins, wenn irgend möglich, erhalten werden müsse, erklärten sie bestimmt. Daran ließ sich nun vollends nicht mehr zweifeln, als mit Blum’s Rede in der Polenfrage auch Prof. Wuttke, bisher der Führer der gemäßigten Richtung des Vaterlandsvereins, sich verdrossen von Blum und dem Verein abwandte. So schreibt denn Blum schon am 22. Juli an die Gattin: „Nach Sachsen komme ich jedenfalls in den nächsten vier Wochen, denn man schreibt mir von allen Seiten, daß es nothwendig sei und ich sehe das selbst ein“. Aber er verspricht sich nicht einmal viel von seiner persönlichen Einwirkung auf die Partei, wie er am 2. August der Frau mittheilt:

„Ich habe bei meinen Freunden angefragt wegen meiner Reise, ob sie möglich ist. Ob sie zweckmäßig ist, das weiß ich freilich nicht, denn nach allen Nachrichten ist in Sachsen Alles, Alles geändert; man weiß nicht mehr, was man will, und nicht was man soll; an den besten, ehernsten, geprüftesten Menschen wird man irre. Es ist wirklich furchtbar: wir stehen jetzt nicht einmal mehr auf dem Standpunkte vom Januar d. J., sondern auf dem von 1837. Wie man jetzt noch halb, unentschieden, zweideutig sein kann, das ist mir unerklärlich. Es gilt nur siegen oder sterben, und wer das erstere will, muß zeigen, daß er zum letzteren bereit ist. Wahrlich, aber ich finde in Leipzig keinen Menschen mehr, der dazu entschlossen scheint. Man scheint mir es leicht machen zu wollen, Leipzig zu entbehren; denn wenn es ist, wie ich’s von hier aus ansehe, dann werde ich freudig den Staub von meinen Füßen schütteln. Indessen wir wollen sehen[201].“

Am 7. August schon ist die Reise nach Leipzig fest beschlossen. „Ich denke, daß ich vier Tage, vielleicht sogar bis Montag den 21. dort bleiben kann“, schreibt er der Frau. „Das ist allerdings der äußerste Zeitpunkt. Sollte man irgend einen Empfang veranstalten wollen, so wirke dagegen wo und wie Du kannst, ersuche auch meine Freunde darum, daß sie in gleichem Sinne wirken“. In der Nacht vom 11. bis 12. August schreibt er nochmals an die Gattin, daß er Montag den 14. komme und: „Empfangen will ich nicht sein, weil ein allgemeiner Empfang nicht denkbar ist, ein Parteiempfang aber besser unterbleibt, bis ich sehe, wie Alles steht“.

Seine Ankunft in Leipzig verzögerte sich indessen noch bis Dienstag den 15. August. An diesem Tag endlich sah er die langentbehrten Seinigen wieder, die Gattin, die Kinder, denen er Kuchen und Geschenke von der Frau hatte besorgen lassen, da er in Frankfurt keine Zeit zum Einkauf hatte. Was er in Frankfurt monatelang entbehrt um des Vaterlandes willen, ermaß er hier erst, da er sich wieder umringt sah von seinen fröhlichen Kindern, im Frieden des eigenen Hauses. Und die Größe der Opfer, die er gebracht, würdigen wir erst in ihrem vollem Maße, wenn wir von ihm hören, wie leidend er die Gattin wieder sah nach ihrem langen Krankenlager. Ihr mochte er nur mit tiefem verhaltenen Schmerz ins Auge blicken. Am 29. August, nach seiner Rückkehr nach Frankfurt, schrieb er darüber an Mutter und Schwestern: „Jenny hatte sich mühsam und eben wieder etwas erholt, war aber noch keineswegs wieder gekräftigt. Meine Vermuthung, daß sie die Auszehrung habe, bestätigt sich, und ich weiß wahrlich nicht, ob ich es preisen oder beklagen soll, daß ich hier bin. Zeuge einer Krankheit zu sein, die mit furchtbarer Langsamkeit den Menschen aufreibt, ist entsetzlich; fern zu sein, ist um so entsetzlicher, als bei der Zunahme der Kraftlosigkeit die Kinder natürlich verwildern und den Vater doppelt bedürfen“. Glücklicherweise war diese Befürchtung irrig. Aber für die Schätzung der Pflichterfüllung, die Blum dem Vaterland leistete, ist dieser Umstand von entscheidender Bedeutung.[202]

Natürlich durfte Blum auch in Leipzig nicht hoffen auf ein idyllisches Stillleben im Familienkreise. Tag und Nacht nahmen die politischen Freunde den Volksmann in Beschlag mit Versammlungen, Volksfesten, Ehrenbezeugungen aller Art. Was immer das Herz des Mannes mit Stolz und Freude erfüllen kann, hat damals Leipzig seinem Abgeordneten geboten. Noch heute leben jene Festestage, die Robert Blum von der ganzen Bevölkerung der Stadt dargebracht wurden, in der Erinnerung des Volkes, namentlich der gewaltige Fackelzug, der an seinem bescheidenen Hause in der Eisenbahnstraße vorüberwallte, über eine Stunde lang, mit zehntausend Fackeln. Noch unvergessener ist die Rede, die Blum am 16. August 1848 im Garten des Schützenhauses vor zehn- bis zwölftausend Hörern hielt. Er gab hier einen Rechenschaftsbericht über sein Verhalten im Vorparlament, im Fünfzigerausschuß und der Paulskirche. Kaum konnte ein Redner besser und klüger sprechen, der den Zweck verfolgte, die in sich verfeindeten Freunde wieder zu einigen und alle Kreise der Bürgerschaft Leipzigs, welche während der langen Abwesenheit des Abgeordneten seinen Gegnern ihr Ohr geliehen, wieder zu sich heranzuziehen in dem alten Vertrauen. Auch seine Gegner mußten zugestehen, daß diese Rede durch ihre maßvolle Ruhe und ihre loyale Erklärung, sich den Beschlüssen der Mehrheit des Parlamentes unterzuordnen, alle ihre Erwartungen übertroffen habe. Blum sagte:

„Ich beginne damit, daß ich nach langer Abwesenheit einen herzlichen Gruß an Sie richte, den Gruß, den man den Seinen bringt (Stimmen: es lebe Blum!) bei endlichem Wiedersehen. Denn was wäre unser Sein und unser Wirken, wenn wir uns nicht als eine Familie mit den Bürgern betrachten wollten, die wir zu vertreten die Ehre haben? Eine gewaltige Zeit ist in unserm Vaterlande dahingegangen, seit wir uns nicht gesehen. Ein Theil des sächsischen Volkes hat mich gesendet zu dem Vorparlamente in einer Zeit, die einzig in ihrer Art dasteht und noch unermeßlich ist in ihren Folgen. Vom ersten Augenblicke an habe ich mir die Richtschnur für mein Thun gezogen, die, wie ich meine, der Wichtigkeit der Aufgabe entsprach, und ich kann mir das Zeugniß geben, derselben treu geblieben zu sein. Diese Richtschnur war Nichts anderes, als eine Feststellung und Sicherung der Rechte, die das deutsche Volk zwar im Sturme erobert, aber doch nicht so, wie in andern Ländern mit dem Umsturze alles Bestehenden. Groß stand es da in der Art und Weise, wie es die Revolution auf dem Wege des Gesetzes geltend zu machen strebte; auf dem Wege nicht des alten, sondern des neuen Gesetzes, welches seine Vertreter, die es direct und ohne ängstliche Formen gewählt, schaffen und feststellen sollten.

In diesem Gesetze sehen meine Genossen und ich die Bürgschaft der Einheit unsers Vaterlandes, basirt auf die einzig dauernde Grundlage der Freiheit, durch welche die Größe und Kraft eines Volkes allein wachsen und gedeihen kann. Nur durch die Freiheit glaubten wir die Einheit und mit ihr das Vertrauen, die Wiederkehr des Geschäftsverkehres, der Arbeit und des Wohlstandes herstellen und so eine neue Ordnung an die Stelle des alten Zustandes gründen zu können. Dies zu erzielen, erachteten für den Staat und das Wohl des Staates wir vor allem die Feststellung der Grundrechte des deutschen Volkes im Vorparlamente für nothwendig, wie alle Völker sie festgestellt haben bei ihrer Erhebung. Es war daher der erste Beruf derer, die man die Linke nennt, dem deutschen Volke vor allem diese Rechte zu sichern vor jedem Wechselfalle und auf sofortige Berathung dieses Gegenstandes zu dringen. Allerdings kann man nicht läugnen, daß die Gründe gewaltig und gewichtig waren, welche eine Verhandlung zu verschieben riethen, die nicht nur Tage, sondern Wochen bedurfte, wenn die Materialien mit Umsicht und Sorgfalt geordnet werden sollten und man konnte nicht verkennen, daß das Vorparlament sich für permanent erklärte, bis eine gewählte Volksversammlung es ablöse. Der Vorschlag fiel durch, und ich bekenne, daß es mich mit Freude und Stolz erfüllt, zu den 193 gehört zu haben, die für die Permanenz stimmten; es ist jetzt nicht mehr blos mein Urtheil, sondern das Urtheil Deutschlands geworden, daß Vieles nicht so gekommen wäre, wenn die Versammlung zusammenblieb; daß die Sonderinteressen der Dynastien und der Partikularismus nicht ihr Haupt erhoben haben würden, wie jetzt; daß man früher binnen 6 Wochen erzielt haben würde, wozu man jetzt so viele Monate gebraucht und doch am Erfolge zweifeln muß. Dieser Sinn lag in dem Antrage auf — Permanenz; man beschäftigte sich indessen nur mit der Berufung der constituirenden Versammlung.

Es handelte sich nun darum, daß die Wahlen zu dieser Versammlung so allgemein als möglich wurden, damit eine wahre Volksvertretung nach Frankfurt komme; in diesem Sinne habe ich für das Wahlgesetz gewirkt, welches zwar für unsere Verhältnisse so freisinnig wie möglich war, welches uns aber doch gelehrt hat, daß man in solchen Dingen auch an das Einzelnste denken muß. Die engherzige Auslegung der Bestimmungen dieses Wahlgesetzes in einzelnen Staaten, die Verkürzung des Wahlrechtes für einen großen Theil unserer Mitbürger hat uns reiche Erfahrungen machen lassen; sie werden nicht verloren sein für das Wahlgesetz für die Reichsvertretung und man wird hoffentlich in demselben dem ganzen Volke gerecht werden. — Vom Vorparlament wurde mir die Ehre zu Theil, in den Ausschuß gewählt zu werden, welcher über die Ausführung der Beschlüsse desselben wachen, die allgemeinen Wahlen befördern und die baldigste Berufung der constituirenden Versammlung vermitteln sollte. Dieser Ausschuß stellte sich zur Aufgabe, mit gleicher Entschiedenheit gegen die Reaction wie gegen die Anarchie einzuschreiten und ist dieser Devise getreu geblieben bis an sein Ende. Er hat mit Unerschrockenheit der Reaction sich entgegengestellt, wo sie sich blicken ließ und hat den drohenden Bürgerkrieg verfolgt, bis in sein Waffenlager. Ich habe, wie die Verhandlungen zeigen, beiden Richtungen die Unterstützung angedeihen lassen, die in meiner Kraft stand. Wir haben allerdings vergebens versucht, der engherzigen Auslegung des Wortes „selbstständig“ entgegen zu treten, vergebens versucht, andere Wahlen zu erzielen, wo man dieselben gegen das Wahlgesetz beengt und beschränkt hatte; der Drang des Augenblicks war so groß, daß man hin und wieder durch die Finger sehen mußte, um nur das Ganze zu Stande zu bringen. Der Fünfziger-Ausschuß hat mir, wie Ihnen bekannt sein wird, die Ehre zu Theil werden lassen, mich als Commissär nach Köln, Koblenz, Aachen u. s. w. mit andern Mitgliedern zu senden, wo schwere Gewaltthaten, die niemals zu rechtfertigen oder zu billigen sind, die Ruhe und den Verkehr störten; ich habe mich bestrebt, nach Kräften die Einheit, das Recht, den Frieden zu befördern und diejenigen, welche mich gesandt hatten, waren mit mir zufrieden. — Wir haben, allerdings eine kleine Minderheit, bis zu dem letzen Mittel dagegen gekämpft, daß die Eröffnung der National-Versammlung vom 1. zum 18. Mai verschoben wurde, da jeder Tag ein verlorener war und Gefahren für das Vaterland herbeiführen konnte; es war vergebens.

In der National-Versammlung war es ebenfalls die früher angedeutete Richtschnur, die meine Freunde und mein Wirken bestimmte: daß dieses Jahrhunderte lang zerrissene, zersplitterte und dadurch tief gesunkene Deutschland Eins werde; Eins auf der Grundlage der Freiheit, und daß des schwer gedrückten Volkes Last, so weit es die großen Bedürfnisse einer Revolution zulassen, gemindert und gelindert würde. Und ich wiederhole, ich glaube nicht, daß wir in irgend einem Schritte von diesem Pfade gewichen sind. Was die Einheit unseres Vaterlandes zu stören drohte, das haben wir bekämpft. Als man in mehren Staaten constituirende Versammlungen berief, namentlich in den zwei größten Staaten unseres Vaterlandes, haben wir darin Gefahr für die Einheit gesehen, wir haben gefürchtet, daß, wenn man in Berlin und Wien etwas Anderes beschließe als in Frankfurt, mindestens in langen Verhandlungen die Zeit verloren, oder gar ein Zerwürfniß herbeigerufen werden könne, was ewig beklagenswert sein würde. Aus dieser Ansicht entspann sich die Verhandlung über den Raveauxschen Antrag, in Folge dessen die Nationalversammlung die Bestimmungen der Einzelverfassungen, welche mit der allgemeinen Verfassung in Widerspruch stehen, für ungültig erklärte. Gefährlich für die Einheit erachteten wir es, wenn es einzelnen Staaten gestattet sei, Friedensschlüsse nach eigner Willkür abzuschließen, weil dann leicht das Interesse dieser einzelnen Staaten dem der Gesammtheit vorgezogen werde, oder der Friede geschlossen werden könne, bevor es Zeit sei. Daran knüpfte sich die Verhandlung über die schleswig-holsteinische Angelegenheit und der Antrag,

daß kein Friedensschluß und kein Waffenstillstand ohne die Genehmigung der National-Versammlung geschlossen werden dürfe;

ein Antrag, der leider damals durchgefallen ist, obgleich man fast mit Nothwendigkeit darauf eingehen mußte, da es keine andere Vertretung Deutschlands gab. Für nicht weniger gefährlich hielten wir die Centralgewalt, so wie sie geschaffen worden ist, mit einem unverantwortlichen Reichsverweser an der Spitze. Wir fürchteten, daß ein solcher fürstlicher Reichsverweser in souveräner Stellung den alten Streit zwischen Hohenzollern und Habsburg wieder erneuern könne; daß das Institut, welches den Mittelpunkt der Einheit bilden sollte, den Anlaß zum Zwiespalte zu geben geeignet sei. — In diesem Augenblicke ist es nicht mehr nöthig zu sagen, daß die Furcht wohl begründet war. Sie haben in den letzten Wochen gesehen, wie stark diese Eifersucht ist, und Erscheinungen sind zu Tage gekommen, die man vier Monate nach der Revolution für unmöglich hätte halten müssen.

Wir wollen hoffen, daß der Gedanke der Einheit stark genug ist, diese Sondergelüste zu bewältigen; aber das muß ich aussprechen daß ich glaube, eine Centralgewalt, wie ich sie gewollt, war nicht im Stande, die Eifersucht in dieser Weise rege zu machen. Wir wollten nicht mit Kartätschen schießen, wo uns die Handwaffe zu genügen schien; in dem Vertrauen, daß es den Regierungen ernst sei um die Freiheit und Einheit, wollten wir die Centralgewalt beauftragt sehen mit der Vollziehung der Beschlüsse der National-Versammlung, wir wollten keine Regierung mit Ministern und Unterministern, sondern nur einen Vollziehungsausschuß, der die Regierungen völlig unangetastet ließ, sofern sie ihren Versprechungen treu blieben. Erst dann, wenn die Verfassung fertig geworden war, wenn die Regierungen einsehen konnten, was die Einheit von ihnen forderte, und was ihnen bleiben sollte; wenn sie Ruhe und Sicherheit hatten, hinsichtlich der Gewährleistung des Bleibenden, dann wollten wir eine wirkliche Staatsgewalt für das Ganze schaffen. Wir sind unterlegen und haben jetzt im Interesse unseres Vaterlandes einen Wunsch nur: daß die Mehrheit diesen Schritt niemals bereuen möge! dann werden wir gern gestehen, daß wir uns geirrt haben.

