Doch wer könnte sie erschöpfend aufzählen alle jene unzähligen Anträge, Schritte und Aussprachen von Behörden aller Art, welche Sühne für Blum’s Tödtung heischten? Was der Todte dem ganzen Volke gewesen, erkannte schmerzlich bewegt Freund und Feind.

Noch gewaltiger und ergreifender aber äußerte sich die Todtenklage der schlichten Volksseele. Treffend schreibt Gustav Kühne:[360] „Keinem Helden, der auf dem Felde der Ehre, keinem Dichter, keinem Genius irgend welcher Art, der für Deutschlands Ruhm verblutet, keinem Könige und Fürsten hat noch je deutsches Volk so im Tode gehuldigt.“ In Hunderten von Volksversammlungen forderten Millionen deutscher Männer Sühne für das begangene Verbrechen: Alle umsonst; denn wir waren ein ohnmächtiges Volk. Wie ohnmächtig wir waren, ergibt am besten folgender Vorgang. Als die deutschen Reichscommissare Paur und Pözl, welche zur Ausführung des über Blum’s Hinrichtung am 16. November in der Paulskirche gefaßten Beschlusses nach Wien gesendet worden, den bösen Willen und das böse Gewissen Oesterreichs endlich in einer Denkschrift brandmarkten, schrieb dagegen der österreichische Bevollmächtigte in Frankfurt an das Reichsministerium: daß man zu Wien sich der Hoffnung hingebe, „es werde das Reichsministerium sich mit dieser erschöpfenden (!) und jedenfalls letzten Entgegnung der k. k. Regierung in Betreff der in Rede stehenden Hinrichtung definitiv beruhigen!“ —

In rührendster Weise zeigte sich, wie herzlich das Volk an dem Erschossenen gehangen. In Mannheim und Mainz flaggten alle Schiffe schwarz, Todtenfeiern fanden überall statt. Reich waren im Vergleich zu der damaligen Armuth unseres Volkes die Sammlungen für Blum’s Hinterlassene zu nennen. Manches schöne Gedicht hat die Erregung der schmerzlichen Kunde geboren, keines schöner als Freiligrath’s „Blum“:

Vor zweiundvierzig Jahren war’s, da hat mit Macht geschrieen
Ein siebentägig Kölner Kind auf seiner Mutter Knieen;
Ein Kind mit breiter, offner Stirn, ein Kind von heller Lunge,
Ein prächtig Proletarierkind, ein derber Küferjunge.
Er schrie, daß in der Werkstatt rings des Vaters Tonnen hallten;
Die Mutter hat mit Lächeln ihn an ihre Brust gehalten;
An ihrer Brust, auf ihrem Arm hat sie ihn eingesungen; —
Es ist zu Köln das Wiegenlied des Knaben hell erklungen.

Und heut’ in diesem selben Köln zum Weh’n des Winterwindes
Und zu der Orgel Brausen schallt das Grablied dieses Kindes.
Nicht singt die Ueberlebende, die Mutter, es dem Sohne:
Das ganze schmerzbewegte Köln singt es mit festem Tone.
Es spricht: Du, deren Schooß ihn trug, bleib still auf deiner Kammer
Vor deinem Gott, du graues Haupt, ausströme deinen Jammer!
Auch ich bin seine Mutter, Weib! ich und noch eine Hohe —
Ich und die Revolution, die grimme, lichterlohe!
Bleib du daheim mit deinem Schmerz! Wir wahren seine Ehre —
Das Robert-Requiem singt Köln, das revolutionäre!

So redet Köln! und Orgelsturm entquillt dem Kirchenchore;
Es stehn die Säulen des Altars umhüllt mit Trauerflore,
Die Kerzen werfen matten Schein, die Weihrauchwolken ziehen,
Und tausend Augen werden naß bei Neukomm’s Melodien.
So ehrt die treue Vaterstadt des Tonnenbinders Knaben —
Ihn, den die Schergen der Gewalt zu Wien gemordet haben!
Ihn, der sich seinen Lebensweg, den steilen und den rauhen,
Auf bis zu Frankfurts Parlament mit starker Hand gehauen!
(Dort auch, was er allstündlich war, ein Wackrer, kein Verräther!) —
Was greift ihr zu den Schwertern nicht, ihr Singer und ihr Beter?
Was werdet ihr Posaunen nicht, ihr eh’rnen Orgeltuben,
Den jüngsten Tag ins Ohr zu schrein den Henkern und den Buben?
Den Henkern, die ihn hingestreckt auf der Brigittenaue —
Auf festen Knieen lag er da im ersten Morgenthaue!
Dann sank er hin — hin in sein Blut — lautlos! — heut vor acht Tagen
Zwei Kugeln haben ihm die Brust, eine das Haupt zerschlagen!

Ja, ruhig hat man ihn gemacht: — er liegt in seiner Truhe!
So schall’ ihm denn ein Requiem, ein Lied der ew’gen Ruhe!
Ruh’ ihm, der uns die Unruh’ hat als Erbtheil hinterlassen: —
Mir, als ich heut im Tempel stand in den bewegten Massen,
Mir war’s, als hört’ ich durch den Sturm der Töne ein Geraune:
Du, rechte mit der Stunde nicht! die Orgel wird Posaune!
Es werden die du singen siehst das Schwert in Händen tragen —
Denn Nichts als Kampf und wieder Kampf entringt sich diesen Tagen!
Ein Requiem ist Rache nicht, ein Requiem nicht Sühne —
Bald aber steht die Rächerin auf schwarzbehangner Bühne!
Die dunkelrothe Rächerin! mit Blut bespritzt und Zähren,
Wird sie und soll und muß sie sich in Permanenz erklären!
Dann wird ein ander Requiem den todten Opfern klingen —
Du rufst sie nicht, die Rächerin, doch wird die Zeit sie bringen!
Der Andern Greuel rufen sie! So wird es sich vollenden —
Weh’ Allen, denen schuldlos Blut klebt an den Henkerhänden!

Vor zweiundvierzig Jahren war’s, da hat mit Macht geschrieen
Ein siebentägig Kölner Kind auf seiner Mutter Knieen!
Acht Tage sind’s, da lag zu Wien ein blut’ger Mann im Sande —
Heut scholl ihm Neukomm’s Requiem zu Köln am Rheinesstrande.

Wir haben heute erreicht, was Robert Blum erstrebte, und bei seinem Tode unerfüllt sah; wir haben es erreicht, in anderer Weise, als er dachte; anders, als auch unter uns viele erwarteten. Einem Manne danken wir vornehmlich die Verwirklichung unserer nationalen Einheit. So mag denn dieses Mannes Urtheil über Robert Blum diese Lebensgeschichte beschließen.

Am 23. Mai 1870, nach einer Sitzung des Reichstags, in der mich die Herren Socialisten beschimpft hatten, weil durch meine Stimme das Strafgesetzbuch mit zu Stande gekommen war, ersuchte mich der Bundeskanzler, Graf Bismarck, in sein Cabinet zu kommen.