Ein merkwürdiger Anblick bot sich den Abgeordneten, als sie heraustraten. Ueberall waren in der Zwischenzeit Barrikaden entstanden. Die Aussagen Aller stimmten darin überein, daß sie erbaut worden waren vor den Augen der Soldaten, die Gewehr in Arm zuschauten, ohne daß auch nur der Versuch gemacht worden wäre, ihre Entstehung zu hindern; sogar Kinder hatten das Material zum Bau mit herbeigeschleppt! Wenn es später nicht schwer war, auch die stärksten dieser Bollwerke der Empörung zu stürmen, wieviel leichter wäre es gewesen, ihren Aufbau unmöglich zu machen. Diese Thatsache mußte mit tiefem Mißtrauen erfüllen gegen die Absichten des Mannes, der die nothwendige Dictatur in seine Hand genommen, gegen Schmerling. Dazu kam, was man später erfuhr, daß die heftigsten Aufwiegler zum Kampfe Menschen waren, die Keiner kannte, und die alsbald nach dem Ausbruch verschwanden, die man also nicht mit Unrecht für angestiftete Sendlinge hielt.[225] Auch Germain Metternich, der mit einer Karte Frankfurts in der Hand, überall die Punkte bestimmt hatte, wo Barrikaden anzulegen seien, ist an diesem Tage im Palais des Herrn Reichsministers v. Schmerling mehrfach ein- und ausgegangen.[226]
Nach Beendigung der Sitzung griffen die Truppen an. Zwei Barrikaden stürmten die Preußen, zwei die Oesterreicher. Auf beiden Seiten fielen in dem ganzen heißen Kampfe kaum zehn Opfer. Doch wäre auch dieses Blut zu sparen gewesen, wenn man früher eingeschritten wäre. Gegen 5 Uhr waren die drei Hauptbarrikaden noch nicht genommen. Es trat eine kurze Waffenruhe ein. Man erwartete per Bahn die reitenden Batterien von Darmstadt.
Noch einmal bot Blum Alles auf, um weiteres Blutvergießen zu hindern. Er und seine Freunde begaben sich zum Reichsverweser und Schmerling, und beschworen diese, eine friedliche Lösung herbeizuführen. Der Reichsverweser zeigte sich bereit, Schmerling deutete an, die Lieblinge des Volks möchten selbst den Versuch einer Versöhnung machen. Da schritt Robert Blum mit Ludwig Simon und Anderen unbewehrt den Barrikaden entgegen und redete zum Frieden, mahnte dringend, von weiterem Widerstand abzulassen. Aber Dutzende von Flintenläufen erhoben sich gegen seine Brust. Tobende Verwünschungen erfüllten die Luft. Die Freunde rissen Blum zurück. Er wäre gemordet worden, wenn er ihnen nicht folgte.[227] Die teuflische Rohheit und Mordlust der Massen hatte sich ja um dieselbe Stunde in entsetzlicher Weise offenbart. Vor dem Bockenheimer Thor waren die Abgeordneten Auerswald und Lichnowsky barbarisch hingeschlachtet worden! Die furchtbare Kunde durcheilte die Stadt, während das dumpfe Grollen der schweren Geschütze ansagte, daß der Angriff gegen die Barrikaden wieder begonnen habe. Als der schöne fürstliche Kämpfer der Rechten in der Nacht im Armenspital seinen Geist aufgab, war jener unselige Aufstand im Blut erstickt, der ihm sein junges vielversprechendes Leben gekostet.
