Nach unaufhörlichem Widerstreit der Meinungen wurde endlich die Sistirung des Waffenstillstandes, der Ausschußantrag mit 21 Stimmen Mehrheit verworfen[213], mit derselben Mehrheit die Genehmigung des Waffenstillstandes ausgesprochen. Es war gegen neun Uhr Abends geworden. Fast zwölf Stunden waren verflossen seit dem Beginn der Debatten am letzten Tage. „Die Paulskirche rauschte auf in herz- und ohrzerreißendem Toben, in der Versammlung, in den unteren Räumen, auf der Galerie. Unter dem Lärm forderten unheimliche Gestalten nach der Stadtallee zu einer Volksberathung auf; die das Haus verlassenden Abgeordneten der Mehrheit, in der Verwirrung auch die der Minderheit, wurden verhöhnt, beschimpft, in die Flucht getrieben.“ So schildert ein Augenzeuge das Ende dieses Tages.[214] Der Abgeordnete Zell aus Trier, einer der Linken, wurde verkannt und mißhandelt. Der Turnvater Jahn mußte sich vor der entfesselten Volkswuth in einen Winkel der Westendhall bergen. Barbarisch wurde dieses Berathungslocal der gemäßigten Linken verwüstet. Der Minister Heckscher, der in unglaublich taktloser Weise, vom Präsidenten wiederholt zur Ordnung gerufen, an diesem Tage die Linke verhöhnt und verleumdet hatte, war vor der Volksrache nach dem Bade Soden entwichen. Da hier, wie in allen Ortschaften des Taunus, der Zuzug nach Frankfurt gepredigt wurde, floh er weiter gegen Mainz. In Höchst wurde er erkannt und mißhandelt, und er wäre unzweifelhaft ermordet worden, wenn nicht die Ortsbehörde mit seltener Geistesgegenwart seine Verhaftung verfügt und ihn dadurch gerettet hätte.
Daß die im Parlament unterlegene Linke in ihren drei Fractionen, der Westendhall, dem Deutschen Hof und dem Donnersberg mit all diesen Bübereien nichts zu thun hatte, zeigte sich noch am Abend des 16. September. Die drei Zweige der Linken waren zu gemeinsamer Berathung der nun im Parlament zu ergreifenden Schritte im Deutschen Hofe zusammengetreten. Da verlangten Deputationen des „Montagskränzchens“, des „demokratischen“ und des „Arbeitervereins“ in die Versammlung eintreten zu dürfen, um den Abgeordneten persönlich „die Ansichten der Vereine über das Verhalten der Linken mitzutheilen“. Die Abgeordneten der Vereine wurden zugelassen. Sie erklärten und verlangten, die Linke soll sich als selbstständiges Parlament constituiren, da ihr allein das Vertrauen des Volks gehöre. Tausende kräftiger Arme stellten sie zu diesem Zwecke zur Verfügung.
Aber die Linke lehnte diese Rolle entschieden ab. Man werde selbst nach eigenem Gutfinden beschließen. Die erwählten Vertreter des Volks könnten sich keinesfalls von irgend welcher Seite her Vorschriften und Bedingungen machen lassen. Vor Gewaltschritten irgend welcher Art wurden die Mitglieder der Deputation eindringlich verwarnt. Man ließ sie nicht abziehen, ohne von ihnen das bündige Versprechen zu erlangen, daß sie in diesem Sinne zur Beruhigung der Gemüther in ihren Kreisen wirken wollten, nicht ohne daß sie betheuert hatten, an den schmählichen Tumulten und persönlichen Angriffen des Abends sei kein Mitglied der vertretenen Vereine betheiligt. „Mit solchen Bübereien haben wir nichts zu schaffen!“ rief empört der Vertreter des Arbeitervereins[215]. Unter den einflußreichsten Mahnern zur Ordnung war Robert Blum.
Das Schlimmste war: die Männer, mit denen die Linke so offen und energisch sprechen konnte, hatten selbst nicht mehr die Zügel der Bewegung in den Händen, am wenigsten die Männer der Linken selbst. Und einzelne der leidenschaftlichsten Radicalen von der Linken, Zitz und Schlöffel (die berüchtigte „Reichshyäne“), standen mit den meisterlosen, blutdürstigen empörten Massen selbst in innigster Verbindung. Längst war das Band der Zucht und Parteiordnung zerschnitten, das im Frühjahr 1848 Blum um alle diese disparaten Elemente geschlungen hatte. Schon am 24. August hatte der Abgeordnete Kolaczek an Trützschler einen Brief geschrieben, den ich besitze, in welchem er Ruge feiert, daß dieser den Frankfurter Berathungen überhaupt den Rücken gekehrt und sich nach Berlin gewandt habe, und in welchem er Blum verhöhnt: „so daß nur er als[216] conditio sine qua non erscheine, um welche Alles mit mehr oder weniger Bewußtsein kreist“. Anfangs, als die Unversöhnlichen, die reinen Republikaner, von Blum und Vogt sich trennten, erdröhnten die Hallen des „Deutschen Hofes“, in denen die Getreuen Blum’s sich sammelten, von der ungeheuren Heiterkeit, die Vogt’s geistvolle Kneipzeitungen auf Kosten der „linkser“ Stehenden hervorrief[217]. Da wurden z. B. die „Grundrechte der äußersten Linken“ herausgegeben: „die Todesstrafe ist abgeschafft. Die Guillotine wird als Vertheidigungsmittel beibehalten. — Das Betteln ist nur mit bewaffneter Hand erlaubt“ u. s. w. — Aber jetzt hatte man längst aufgehört zu lachen. Die rothe Revolution klopfte an die Thüren der Linken, an die Kirchenpforten von St. Paul!