Allein leider können wir uns nicht verhehlen, daß die Sondergelüste gewaltig sich regen; nicht blos in einem großen deutschen Staate, auch rückwirkend auf Frankfurt, in der National-Versammlung.

Ich habe die Ehre, dem Verfassungsausschusse anzugehören und mit Schmerz muß ich es sagen, auch dort thut sich bereits die gewaltige Wirkung der Sonderbestrebungen kund. Sie werden sich Alle erinnern, daß in den Tagen des März schon die süddeutschen Staaten zusammentraten, um an die Neugestaltung Deutschlands Hand zu legen; daß man damals als das Mindeste der Einheit die Vertretung Deutschlands nach Außen, das Militärwesen, die Zölle, die Posten, Münze, Maß und Gewicht u. s. w. in die Hand des Reichs gelegt wissen wollte. — Die sächsische Regierung, die sich zuvorkommend und bereitwillig, wie so oft bei den Forderungen der Neuzeit, diesen Vorschlägen anschloß, gab denselben die Verstärkung ihrer Zustimmung und mit derselben wurden sie in den Märztagen nach Berlin gebracht und von dort haben wir bald die Nachricht zurückerhalten, daß man diese Grundlage als nothwendig anerkenne. Das ist ganz anders geworden. Man will das Militärwesen Sache des Einzelstaates sein lassen. Ja, man will so weit gehen, die Abtretung der Vertheidigungsmittel, der Festungen, abhängig zu machen davon, daß man sie erst bezahlt, ehe man sie zum Schutze Deutschlands verwenden kann. Dies sind Erscheinungen, die ihren Wiederhall in der National-Versammlung finden werden, wie sehr auch die Minderheit dagegen kämpfen mag. Daß es aber nur eine Minderheit ist, ist um so trauriger, als 3 Staaten ihre Heere behalten sollen, Oesterreich, Preußen und Bayern, während man die kleineren entwaffnen will. Wenn ich es auch niemals für ein Glück gehalten habe, daß die kleineren Staaten große Heere halten, so kann ich doch, wenn die Einheit wirklich nur ein schöner Traum gewesen sein sollte, es nimmermehr zugeben, daß die kleineren Staaten den Abrundungs- und Vergrößerungsgelüsten der größeren, oder dem fast nothwendigen Bestreben einer den großen Staaten gegenüber ohnmächtigen Centralgewalt nach eigener Macht wehrlos preisgegeben werden. Sie haben so viel Recht wie die großen und sollen nur sie Opfer bringen, dann werde ich ihr Recht vertreten, wie die großen das ihrige vertreten lassen. (Lauter Beifall.)

So viel also über das Bestreben nach Einheit.

Was die Freiheit des Volkes betrifft, so haben wir die Vermehrung der Militärmacht für gefährlich gehalten. Nicht daß wir im Soldaten etwas Anderes sehen als im Bürger, im Gegentheil, keinen innigeren Wunsch kenne ich, als den, welchen ich schon im März in diesen Räumen ausgesprochen, daß recht bald die Scheidewand falle, die zwischen dem Soldaten und uns noch gezogen ist. Aber ich habe nicht vergessen, daß gleich von Anbeginn der Bewegung an der laute Ruf erschallte, daß die stehenden Heere vertauscht werden sollten mit einer Volksbewaffnung, und daß diese Volksbewaffnung so schnell wie möglich in’s Leben treten möge. Allerdings, so lange Deutschland von irgend einer Seite bedroht ist, schrecken wir nicht zurück vor dem Gedanken, daß die stehenden Heere im Nothfalle vermehrt werden müssen bis zu dem Punkte, wo der letzte waffenfähige Mann eintritt; allein wir schaffen nicht für den Augenblick und die stehenden Heere müssen gesetzlich, wenn nicht abgeschafft, doch vermindert werden bis auf den Punkt, wo es gewissermaßen die Rahmen sind, in welchen die Volksbewaffnung eintritt, wie in der Schweiz und in Nordamerika, und in diesem Sinne habe ich gegen die Vermehrung der stehenden Heere gestimmt. Daß stehende Heere häufig ein Werkzeug der rohen Gewalt und der Tyrannei sind, darüber zu sprechen ist überflüssig: auch wäre es ungerecht, dem Soldaten die Schuld beizumessen, wenn er am Bürger Schweres verübt hat; wir müssen nur trachten, daß der Unterschied zwischen Soldaten und Bürger wegfällt, und daß dem Soldaten sein heiliges Recht gewährt werde wie uns; jetzt entzieht man ihm dasselbe, behandelt ihn gar noch wie eine Maschine, verkümmert ihm das Petitions- und Versammlungsrecht und zeigt damit, daß man den Soldaten im alten Zustande lassen und zu den alten Gewaltzwecken mißbrauchen will. Und dies ist ein neuer mächtiger Grund, gegen die Vermehrung des alten Soldatenthums zu stimmen. Endlich werden auch die Kosten des Heeres weit geringer, wenn jeder Waffenfähige geübt wird in den Waffen, aber nicht mehr mißbraucht wird zum Soldatenspiel, zu Parademärschen und Manövern, die dem Müssiggänger zum Vergnügen dienen: sondern zu Uebungen, welche Ausbildung und Wehrtüchtigkeit zum Zwecke haben.

Ich hielt ferner dafür, daß die Centralgewalt auch der Freiheit gefährlich sei — weil man die Spitze derselben mit einem unverantwortlichen Herrscher besetzte. Eine ganz neue Staatsweisheit hat uns zwar gesagt, wir hätten verschwiegen oder übersehen, daß dessen Räthe verantwortliche Minister seien; allein auf dieser Stufe politischer Kindlichkeit stehen wir nicht, daß wir dieses übersehen hätten. Die Verantwortlichkeit der Minister versteht sich von selbst und nicht die Unverantwortlichkeit selbst war es, gegen die wir kämpften, sondern der Kaiserembryo, welcher darin lag; die Schöpfung einer neuen Fürstengewalt, die wir nicht an der Spitze des Staates haben wollten (Beifall). Wenn dieser Gegenstand nützliche Folgen gehabt, so ist es die, daß nach Ernennung des Reichsverwesers die Kaiser-Idee gestorben ist. Selbst in den Köpfen derer, die sie geschaffen haben, ist sie als beseitigt zu betrachten.

Gestatten Sie mir hier eine Abschweifung. Durch den Vorschlag des Vollziehungs-Ausschusses hat man uns republikanischer Tendenzen beschuldigt; wir hatten dieselben zwar für den vorliegenden Fall nicht, aber ich hege die Ansicht, daß nur die republikanische Regierungsform für den Gesammtstaat gut und heilsam ist. Wir wollen das Vaterland nicht auf’s Neue den Stürmen preisgeben, welche seine Kaiser Jahrhunderte lang über dasselbe heraufgeführt haben; wir wollen nicht, daß das Kaiserthum mißbraucht werde zur Erwerbung und Verstärkung einer sogenannten Hausmacht, oder daß die Hausmacht dazu diene, die Einzelstaaten zu knechten; wir wollen nicht, daß die höchste Stelle im Staate der Zielpunkt sei für den Ehrgeiz, und trachten deshalb diese Spitze so schlicht als es irgend möglich ist, hinzustellen; so hinzustellen, daß sie nur das Nöthige thut, in dem Wechsel der Versammlungen gar keine Veranlassung findet, in das einzugreifen, was außer ihrem Bereich bleiben muß. — Wir wollen also die Republik an der Spitze des Gesammt-Staates (Bravoruf). Aber indem wir dieselbe wollen, weisen wir es entschieden zurück, daß wir jemals die Hände an die Umgestaltung der Verhältnisse in den Einzelstaaten legen wollen, das hielten wir für ein Unglück und für eine Thorheit. Unser Vaterland ist der Art construirt, daß seine Stämme selbstständig bleiben müssen; darin beruht sein schönstes Leben. Und es giebt keinen Menschen in Deutschland, der, wenn er es könnte, die Thorheit begehen würde, in die Verhältnisse der einzelnen Staaten zu Gunsten republikanischer Formen einzugreifen. Wer möchte verkennen, daß die Verschiedenheiten so ungeheuer sind, daß es schwer fällt, die einzelnen Grundpfeiler für einen gemeinsamen Bundesstaat aufzustellen. Wie sollte man dem Ganzen eine Form aufzwingen wollen, die nur aus der freien Entwickelung der Theile hervorgehen kann? Nein, meine Mitbürger! Es ist eine Lüge, die uns an die Schöpfung einzelner Republiken hat denken lassen; wir würden die Ersten sein, die sich dem Bestreben einer ganz republikanischen Nationalversammlung, in die einzelnen Staaten einzugreifen, widersetzten. (Vollster Applaus.)

Was das von mir bezeichnete Streben betrifft, die Lasten des Volkes zu erleichtern, so ist besonders unsere Abstimmung vielfach im Vaterlande angefochten worden, nach welcher wir nicht sofort 6 Millionen zum Baue einer Flotte bewilligen wollten. Daß Niemand die Vertheidigung Deutschlands gegen einen übermüthigen Feind weniger hemmen möchte, als wir, das bedarf keiner Versicherung; aber wir glaubten den Antrag stellen zu müssen, daß man von Seiten der Bundesversammlung erst Rechnung ablegen solle über die ungeheuern Summen, welche zum Festungsbau geliefert wurden und die nach Versicherung Sachkundiger noch sehr bedeutende Baarschaften übrig gelassen haben mußten. Diese Baarschaften schienen uns zuerst zur Vertheidigung Deutschlands angewendet werden zu müssen und eine Besteuerung des Volkes erst gerechtfertigt, wenn sie erschöpft waren. Das war der Grund, warum wir für den Augenblick gegen die Bewilligung gestimmt haben, und wir werden auch ferner darauf dringen, daß der Schleier gehoben werde, welcher auf dem Haushalt des Bundestages ruht. Die Volkswohlfahrt war auch ein Grund, besonders im Hinblick auf die kleinen Staaten, daß wir gegen die Vermehrung des stehenden Heeres stimmten.

Zwar hat man gesagt, die einzelnen Staaten trifft es nicht so schwer, sie haben nur im Verhältniß ihrer Bevölkerung das Heer zu vermehren. Allein das ist falsche Darlegung: die kleinen Staaten trifft es außerordentlich, es trifft sie fast allein. Die großen, z. B. Preußen, haben viel mehr Truppen als Prozent ihrer Bevölkerung, Bayern besitzt gegenwärtig 72,000 Mann und hat also nur 18,000 zu stellen, wenn es sie auf 2 Prozent der Bevölkerung bringen soll, d. h. nur um ein Fünftel hat es sein Militär zu vermehren, während unser Sachsen dasselbe verdreifachen muß. Meine Genossen und ich, wir wollen nicht, daß die kleinen Staaten ebenfalls an den Rand des finanziellen Verderbens geführt werden, an dem Oesterreich und Preußen stehen. Und die Militärvermehrung führt dazu. Wir haben ferner erst in der vorigen Woche dagegen gestimmt, daß dem Präsidenten der National-Versammlung eine jährliche Besoldung oder vielmehr Entschädigung für Repräsentations-Aufwand von 24,000 Gulden bewilligt werde; nicht weil wir knickern um diese höchste Stelle, welche das Volk zu vergeben hat, oder weil wir die Verdienste des Präsidenten gering achten, sondern weil wir meinen, daß die neue Zeit den unsinnigen Repräsentations-Aufwand nicht mehr braucht, daß gerade der Präsident an Einfachheit und Sparsamkeit vorangehen sollte, daß jedenfalls die Hälfte, 12,000 Gulden genügte, und daß die hohe Bewilligung jetzt doppelt gefährlich sei, wo 6 neue Minister, 12 überflüssige Unterminister und eine Anzahl anderer Reichsbeamte zu besolden sind, die ihre Ansprüche alle nach dieser Bewilligung richten werden.

Daß ich im Verfassungs-Ausschusse für die Freiheit, wie für die Erleichterung des Volkes gewirkt, geht aus den zahlreichen Minderheits-Gutachten hervor, die ich mit wenigen Freunden unterschrieben und wofür wir im Ausschuß wie in der Versammlung gekämpft haben. Ebenso ist von uns der Antrag ausgegangen, die Hindernisse zu entfernen, die dem Handel und Verkehr entgegenstehen, die Flußzölle und alle Hemmungen im Innern. Dieser Antrag ist noch nicht zur Berathung gekommen, er liegt dem volkswirthschaftlichen Ausschusse vor und es wird hoffentlich nicht lange Zeit vergehen, bis er zur Verhandlung kommt. Das sind in weiten und einfachen Linien die Gegenstände, mit denen wir uns bis jetzt beschäftigt, ich werde dankbar sein, wenn man mich an Vergessenes erinnert und einzelne Punkte aushebt, worüber ich Aufschluß geben soll.

Werfen wir nun noch einen Blick auf die auswärtige Politik, wie sie von meinen Gesinnungsgenossen und mir aufgefaßt wird. Was diese Angelegenheit betritt, so haben wir in unserm Vaterlande eine unglücklichere Stellung als irgend ein anderes Volk nach Osten und Westen einnimmt. Wir haben fremde Völkerstämme, die seit langer Zeit mit uns verbunden sind und es im Interesse der Grenzen, der Sicherheit und der Vertheidigung Deutschlands bleiben müssen. Andere sind durch das Loos des Kriegs, der Eroberung oder einer gewissen- und herzlosen diplomatischen Landeszerbröcklung mit uns vereint, die es nicht nothwendig bleiben müssen. Was die Ersten betrifft, so haben diese fremden Volksstämme lange unter der Unterdrückung der Deutschen geseufzt, so daß der Name deutsch und tyrannisch bei ihnen gleichlautend geworden ist. Es ist kein Wunder, wenn sie uns hassen, denn wir haben diesen Haß nicht verschuldet aber verdient; es ist ein fluchwürdiges Erbtheil der Freiheitsfeinde. Wir müssen diese fremden Stämme zu versöhnen suchen und wir haben dahin getrachtet dies zu thun. Gerade von unserer Seite ist der Antrag ausgegangen, daß die Nationalversammlung die Erklärung gebe, daß außer dem Genusse aller Rechte, die wir uns selbst sichern, den fremden Stämmen auch ihre Sprache und Nationalität gesichert sei. Die Nationalversammlung hat diese Erklärung fast mit Stimmeneinheit gegeben und das wird zur Beruhigung dienen und besser wirken als die Waffen. Wenn jene Stämme sich aussöhnen mit ihrem Loose, dann würden sie die Verbindung segnen und preisen, und wahrlich, sie werden nicht dem schlechtesten Theile von Deutschlands Bewohnern angehören. Für diese Stämme nehmen wir also die Rechte der Freiheit in Anspruch, wir erkennen ihnen das Recht zu, sich selbstständig zu entwickeln und mit uns Eins und frei zu werden. Den Völkern aber, welche nicht mit uns verbunden sein müssen, die eine Unterdrückungspolitik uns zugeführt, erkennen wir das Recht der Befreiung, der Trennung zu. Das heißt aber nicht, daß wir nur mit vollen Händen zum Fenster hinauswerfen, was wir besitzen, oder die Interessen des eigenen Landes verkennen, um andern zu dienen. Wir wollen nur auf dem Wege des Friedens und Vertrauens die Geschicke unseres Vaterlandes sich entwickeln sehen und die große, so selten von Nationen geübte Tugend: Gerechtigkeit üben, ohne welche keine dauernde, keine Freiheitsschöpfung gedeihen kann.

Wir halten diese Politik jetzt für um so nothwendiger, als wir unser Vaterland nicht in einen Krieg stürzen mögen, der das Elend, welches da und dort herrscht, vergrößert und mit der Freiheit den Wohlstand vernichten kann auf sehr lange Zeit. Wir halten es für leichtfertig und verbrecherisch, wenn man in dem Augenblick, wo die innere Grundlage des Staates völlig erschüttert ist und umgestaltet werden muß, auch die Verträge übermüthig zerreißt, auf welchen die Beziehungen der Nationen zu einander beruhen wir halten es für schmachvoll, wenn ein Volk in seinem ersten Aufstreben zur Freiheit in die Fußtapfen der alten Tyrannei tritt und mit bloßer Gewalt Länderscheidungen ohne Prüfung und Kenntniß der Dinge vornimmt. Die letztere haben wir verlangt und werden sie ewig verlangen zur Ehre des deutschen Stamms. Wir sind ferner überzeugt, daß der Volkswohlstand nicht gedeiht, so lange der sogenannte bewaffnete Friede dauert und die Länder von unermeßlichen Heeren ausgesogen werden, und deshalb wollen wir eine Verbrüderung angebahnt sehen zwischen den freien Völkern des Westens, zwischen Deutschland, England und Frankreich, gegen den Osten, der jetzt noch freiheitsfeindlich ist. Nicht daß man ein Bündniß um jeden Preis schließen soll, dies wäre Thorheit! Nein, nur die Bedingungen soll man herbeiführen, den gestörten diplomatischen Verkehr herstellen und so die Möglichkeit anbahnen. Die Länder können und werden nicht aufblühen, so lange der Friede nur auf den Spitzen der Bajonette und der gegenseitigen Beobachtung, dem allgemeinen Mißtrauen ruht. Die Freiheit erobert nicht und will nicht erobern, die Herrschgier und Tyrannei nur will erobern und immer mehr Macht erwerben nach Innen und nach Außen. Die Freien brauchen sich gegenseitig nicht zu bewaffnen, sie nehmen nur die freie innere Entwickelung in Anspruch für sich, und in dem Augenblicke, wo sie sich verbunden, ist wirklich der ewige Friede gesichert, wie man sich jetzt auch anstrengt, es zu verhindern, von diesem Augenblicke an datirt uns eine bessere Zeit in der Wahrheit und Wirklichkeit.

Soll ich schließlich noch darüber sprechen, daß ich auf der Linken sitze? (Zuruf: Nein, nein!) Ihretwegen thue ich’s nicht, es hieße Sie beleidigen; aber ich thue es, weil wir jetzt überall zum ganzen Volke sprechen. Müßte ich doch meinem ganzen Leben und den Genossen meiner politischen Laufbahn treulos geworden sein, wenn ich nicht auf der Linken säße. Auch ist es kein Geheimniß, unter welchen Einflüssen die Wahlen zur Nationalversammlung zu Stande gekommen sind und aus welchen Elementen ihre Mehrheit besteht. Ja, ich sitze auf der Linken, wo, das sage ich kühn, wo das Herz des Volkes und wo das Herz für das Volk schlägt. (Applaus.) Es ist Einem wahrlich nicht leicht gemacht, auf der Linken zu sitzen, es gehört Stärke und Ueberzeugungstreue dazu, sitzen zu bleiben. (Applaus.) Es blühen daselbst keine Reichsministerien und keine Staats- und Unterstaatssecretariate (Applaus), auch keine Lorbeern, sondern eher Niederlagen, und diese selbst dürfen nicht einmal den natürlichen Eindruck machen, daß sie ermatten, sondern sie müssen zu immer neuen Kämpfen anspornen. Nicht einmal Lob und Anerkennung gebührt uns, denn die Presse, obgleich sie frei geworden ist, ist zum größten Theil noch in den Händen, in welchen sie sich unter dem alten Systeme allein befinden konnte, und diese sind uns nicht hold. Vergessen Sie nicht, daß außerdem drei Viertheile der Artikel schon der Zahl nach gegen uns geschrieben werden und nur ein Viertheil für uns ist. Aber man muß auch die Auswüchse der Preßfreiheit ertragen, und wir ertragen sie freudig, im Bewußtsein, daß wir unsere Pflicht thun, und indem wir zum gesunden Menschenverstande das Vertrauen hegen, daß die Gemeinheiten feiger und niedriger Gesinnung spurlos an ihm vorüber gehen. (Beifall.) Selbst dem Hohne vieler Krautjunker bieten wir Trotz und verlachen ihre Forderungen (großer Beifall); besteht doch oft ihre einzige erbärmliche Fähigkeit darin, daß sie eine Kugel abschießen können. Ja, ich sitze auf der Linken, mit hohem Stolz sage ich das, denn noch nie hat die Rechte, die Mehrheit, die Geschichte fortgeschoben, stets die Linke oder die Minderheit: Für die Aufhebung der Sclaverei hat sie 22 Jahre lang gerungen, ehe sie zur Mehrheit wurde; ein Gleiches war es mit der Emancipation der Katholiken, der Reformbill, den Korngesetzen u. s. w. Die Linke hat eine reiche Entschädigung für Alles, was sie duldet, in dem neidenswerthen Loose, daß der Gedanke der Zukunft wie ein Kind geboren wird in ihrem Schooße, und sie sich groß fühlt in ihm, ehe die Welt ihn erkennt; sie weiß, daß der Mensch nicht lebt für diese Welt; daß dem Gedanken eine Zukunft werden muß, und daß ihr Thun nicht verloren ist, wie sich auch die Erfolge des Augenblicks gestalten.

