Hoffentlich sehen wir uns in 5 Wochen.[228] Du wirst das ja aus den Veranstaltungen erfahren, es wäre mir sehr lieb. Aber wenn davon die Rede ist in der Stadt, so erkläre nur rund heraus, daß ich keine Theilnahme an politischen Dingen, welcher Art sie auch sind, will, sondern die 3 Tage, die mir höchstens vergönnt sein werden, lediglich zu Hause bleibe (abgesehen vom Schillerfeste.) Also nochmals Lebewohl! Es gehe Euch so gut als möglich. Gruß und Kuß von Herzen von Deinem
Robert.“
In diesen Briefen ist schon ausgesprochen, wie verworren unterdessen die Verhältnisse in Sachsen geworden waren.
Die Dictatur, welche Jäkel seit dem 3. September in den Vaterlandsvereinen übte, war um so unerträglicher für jeden Freund der Erhaltung des Staates, als auch Minister Oberländer schon am 4. September der Deputation, welche ihm die Beschlüsse des souveränen Volkes überbrachte, mannhaft erklärt hatte, daß er sich in der Frage des Wahlgesetzes von seinen Collegen nicht trennen werde, auch wenn er in einzelnen Fragen anderer Ansicht sei als sie. Die Demagogen von Jäkel’s Schlag mußten daher erkennen, daß ihre bisher gehegte und öffentlich ausgesprochene Hoffnung, sie würden an Oberländer ein Ministerium ihrer Mache angliedern können, durchaus hinfällig sei. Sie mußten Anfang October aber auch die weitere Erfahrung machen, daß ihre Partei selbst im Landtag nur eine unbedeutende Minderheit darstellte.
Am 27. September hatte im Landhaus zu Dresden die Berathung des neuen, von Jäkel und seinen Freunden als unannehmbar bezeichneten Wahlgesetzes begonnen. Am 3. October war es bereits, gegen zehn Stimmen der äußersten Linken, angenommen. Noch ehe diese Landtagsverhandlung die volle Schwäche der Fraction Tzschirner dargethan, hatte der Leipziger Dictator auch an Blum und Günther „Fractur geschrieben“, um unter allen Umständen endlich Blum zu seinen demagogischen Umtrieben herüberzuziehen. Bot doch das Verhalten der Linken während der Septembertage dem revolutionären Unverstande eine reiche Quelle der Unzufriedenheit. Am 23. September schrieb er darüber an Blum:
„Lieber Blum! Nur wenige Worte. Daß Du nebst Günther mit Ablauf dieses Quartals von der Redaction der „Vaterlandsblätter“ zurücktrittst, wird hier allgemein (!) erwartet. Das Blatt ist zu scheußlich, zu charakterlos. Unzählige (!) Schreiben, die bei dem Centralausschusse aus der Provinz eingegangen, sprechen ihre Verwunderung darüber aus, wie Eure Namen noch auf diesem reactionären Blatte stehen können.“ Um Blum zu zeigen, welche Schreckmittel der rothe Dictator noch im Hintergrunde verwahre, fuhr er also fort: „Sodann mache ich Dich darauf aufmerksam, daß doch endlich die Actiengeschichte mit der vor zwei Jahren projectirten Buchhandlung abgewickelt werden möge. Ich habe darüber neuerdings manche Klage hören müssen. Die Leute können sich nicht erklären, warum sie gar keine Nachricht erhalten, was mit ihrem Gelde angefangen worden ist.“ — Also neben seiner zwölfstündigen parlamentarischen Arbeit sollte Blum sich in Frankfurt auch sofort an die Rechnungslegung über den zweijährigen Geschäftsbetrieb der Actienbuchhandlung machen, um dem für den Fall des Ungehorsams gegen Jäkel deutlich vorbehaltenen Vorwurf der Veruntreuung anvertrauter Gelder zu entgehen. Nach einem Gedankenstrich fährt Jäkel fort: „Auch hat es hier im Allgemeinen einen übeln Eindruck gemacht, daß die Linke in Frankfurt nach dem ehrlosen Beschluß der Nationalversammlung in der Waffenstillstandsfrage nicht ausgetreten ist. Man (!) wird nachgerade diese Parlamentsspielerei, wobei nur Schande herauskommt, müde, daß die Linke den Zeitpunkt versäumt hat, durch einen entschiedenen Schritt die deutsche Bewegung in eine neue Phase zu führen, dürfte ihr in ganz Deutschland ungeheuer geschadet haben. Es fällt mir nicht ein, Euch gute Lehren geben zu wollen“ — Gott bewahre! — „aber relata refero“ — der reine Tacitus, sine studio et ira! — „Das allgemeine Urtheil der Entschiedenen stimmt so ziemlich dahin überein: Diesmal hat’s die Linke verdorben! — Ich wünschte darüber Deine Ansicht zu hören und bitte Dich daher, mir, wenn Du einmal ein Viertelstündchen Zeit hast, einige Zeilen zu schreiben. Dein treuer Jäkel.“ — Das Wichtigste war in einer unverfänglichen Nachschrift untergebracht: „Schreibe mir auch ein Wort darüber, ob Du die Wahl in den Ausschuß des Vaterlandsvereins annimmst, sage dies auch Günther.“
Blum antwortete dem „treuen“ Jäkel nicht. Er hatte seine Gründe zum Schweigen. Infolge dessen schrieb der entrüstete Monopolist der „entschiedenen“ Gesinnung im Königreich Sachsen am 27. September von Leipzig an Blum’s Schwager:
„Lieber Günther! Ich bin Dir noch auf Deinen letzten Brief die Antwort schuldig. Was Du mir dort ans Herz legtest, die moralische Unterstützung der Linken durch Agitation im Großen, (!) es ist geschehen, und namentlich habe ich meine Stellung im Centralausschuß dazu benutzt.