Diejenigen, welche später die Beschuldigung erhoben haben, Blum und seine nächsten Freunde seien Mitschuldige an den schweren Verbrechen der nächsten Tage, haben sich immer nur auf jenen Artikel der „Reichstagszeitung“ beziehen können, welchen Stavenhagen in der Sitzung des Parlaments vom 20. September zur Verlesung brachte[218]. Man kann dem Abg. Simson (dem späteren ehrwürdigen Präsidenten des deutschen Reichstags) durchaus beipflichten, wenn dieser in einer späteren Stunde derselben Sitzung die volle Verantwortlichkeit für diesen Artikel, auch wenn ihn Robert Blum nicht selbst geschrieben — was nach Stil und Ausdrucksweise wohl zweifellos ist — Blum treffe, da sein Name als Herausgeber auf dem Blatte stehe[219]. Aber freilich in diesen Tagen, wo dem Abgeordneten über sechszehn (Blum meist zwanzig) Stunden Tagesdienst zugemessen waren, mußte an sich schon der Redacteur milder beurtheilt werden. Und vor Allem: was steht in diesem Artikel? Unleugbar eine nicht zu rechtfertigende Schmähung der Mehrheit vom 16. September. „Verräther an der Sache des Volks“ wurden sie genannt; von dem „blutigsten Schimpf“, den sie dem „Volkswillen“ angethan, wurde gesprochen. Aber völlig ungerecht ist die Anklage, daß die Mitglieder der Majorität in diesem Artikel „der Volksrache bezeichnet“ worden seien[220]. Der Hauptzweck desselben ist vielmehr, auf die angeblich ungerechte Leitung des Präsidiums von Gagern, auf die zweifellos parteiische Handhabung der Präsidialgeschäfte von Soiron hinzuweisen. Und wenn man nicht einmal die ungeheure Aufregung, in welcher sich alle Parteien damals befanden, als mildernden Umstand für solche Preßexcesse gelten lassen wollte, so stand doch die Rechte durch die Flugblätter des Abg. Jürgens in Bezug auf persönliche Schmähung und Denunciation ihrer Gegner um keinen Schritt hinter der Reichstagszeitung der Linken zurück. Nur war die Instanz eine andere, an welche die Denunciationen gerichtet wurden — und auch der Erfolg. Herr Jürgens ist unversehrt geblieben. Die Verleumdungen des christlichen Pastors Herrn Jürgens haben Blum mit erschießen helfen.
Diese Anklage gegen Blum erweist sich aber vor Allem ungerecht, wenn man seine Handlungsweise in Betracht zieht in den schweren Stunden, die nun über Frankfurt hereinbrachen. Am Nachmittag des 17. September (einem Sonntag) sammelten sich von 4 Uhr an zehn- bis zwölftausend Menschen auf der Pfingstweide, einem Anger im Nordosten der Stadt. Nur fünf Abgeordnete der Linken waren überhaupt zugegen: Zitz, Schlöffel, Wesendonck, Ludwig Simon und Hentges aus Heilbronn. Von diesen fünf Abgeordneten, die doch Alle der äußersten Linken angehörten, erklärte Hentges mit schönem Mannesmuth: „Wir weisen solche Bundesgenossen zurück, welche die Freiheit der Berathung beschränken und mit Gewalt uns vorschreiben wollen, wie wir zu stimmen haben“.[221] Und Ludwig Simon, der heißblütige Fanatiker der Freiheit, erklärte keineswegs, wie man seine Rede vielfach aufgefaßt, die Versammlung der Pfingstweide solle den Abgeordneten „vor die Häuser und Leiber rücken“, sondern er sagte im Gegentheil: „die Wähler der süddeutschen Abgeordneten können sich doch nicht das Recht beilegen, auch Wähler der norddeutschen zu sein. Warum fordern die norddeutschen Wähler sie nicht auf, ihre Plätze als Abgeordnete zu verlassen? Warum machten sie nicht Demonstrationen in deren Heimath? Warum rücken sie nicht denselben vor die Häuser und Leiber und erklären feierlich: Ihr habt unser Vertrauen verscherzt?“ Gewiß haben Schlöffel und Zitz mit ihrem Verlangen, das Volk müsse jetzt „Fractur schreiben“ u. s. w. auf der Pfingstweide sich sehr unbesonnen und taktlos benommen. Aber aus diesem Verhalten Weniger ist durchaus kein Schluß auf Blum und die Maßvollen der Partei zu ziehen.
Vielmehr zeigte sich schon an diesem Sonntag Abend (17. Sept.), daß Blum und seine Freunde an den Excessen der Pfingstweide völlig unschuldig und dem süßen Pöbel ebenso verhaßt seien, wie irgend eine andere „reactionäre“ Partei. Wiederum war an diesem Abend die ganze Linke (in ihren drei Fractionen) im Deutschen Hofe versammelt. Vogt präsidirte. Die äußerste Linke, der Donnersberg, verlangte, daß die ganze Linke aus dem Parlament ausscheiden, sich als Convent constituiren solle. Der „Deutsche Hof“ unter Blum’s Leitung und die Fraction „Westendhall“ widersprachen. Sie machten geltend, die Linke sei eine parlamentarische Partei und habe ihre Kämpfe nur im Schooße des Parlaments, auf gesetzlichem Boden auszukämpfen, nicht an der Spitze der Revolution. Der Antrag des „Donnersbergs“ wurde von den beiden anderen Fractionen fast einmüthig abgelehnt, gegen 19 Stimmen. Diesem Beschluß ordnete sich auch die extreme Minderheit unter, indem sie ruhig weiter verhandelte — da wurde die Deputation der Versammlung der Pfingstweide angemeldet. „Mit Gut und Blut wollen wir die Linke schützen“, rief der Sprecher der Deputation, „wenn sie aus jener servilen Versammlung austritt und sich selbstständig constituirt, aber das verlangen wir auch von ihr. Thut sie es nicht, dann freilich wird das Volk die Linke als ebenso ehrlos betrachten, wie die Mitglieder der Majorität, dann freilich wird die neue Revolution auch über die Linke hinweggehen und diese vernichten wie das Centrum und die Rechte!“[222]
Der so sprach, hieß Germain Metternich und war der Führer der Massen, die sich zum bewaffneten Aufruhr anschickten, der Gracchus der Pfingstweide. Vogt entgegnete ihm Namens der drei versammelten Fractionen der Linken trocken, daß man im entgegengesetzten Sinne bereits entschieden habe. Venedey stellte ihnen das Verbrecherische ihres Beginnens vor. Da wurden Beide verhöhnt, besonders Venedey. Die Helden der Gasse sagten sich feierlich los von der „ehrlosen“ Linken.
Als am 18. September früh 9 Uhr die Parlamentssitzung begann, glänzten Bajonette rings um die Paulskirche. Früh 3 Uhr waren auf Schmerling’s und des Frankfurter Senats telegraphische Weisung 2400 Oesterreicher und Preußen von der Mainzer Garnison in Frankfurt eingetroffen. Schmerling und die anderen „in Frankfurt anwesenden Reichsminister“ hatten in der kritischen Lage die einstweilige Leitung der Geschäfte wieder aufgenommen. Unglücklicherweise hatten die Truppen den Nordeingang zur Paulskirche nicht besetzt, auf welchen zwei enge Gassen mündeten, und durch welchen die Abgeordneten einzutreten pflegten. Hier hatten sich die erregten Massen zusammengerottet. Und eben als das Parlament, nach heftiger aber vergeblicher Einsprache der äußersten Linken[223] gegen die militairische Machtentfaltung vor der Kirche, in seine Tagesordnung eintrat und den Artikel der Grundrechte berieth: „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei“ — da dröhnte die Nordpforte der Kirche von Schlägen und Stößen. Zuvor war schon ein verspäteter Abgeordneter (Riesser) von dem Pöbel mißhandelt, ein in die Kirche bereits eingedrungener Haufe mit Gewalt von Abgeordneten hinausgedrängt worden. Nun klaffte von dem wuchtigen Anprall die Pforte, von oben bis unten gespalten, auseinander. Eine ungeheuere Erregung bemächtigte sich der Versammlung. Würdevoll und erfolgreich mahnte Gagern zur Ruhe und Besonnenheit. Dann hörte man draußen kurzen Kampf, gellende wüste Rufe der Angst und Verwünschung, dann ward es still. Die Preußen hatten die Banden mit dem Bajonett von der Thüre getrieben.[224] Die Versammlung setzte die Berathung in Ruhe fort bis Nachmittags 2 Uhr.