„Lieber Freund! Du wirst eine gestern von Cramer im Einverständniß mit mir abgesendete Warnung erhalten haben, die Namenstreichung auf den Vaterlandsblättern betreffend. Unsere Remonstration ist nur gegen die Form der Erklärung gerichtet und wir wünschen die Aenderung nur in Deinem Interesse. Ich gebe Dir namentlich Eins zu bedenken. Während Jäkel’s Verein jetzt erkennt, daß es auf der früher betretenen Bahn nicht fortgehen kann, daß die Agitation gegen die Minister nicht fortgesetzt werden kann, während eine Vereinigung der Vereine jetzt angebahnt ist, werft Ihr durch Eure Erklärung wieder Zwietracht in die Vereine und stellt Euch gegenüber dem sächsischen Ministerium auf eine Stelle, auf welcher nur noch Weller und Genossen stehen. Dies würde Euch sehr verdacht werden. Lies die Verhandlungen der ersten Kammer vom 6. October und erwäge, ob man nach der Haltung, welche Pfordten und Oberländer dabei eingenommen, es verantworten kann, sie wegzujagen. Du tadelst es, daß wir das Ministerium zu stützen suchen, und ich halte die Art, wie Oberländer in der „Reichstagszeitung“ angegriffen worden, für eine unwürdige. Objectiv mag man die Angriffe ausdehnen so weit man will, aber es muß ohne hämische persönliche Ausfälle geschehen. Wir haben eben noch keine Veranlassung gehabt, aus diesem Grunde irgend einen Artikel zurückzuweisen. Mit freundschaftlichem Gruße Dein Rüder.“

Schon infolge der Warnung Cramers hatte Blum, nach nochmaliger Rücksprache mit den Freunden (Günther, Joseph Schaffrath u. A.), die Absage an die Vaterlandsblätter zurückgehalten und dagegen die Annäherung an Jäkel aufgegeben und diesem geschrieben, daß dessen Stellung gegenüber der Haltung der Linken in den Septembertagen jede Ausgleichung ihrer Standpunkte unmöglich mache. Dieser Brief war eingelegt in einen an Blum’s Gattin vom 10. October:

„Liebe Jenny! Deine Mittheilungen über Jäkel, verbunden mit einem Briefe ähnlichen Inhalts, welchen derselbe direct an Georg geschrieben hat, veranlassen mich zu der anliegenden Antwort. Laß ihn rufen und gieb sie ihm selbst. Es scheint allerdings, daß wir durch Dummheit zu Grunde gehen sollen und zwar durch die unserer „Freunde“. Machten unsere Gegner nicht noch größere, so müßten wir schon zu Ende sein. Morgen (Sonntag) will ich mit einigen Freunden in den Taunus gehn, in das wildeste, tiefste Gebirge, um Kriegszustand und Belagerung und Soldaten auf einen Tag zu vergessen; es wird einem übel dabei.

Wie steht’s mit dem Schillerfeste? Es wird wohl nichts? Dann muß ich leider bleiben und selbst zu Weihnachten bleiben, denn es wird mir wahrlich sauer[230].“

Damit hatte Blum den unheilbaren Bruch mit dem revolutionären Radicalismus der Heimath vollzogen. Er wußte, daß nun von dorther aller Schimpf und aller Haß auf seinen Namen geschleudert werden würde und doch hatte er sich noch niemals so todtmüde, so kampfessatt gefühlt wie jetzt.

Dieses tiefe Bedürfniß nach einer Ruhepause in jenem unablässigen Kampfe, der dem rüstigen Kämpfer nur völlige Ermattung und Niedergeschlagenheit, beinahe Hoffnungslosigkeit eingetragen hatte, sollte mit einem Male in eigenthümlicher Weise befriedigt werden: durch seine Reise nach Wien. Die untrüglichen Zeugnisse von der Stimmung Blum’s vor Antritt der Wiener Reise, welche in seinen Briefen vom 3., 4. und 10. October niedergelegt sind, bewahrheiten aber zugleich nachdrücklich die Ansicht, daß der Führer der Frankfurter Linken „vor- wie rückwärts keine Hoffnung“ sah, mit der bisherigen Parteitaktik weiter zu kommen, daß ihm namentlich auch ein Anschluß an die „Demokraten, die ihn angefeindet und geächtet aus Unverstand“, in tiefster Seele zuwider war, und daß er daher diese Reise wohl antrat mit dem stillen Vorsatze, mit einem neuen realpolitischen Plane und mit neuer Kraft zu seiner Partei zurückzukehren. Sein Tod aber breitet über die Antwort auf diese Frage das Schweigen des Grabes.

Die Antwort, die der Tod nicht geben kann, giebt indessen ziemlich deutlich sein Verhalten vor seiner Abreise nach Wien.

[18. Nach Wien und in Wien.]
(Wiener Octoberrevolution 1848.)

Noch weniger als eine umfassende Geschichte der deutschen Bewegung des Jahres 1848 kann und soll hier geboten werden eine eingehende Darstellung jener Vorgänge im Kaiserstaat Oesterreich, welche im October 1848 zu der Krisis in Wien führten. Hier können nur die wichtigsten Ereignisse in andeutenden Strichen in Erinnerung gebracht werden.[231]

Vor Allem kommt es hier darauf an nachzuweisen, wie die staatsrechtlichen Verhältnisse Oesterreichs zur Zeit der Octoberrevolution lagen. Dadurch allein tritt die Wiener Octoberrevolution in das richtige geschichtliche Licht, wird sie vom sittlichen und staatsrechtlichen Standpunkt gerecht beurtheilt, während andererseits das Unternehmen des Fürsten Windischgrätz gegen Wien die gebührende Beleuchtung empfängt. Namentlich für das Urtheil über Robert Blum’s Betheiligung an der Wiener Octoberrevolution und über den gegen ihn verhandelten kriegsgerichtlichen Proceß ist eine Prüfung der öffentlich-rechtlichen Verhältnisse des damaligen Oesterreich von entscheidender Bedeutung.