So, meine Mitbürger! habe ich Ihnen gesagt, was ich bisher gethan und ich werde so fortfahren (Applaus), die nächste Zeit wird mir in Frankfurt auch Gelegenheit geben, für das Wohl unserer Vaterstadt zu wirken, indem ich die beantragte Veränderung der Schutzzölle bekämpfe, die nach meiner Ueberzeugung den Handel und die Blüthe Leipzigs fast vernichten und zu Grunde richten würde. Ich will der Freiheit, die das Lebenselement für jede Regung des politischen wie des socialen und mercantilen Lebens ist, auch auf diesem Gebiete das Wort reden und auch hier das Monopol bekämpfen, nicht weil es für Leipzig, sondern weil es für die Freiheit geschieht. (Beifall.)

So also werde ich fortfahren, fest hinblickend auf das Ziel, wie der Weise nach dem Sterne geblickt hat, der ihm das Heil der Welt zeigen sollte. Ich werde festhalten an der Einheit, die ruht auf der Freiheit, an der einzig haltbaren Grundlage und an der Beförderung des Volkswohls nach meinen Kräften.

Kein Mensch ist fehlerfrei und auch ich kann irren. Freudig und dankbar nehme ich jede Belehrung an. Aber die Grundzüge meines Handelns stehen fest und ich werde nicht von ihnen wanken. Handelt die Mehrheit der National-Versammlung nach meiner Ansicht dagegen, so werde ich dem mich widersetzen bis zum letzten Augenblicke und bis zum letzten parlamentarischen Mittel. Das ist ein schlechter Soldat, der nicht die letzte Kugel forttreibt in Feindes Brust, ehe er sich zurückzieht. Aber das ist auch ein schlechter Soldat, der sich zurückzieht vom Schlachtfelde, weil er eine Niederlage erhalten hat. (Allgemeiner Applaus.)

Es ist in Frankfurt kein Geheimniß, daß man die Linke dahin treiben will, die Paulskirche zu verlassen. Die Linke wird sie nicht verlassen, sie wird bleiben und aushalten, wie auch der Würfel fallen möge, mag sie auch unterliegen, sie wird immer auf’s Neue kämpfen für ihre Ansicht. Aber sie wird und muß sich auch fügen der Mehrheit und ihren Beschlüssen. Was einmal die Mehrheit gewollt hat das ist Gesetz, und die Linke wird dasselbe anerkennen als heiligen Willen der Nation, deren Vertreter es gegeben. So ist die Stellung der Linken, und wenn auch verschiedene Fractionen darin vorkommen, so sind dieselben doch in Wollen und Streben, in Grundsätzen und in Zielpunkten eins. Daß ich von der einen dieser Fractionen zur andern übergegangen, ist ein Irrthum; ich habe noch dieselbe Parteistellung, die ich von Anfang an hatte: die Linke hat mir die Ehre erwiesen, mich mit zu dem Vorstand zu wählen, der ihre taktischen Bewegungen, wie ihre Clubverhandlungen leitet, und ich bin das heute noch. (Großer Beifall.) Und so scheide ich von Ihnen, geehrte Mitbürger, mit der offenen Darlegung meines Bekenntnisses und mit der heiligsten Versicherung, das Wohl des Volkes, die Freiheit und Einheit des Vaterlandes zu vertreten nach Kräften und, wenn es die Zeit erfordert, freudig Gut und Blut dafür aufzuopfern.“

So tief die Wirkung dieser Rede, dieser Feste war, so hat doch Robert Blum’s Reise nach Leipzig ihren wahren eigentlichen Zweck, den nämlich: die mehr und mehr aus einander fallenden demokratischen und fortschrittlichen Elemente Leipzigs und des Landes sämmtlich, wie ehedem, unter Blum’s Führung zu vereinigen und an seinen guten Namen zu fesseln, nicht erreicht. Am wenigsten durfte Blum die Hoffnung nähren, die Gegner überzeugt, die in Leipzigs höheren Bürgerkreisen so erfolgreiche Agitation des „Deutschen Vereins“ durch seine Rede lahm gelegt zu haben. Denn die Führer des „Deutschen Vereins“ in Leipzig sprachen in einer im Tageblatte veröffentlichten „Erklärung“ vom 18. August offen aus, warum sie mit dem Vertreter Leipzigs im Parlament unzufrieden seien und die Versammlung im Schützenhause nicht besucht hätten. Der Vorwurf „undeutscher Gesinnung“, der hier gegen Blum erhoben wurde, war gewiß unberechtigt, aber im Uebrigen traf die kurze Erklärung scharf und schneidend die Fehler seiner Parteipolitik. Blum’s sehr umfangreiche Entgegnung („Offener Brief“) aus Frankfurt vom 25. August 1848 widerlegt mit Glück, was zu widerlegen war, den ungerechten Vorwurf undeutscher Gesinnung. Aber dem Unparteiischen wird kaum entgehen, daß Blum in diesem Federkriege eine Niederlage erlitten hat. Daß ihm selbst nicht ganz wohl dabei war, verrieth seine leidenschaftliche persönliche Sprache im „Offenen Briefe“, die ihm sonst, auch in der Rede im Schützenhause, so fern lag.[203]