Aber was hilft uns hier alle Rührigkeit und Tapferkeit, wenn ihr in Frankfurt im gegebenen Augenblick nicht zu handeln versteht? Ihr gebt uns immer guten Rath, wir sollten feststehen, die Courage nicht verlieren und dergleichen. Es wäre vortrefflich, wenn ihr selbst zur rechten Zeit Muth hättet. Warum tratet ihr nach dem schmachvollen Waffenstillstandsbeschluß nicht aus dem Parlamente aus und constituirtet ein eigenes? O ihr klugen Staatsmänner, daß ihr die centnerschwere Wichtigkeit dieses Augenblicks verkanntet! Ihr härtet Deutschland eine neue Seele gegeben und, gehoben und getragen von der Kraft der ganzen Nation, eine ungeheure Macht in euren Händen vereinigt. Jetzt habt ihr Ohnmacht und Schande, und das Vertrauen des Volkes zu euch ist, wenn noch nicht ganz vernichtet, so doch mächtig, unheilbar erschüttert. Als gestern Abend in einer Gesellschaft radikaler Männer ein Artikel aus der Deutschen Allgemeinen vorgelesen wurde, welcher berichtete, welche Beleidigungen sich die Linke bei einem Versuch zur Leichenfeier für die Gefallenen habe gefallen lassen müssen, brachen alle Anwesende in Beifallklatschen und Bravorufen aus. „Mit Füßen müssen sie getreten werden,“ meinten Einige, „dann werden sie wohl merken, wie viel Uhr es geschlagen hat.“ Und es wird kommen, ihr werdet mit Füßen getreten werden, wenn ihr’s in diesem Augenblicke nicht schon seid. O ihr habt viel, sehr viel versäumt. Ich bin kein Sanguiniker. Aber ich habe die feste Ueberzeugung, daß, wenn ihr damals den entscheidenden Schritt gethan hättet, derselbe gelungen, herrlich gelungen wäre. Ihr schlagt Deutschland, namentlich Nord- und Mitteldeutschland, viel zu gering an. Ueber Sachsen seid ihr offenbar ganz falsch unterrichtet. Und warum? Wenn ein Joseph, ein Schaffrath hierher kommen, verkehren sie mit den alten abgedankten Liberalen, diesen Weibern in Männerkleidung, diesen mitleidswürdigen Schwachmaticis. Da bekommen sie freilich ein trauriges Bild von Sachsen. Ich sage Dir aber: Baden kann nicht besser, nicht glühender republikanisch sein, als Sachsen. Bei der elenden Vermittlungspolitik, die früher von dem leitenden Ausschusse der Vaterlandsvereine beobachtet wurde, konnte dies freilich nicht zum Vorschein kommen. Jetzt aber, wo wir offen die Fahne der entschiedensten Gesinnung aufgepflanzt haben, bricht die langverhaltene Gluth mit doppelter Macht hervor. Alles fällt uns zu: Alles unterwirft sich dem Centralausschuß; allenthalben stürzt man die alten, aus abgelebten Liberalen zusammengesetzten Ausschüsse und zieht uns dann mit fliegenden Fahnen zu. Die Minoritätsvaterlandsvereine sind von 26 auf etwa 15 zusammengeschrumpft, und täglich erfolgen neue Abfälle. Wir zählen 50–60 Vereine, zu denen wir immer noch neue hinzugründen. Die Leute gehorchen uns mit Freuden; denn sie fühlen das Bedürfniß, unter einem bestimmten Befehl zu stehen. Wie regieren wir aber auch! Du kennst mich und kannst Dir daher denken, welche Energie unsere Erlasse durch die Provinz (die übrigens Dresden und Leipzig weit voraus ist) strömen. Die Entschiedenheit, die von uns ausgeht und die uns von allen Seiten entgegenkommt, kann nicht größer sein. Daß bei solchen Leuten die Linke durch ihr neuliches Benehmen nichts gewonnen hat, brauche ich kaum zu bemerken. Im Gegentheil, sie muß sich ganz energisch aufraffen, wenn sie nicht binnen Kurzem allen Boden in Sachsen verlieren will. Wer stützte die Linke hier? Wir, die Partei des Vaterlandsvereins, und wir lassen sie fallen, wenn sie fortfährt, sich schwach zu zeigen. Wir wollen