Wohl mochte das Parlament wieder aufathmen, als es am Morgen des 19. September zur gewohnten Arbeit schritt, befreit von der Sorge, vom empörten Pöbel erdrückt zu werden. Aber das richtigste Wort für die Bezeichnung der Lage sprach an jenem Morgen doch Venedey in die behagliche Stimmung der Rechten hinein: „Ein Sieg, wie der gestrige, hat eine hohe Gefahr; hüten Sie um so bedächtiger die Freiheit, weil der Rückschritt sich dieses Sieges bemächtigen kann“. Dieselbe peinliche Sorge quälte Robert Blum. Er schwieg vornehm still auf die Anklage Stavenhagen’s, der an diesem Morgen durch Verlesung des früher erwähnten Artikels der Reichstagszeitung vom 19. die Mitschuld Blum’s an der niedergeworfenen Bewegung zu begründen versuchte. Denn jede persönliche unverdiente Verdächtigung erschien Blum klein gegen die Gefahr, welche der deutschen Nationalversammlung nun drohte: niemals wieder durfte sie hoffen, ihre Macht nach oben zu wenden, seitdem zum Schutze des Parlaments die Waffen nach unten gekehrt worden waren! Er hat mit keinem Worte im Parlament dieser ihn niederbeugenden Ueberzeugung Ausdruck gegeben. Aber seine vertraulichen Briefe aus jenen Tagen sind davon erfüllt. Darüber schrieb er am 23. und 28. an die Frau, und am eingehendsten an Haubold am 3. October:
„Lieber Freund! Wie es hier geht? Es ist fast überflüssig zu sagen: schlecht. Man fühlt diese Stellung um so mehr, als wir die beste hatten und gewissermaßen die Hand nur ausstrecken durften, um die Frucht viermonatlicher schwerer Arbeit zu brechen. Dieser unsinnigste und fluchwürdigste aller Straßenkämpfe hat uns fast ebensoviel geschadet, als die Februar- und Märzrevolution genützt und man fragt sich oft ernstlich, ob es wirklich ein revolutionäres Frühjahr gegeben habe. Und wie stehen wir persönlich? Von der einen Seite gibt man uns „intellectuelle Urheberschaft“ eines Kampfes schuld, bei welchem nur wir verloren haben und nur wir verlieren konnten. Auf der andern Seite wirft man uns Verrath des Volkes, Feigheit und Unentschiedenheit vor, weil wir die Versammlung auf der Pfingstweide nicht für das deutsche Volk ansehen und uns den Dictaten ihrer exaltirten Abgeordneten nicht fügen wollten. Wahrlich, man möchte oft lieber in den Urwäldern von Californien sitzen, als in der deutschen Volksvertretung. Nie hat eine Partei so unmittelbar am Siege gestanden, als die unsere und nie hatte sie bei nur einem Fünkchen von Vernunft mehr Interesse davon, daß keine gewaltsame Verschiebung dieser Stellung eintrete; dennoch aber soll gerade sie die Gewalt provocirt haben! Es ist entsetzlich, wie weit die Parteileidenschaft die allereinfachsten Verstandssätze verkommen lassen kann.
Gott sei Dank, die Dummheit, welche uns in den Straßen zu Frankfurt, im Badischen Oberlande, in Würtemberg, Köln u. s. w. zu Grunde gerichtet hat — sie erhebt uns wohl auch wieder. Denn die Reaction ist zu übermüthig, sie errichtet Barrikaden in der Paulskirche und fällt so in Struvescher Manier in das Gebiet des Rechtes und der Billigkeit ein, daß sie sich selbst zu Grunde richten muß. Hoffentlich wird sie die Hand an einige Abgeordnete legen, und deren 4–6 zum Opfer bringen, was diese Sache nur fördern kann. Lust hat man viel dazu, aber man zagt doch immer noch etwas, seiner Herzensneigung zu fröhnen.
Soll ich Dir versichern daß wir keinen Antheil an dem Aufstande haben, daß wir vielmehr als Partei wie als Privatpersonen Alles aufgeboten haben, denselben zu hindern? Dummheiten sind auf der Pfingstweide gemacht worden, das ist wahr, namentlich von Schlöffel und Zitz. Aber es waren nur Dummheiten und ich versichere Dir, an einen Aufstand hat kein Mensch gedacht, es hat ihn kein Mensch geahnt. Man hat diesen Aufstand gepflegt wie eine Treibhauspflanze; man hat das Blut unnütz und frevelhaft vergossen; mit einer Compagnie Soldaten war die ganze Kinderei — es war Anfangs nichts anderes — zu beseitigen. Das unter uns und ich hoffe Dir die Angelegenheit gelegentlich mündlich auseinandersetzen zu können; der Oeffentlichkeit gegenüber läßt sich jetzt nichts thun, wir haben einmal Barrikaden gebaut, Lichnowsky erschlagen und den Struve ins Oberland gelockt oder gerufen — das müssen wir tragen, bis aus dem Duster der Untersuchung die Thatsachen mit einfacher Klarheit hervortreten. Dann werden wir gerechtfertigt sein, aber das verblendete Volk wird zu spät die Augen öffnen. Während es seine entrüsteten Blicke auf die angeblichen „intellectuellen Urheber“ lenken läßt, wird man ihm Hände und Füße knebeln und es mißhandeln wie früher. Ach, das Schicksal unsres Vaterlandes und unseres Volkes ist doch ein sehr trauriges; es scheint mir oft, als ob es zum Tode verurtheilt sei, und nicht die Kraft zu einer Auferstehung habe.“
Am 4. October schrieb Blum in gleicher Stimmung an seine Gattin:
„Liebe Jenny! Wie es uns hier ergeht, das hast Du theils aus den Zeitungen theils aus dem Briefe an Jäckel ersehen. In der Nationalversammlung verfolgt aus Bosheit, vom Volke in die traurigste Stellung gebracht aus Dummheit, von den Demokraten angefeindet und geächtet aus Unverstand, stehen wir isolirter als jemals und haben vor wie rückwärts keine Hoffnung. Die Zersplitterung Deutschlands hat nicht blos Staaten und Stämme auseinander gerissen, sie frißt sogar wie ein böses Geschwür an einzelnen Menschen und trennt sie von ihren Genossen, von aller nothwendigen Gemeinsamkeit. Die letzten Wochen sind Kräfte vergeudet und thörichterweise vernichtet worden, die bei weiser Zusammenfassung und sorgsamer Verwendung hingereicht hätten, das Schicksal Deutschlands vollständig umzugestalten. Nie bin ich so lebens- und wirkensmüde gewesen, wie jetzt; wäre es nicht eine Schande, sich im Unglück von den Kampfgenossen zu trennen, ich würde zusammenraffen, was ich allenfalls habe und entweder auswandern, oder mir in irgend einem stillen friedlichen Thale des südlichen Deutschlands eine Mühle oder dergleichen kaufen und nie wieder in die Welt zurückkehren, sondern theilnahmlos aus der Ferne ihr Treiben betrachten. Nicht weil ich muthlos bin und am endlichen Siege der Vernunft verzweifle, sondern weil ich wirklich müde bin, völlig abgerungen in dieser Sisiphusarbeit, die ewig sich erneuert und kaum einen Erfolg zeigt. Indessen, es muß ausgehalten sein und da einmal nach dem Naturgesetz die Revolutionen ihre Kinder fressen, so mag es ruhig diesem Hungermomente entgegen gehend; die Erschlaffung, welche so natürlich sich an die traurigen Erfahrungen der letzten Zeit knüpft, wird wohl auch wieder weichen.
Gehen wir zu Deinen unbeantwortet gebliebenen Briefen zurück und verfolgen sie nach ihrer Reihenfolge: Die Vaterlandsvereine in Leipzig überbieten sich gegenseitig in Dummheiten, der eine zieht thörichterweise der Bourgeoisie die Zollkastanien aus dem Feuer, der andere gestaltet auf seine Weise die Welt um und hebt sie aus den Angeln, ohne nur die Kraft oder den Standpunkt des Archimedes zu haben. Wenn ich denke, ich müßte jetzt nach Leipzig zurück, um dort zu bleiben, ich könnte schwermüthig werden. — Ueber das Ministerium — Blum bist Du nun wohl beruhigt; es ist bis Ostern verschoben, wenn es auch dann nicht so heißt, so wird es doch wahrscheinlich so sein. Auf Namen und Menschen kommt’s nicht an. Die Sorgen um den Haushalt bist Du los und zu sterben aus Patriotismus brauchst Du auch nicht. — Träume! Träume! und doch war ihre Verwirklichung nahe und wäre eingetreten, wenn man vernünftig war. — Wegen dem Schillerfest hat mir Haubold geschrieben; es findet statt, und ich werde also wahrscheinlich dazu kommen, wenn auch nur auf kurze Zeit. Dann wird es mir wenigstens leichter werden, Weihnachten hier zu bleiben, was wohl unvermeidlich sein wird. — Nächstes Frühjahr muß sich die Sache jedenfalls wenden und ob nach dieser, ob nach jener Seite, man wird im Stande sein, einen festen Lebensplan zu fassen. Wenn man dann nur nicht ein rein verlorenes Jahr zu beklagen hat. — Es ist jetzt Messe in Leipzig und ich denke mit Kummer und Sorge daran, daß ich Dir arme Frau, stets etwas gab zur Ergänzung kleiner Haushaltungsbedürfnisse; wie viele mögen deren sein, da Du auch die Ostermesse nichts bekamst! Und doch kann ich leider nicht, ich habe nichts. Die letzen 14 Tage haben solch riesenhafte Opfer gefordert, daß die ganze Linke auch finanziell ruinirt ist; dem Unglücklichen muß man helfen, wie sehr man auch Ursache hat, mit ihm zu zürnen. Und ich hatte wahrlich gerade jetzt Sorge genug. — Neues ist hier nichts, Stadt und Umgegend ist vollgespickt mit Soldaten und der Schrecken führt das Regiment; wenn derselbe noch von der Kraft gehandhabt würde, so ließe ich mir’s gefallen: aber dieser Schmerling ist das Sinnbild der Feigheit und der niederträchtigsten diplomatischen Schurkerei — und der ist Dictator! Lebe recht wohl mit den Kindern. Ich habe noch viel zu schreiben diesen Morgen und muß daher aufhören.