nicht unsere alten schwatzenden Kammern in Frankfurt aufleben sehen, wir wollen, daß man auch handelt, wenn es Zeit ist, und im Nothfall für die gute Sache sein Leben einsetzt. Die Ereignisse, wenn sie geschehen sind, auszubeuten, ist keine Kunst. Aber Ihr sollt sie mit herbeiführen helfen, Ihr sollt Geschichte machen, und Ihr hättet allerdings welche gemacht, wenn Ihr Euch als eigenes Parlament constituirt und damit die Zügel der Revolution in die Hände genommen hättet. Ich habe Blum schon vor einem Monat geschrieben: wir seien entschlossen, Niemanden mehr zu schonen, der nicht ganz entschieden auftrete. Ich weiß nicht, ob er das richtig verstanden hat; aber auf gut deutsch heißt es: Wir lassen uns für Euch todtschlagen, so lange Ihr die Freiheit mit Kraft anstrebt; wir schlagen Euch aber selbst zuerst todt, sobald Ihr schwankt und durch Aengstlichkeit große Dinge verpfuschen wollt. Gestern habe ich’s im Vaterlandsvereine offen ausgesprochen, daß Volksführern, die erst zur Revolution reizen und dann das Volk in der ernsten Stunde des Kampfes verlassen, die Kugel vor den Kopf gehört, und der brausende Beifall der Versammlung gab mir Recht. So steht es hier, lieber Freund! Glaubt nicht, daß das Volk sich beliebig gängeln läßt; es stellt auch Anforderungen an seine Führer und wenn diese nicht erfüllt werden, so zerfleischt es sie. Wäre ich in Frankfurt gewesen und hätte an der Spitze des Volkes gestanden, es hätte wahrlich der Linken und ihren Stimmführern nicht so hingehen sollen. Ich würde ein Wort mit ihnen gesprochen haben, das sie vielleicht gefügig gemacht hätte. Entweder, oder! Gestorben muß es sein. Also entweder für uns, oder durch uns! — Nimm Dir aus diesen abgerissenen Gedanken das Beste heraus. In den nächsten Tagen rücken Preußen hier ein, die berüchtigten Schweidnitzer. Das Uebrige kannst Du Dir denken.
Dein J.“
Nicht diese pöbelhaften Briefe bewogen Blum und Günther, endlich doch ihrem alten Organ in der Heimath, den Vaterlandsblättern, die Freundschaft aufzusagen. Aber in Manchem hatte Blum mit den Leitern des Blattes (Rüder und Cramer) die Fühlung verloren. Sie waren ihm zu „ministeriell“ geworden. Er hielt Jäkel, abgesehen von seinen radicalen Verschrobenheiten, für einen weit energischeren Agitator als seine bequemer gewordenen alten Freunde. Jäkel schien vor Allem brauchbarer als — Popanz; mit ihm meinte Blum dem Frankfurter Parlament weit besser graulich machen zu können, als mit seinen maßvolleren Leipziger Freunden, die mindestens nichts Schreckliches an sich hatten. So sollte denn zunächst eine öffentliche Absage von den Vaterlandsblättern erscheinen. Sie lautete:
„Erklärung. Seit unserer Entfernung von Leipzig (März resp. Mai d. J.) haben unsere Namen auf dem Titel dieser Blätter keinen anderen Sinn, als daß wir materiell bei der Herausgabe derselben betheiligt waren und sind. Da unsere Abwesenheit von Leipzig allem Anscheine nach noch lange dauern kann, da uns von verschiedenen Seiten aus Mißverständniß eine Mitverantwortlichkeit für den Inhalt dieser Blätter zugeschrieben wird; da wir diese um so weniger übernehmen können, als wir mit der Haltung derselben in der Angelegenheit der Vaterlandsvereine und gegen das sächsische Ministerium nicht allein durchaus nicht einverstanden sind, sondern im entschiedensten Widerspruche stehen, so ziehen wir unsere Namen als Mitherausgeber der „Vaterländischen Blätter“ hiermit zurück.“
Energisch warnten da Cramer und vor allem Rüder[229] den Freund vor diesem Schritte. Rüder schrieb von Leipzig am 9. October: